Literaturskandale haben eine lange Tradition. Schon im 18. Jahrhundert sorgte die sadomasochistische Freizügigkeit von Marquis de Sades Justine für rote Ohren. Ähnlich erging es im 19. Jahrhundert Oscar Wildes homophilem Romandebüt Das Bildnis des Dorian Gray. Im 20. Jahrhundert kamen dann die großen Aufreger um die vermeintliche Amoral von Francoise Sagans Bonjour Tristesse, die Blasphemie in Salman Rushdies Die Satanischen Verse und die Gewalt in Bret Easton Ellis‘American Psycho. Um nur ein paar „skandalöse“ Klassiker zu nennen.
Im Folgenden lernst du sieben Hörbücher kennen, die aktuell oder in der jüngeren Vergangenheit für Debatten in der Presse und sozialen Netzwerken gesorgt haben.
Heiß diskutiert: Sieben aktuelle Skandal-Bücher
Es gibt viele Gründe, warum Bücher für Diskussionen sorgen: von kontroversen Inhalten über Plagiatsvorwürfe bis zur Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Wieder andere sollen einfach unwahr sein. Erfahre hier, welche sieben Bestseller Debatten auslösen – und warum.
Wenn Bestseller auf Lügen basieren: Die Salzpfad-Kontroverse
Es war einer der großen Skandale des Buchjahres 2025. Ausgerechnet zum Zeitpunkt des Kinostarts der Verfilmung von Raynor Winns Bestseller-Memoir Der Salzpfad enthüllte der britische Observer, dass zentrale Narrative des Buches gelogen waren. Das wäre bei anderen Memoiren vielleicht weniger tragisch gewesen, aber in diesem Fall, trug die Hochstapelei kriminelle Züge.
Das englische Original The Salt Path war 2019 mit der Hookline erschienen: „Die wahre Geschichte eines Paares, das alles verlor und eine transformative Wanderung auf dem South West Coast Path unternahm.“
Im Buch erzählt Winn eine herzergreifende Läuterungsgeschichte. Sie und ihr Mann Moth verlieren durch ein schiefgelaufenes Investment ihr Vermögen und werden obdachlos. Obendrein bekommt Moth eine schockierende Diagnose: kortikobasale Degeneration – eine unheilbare Parkinson-Variante, die zum Tod führt. Durch die 1000-Kilometer-Wanderung auf dem South West Coast Path schöpfen die beiden neuen Mut und Moths Gesundheitszustand bessert sich zusehends.
Die „wahre Geschichte“ berührte Millionen Leserinnen und Leser weltweit und wurde besonders in Großbritannien zum Mega-Bestseller. Der Observer enthüllte jedoch, dass das Ehepaar Winn sein Vermögen nicht schuldlos verlor, sondern infolge einer gerichtlichen Verurteilung wegen der Veruntreuung von Geldern in Höhe von 64.000 Pfund (etwa 73.000 Euro). Weiterhin ermittelte die Zeitung Ungereimtheiten in der Darstellung von Moths Krankheit, die die Diagnose in Zweifel zogen.
Die Folge der Salzpfad-Kontroverse: Ein massiver Glaubwürdigkeitsskandal. Die Veröffentlichung von Raynor Winns viertem Buch liegt seitdem auf Eis. Zudem folgte eine Grundsatzdebatte über die Verantwortung von Memoirs, die das Wahrheitsversprechen als Verkaufsargument nutzen.
Erzählerischer Schwung siegt über historischen Weitblick: Das Stella-Politikum
Nachdem Takis Würgers erster Roman Der Club zum Bestseller geworden, aber von der Kritik eher verhalten aufgenommen worden war, sorgte Stella in den Feuilletons für handfeste Empörung. Als „Machwerk, der übelsten Sorte“ schalt die NZZ den Roman, als „Schund, der nicht mal als Parodie durchginge“ die FAZ, als „schlampig gemachtes Stück Histotainment“ die taz.
Der Grund für die Erregung: Würger erlaubt sich bei der Romanerzählung über seine historisch verbürgte Titelfigur ein paar zu viele Freiheiten, zeigt aber zu wenig Fingerspitzengefühl für den heiklen Kontext. Stella Goldschlag war zur Zeit der NS-Diktatur als „Greiferin“ tätig, also als deutsche Jüdin, die für die Gestapo untergetauchte Juden aufspürte und sie denunzierte. Letzteres illustriert das Buch durch knappe Zitate aus Gerichtsakten.
Im Schwerpunkt konzentriert Würger sich in dem Roman aber darauf, „seine“ Stella als vitale, wenngleich mysteriöse Lebedame zu zeichnen. Das liegt auch an der Erzählperspektive. Der fiktive Ich-Erzähler Friedrich ist vernarrt in Stella und betrachtet sie durch die Augen des Liebhabers. Dass dieser menschelnde, aber auch etwas unbedarfte Ansatz dem sensiblen Thema Judenverfolgung zur Nazizeit und deren Opfern nicht gerecht wird, war Konsens in der Kritik am Buch. Von mehreren Seiten wurde gar der Vorwurf „Holocaust-Kisch“ laut. In der Folge kam es zu einer generellen Debatte über Ethos und Moral im Umgang mit historischer Fiktion.
Einfach toxisch? Das Phänomen Colleen Hoover und Woman Down
Zwei Jahre war es ruhig um New-Adult-Hohepriesterin Colleen Hoover. Nicht ohne Grund. Die Verfilmung ihres Romans It Ends With Us endete mit einem Skandal, weil Hauptdarstellerin Blake Lively ihren Co-Star und Regisseur Justin Baldoni im Dezember 2024 wegen sexueller Belästigung anzeigte. Hoovers Fans wünschten sich eine deutliche Stellungnahme der Autorin – doch diese blieb aus. Stattdessen kam im Januar Woman Down, der erste neue Hoover-Roman seit zwei Jahren.
In Woman Down geht es um Bestseller-Autorin Petra, die nach einem Shitstorm über die Verfilmung ihres Buches in eine Schreibkrise gerät und sich in eine einsame Hütte zurückzieht – wo ihr ein höllisch attraktiver, aber sadistisch veranlagter Cop den Kopf verdreht.
Die autobiografischen Züge der Ausgangssituation sind unverkennbar, deshalb ging der Buchstart von Woman Down in Fanforen erst mal mit einem Aufschrei einher: Statt sich stichhaltig zum erwähnten Belästigungsskandal um It Ends With Us zu äußern, schlage Hoover nun auch noch Profit aus dem Vorfall, indem sie ihn fiktionalisiere. Die Rezensionen zum Buch prangern derweil ziemlich einhellig Hoovers generelle Verherrlichung traditioneller Geschlechterbilder und toxischer Männlichkeit an.
Die unglücklichen Parallelen von Realität und Fiktion rückten einmal mehr die große Frage in den Fokus: Leisten Hoovers Geschichten sexuellen Übergriffen Vorschub, indem sie sie romantisieren? Wenn im März das Gerichtsduell Lively/Baldoni in die nächste Runde geht, dürfte dieses Thema erneut diskutiert werden.
Projektion: Der Alchemised-Aufschrei
Ein gutes Beispiel für einen Skandal, der (fast) nichts mehr mit dem Buch zu tun hat, ist die BookTok-Kontroverse um SenLinYus Alchemised. Darin lehnt sich Heilerin Helena Marino in ihrer Heimat Paladia gegen die Schreckensherrschaft der sogenannten Nekromanten auf.
An der Story von Alchemised ist nichts Skandalträchtiges. Doch da ist noch die Entstehungsgeschichte des Buches. Es hieß nämlich ursprünglich Manacled („Gefesselt“) und wurde online als Fanfiction-Mix aus Harry Potter und Der Report der Magd veröffentlicht. Als der US-Verlag Del Rey Books die Rechte an dem Stoff kaufte, arbeitete SenLinYu die Geschichte um und strich die Fanfiction-Elemente.
Als die neue Fassung im Herbst 2025 unter dem Titel Alchemised erschien, berichtete gleichzeitig der Hollywood Reporter, dass Legendary Entertainment die Filmrechte an dem Stoff für einen siebenstelligen Dollar-Betrag ersteigert habe. Das brachte Fantasy-Fans bei TikTok in Wallung. Allerdings weniger wegen des absurd hohen Betrags oder weil sie das Buch nicht gut fanden. Vielmehr wurde die Vorgeschichte des Romans problematisiert. Der Ursprung von Alchemised als Harry Potter-Fanfiction mache das Buch zur indirekten Werbeveranstaltung für Harry Potter, hieß es. Damit unterstütze das Buch auch die transphobe Agenda von Harry-Potter-Erfinderin J. K. Rowling.
Bei der Vermarktung von Alchemised achteten Verlag und Autorin dann scheinbar peinlichst genau darauf, keinerlei Erinnerungen an Harry Potter oder J.K. Rowling zu wecken. Am Ende führt die Diskussion aber auch zu der Frage: Gehört jetzt jedes Buch, das in Teilen von Harry Potter inspiriert wurde, auf den Index? Dann wären beliebte Tropes wie Dark Academia und Zauberschul-Storys so gut wie tot.
Ideenklau: Der Crave-Krimi
Plagiatsvorwürfe ziehen sich durch die gesamte Literaturgeschichte. Sind sie berechtigt, verschwinden die betroffenen Titel in der Regel aus der Öffentlichkeit. Ein prominentes Beispiel dafür war Martina Gerckes Holunderküsschen, eine Romanze, die von Sophia Kinsellas Sag’s nicht weiter, Liebling abgeschrieben war. Bei Helene Hegemanns Axolotl Roadkill konnte der Ideenklau dagegen durch nachträgliche Ergänzung von Quellenangaben gelöst werden. Die Justizschlacht um möglichen geistigen Diebstahl in Tracy Wolffs Crave steht hingegen noch aus.
Den Bestseller-Status ihrer Katmere Academy Chroniken kann Tracy Wolff niemand mehr nehmen. Aber ist Crave, der 2021 erschienene erste Band der Reihe, wirklich Wolffs eigenes Werk? Das soll ein Gericht entscheiden. Schon 2022 klagte die New Yorker Anwältin Lynne Freeman gegen Crave, weil ihr vieles in dem Buch allzu vertraut schien. Die Geschichte des Waisenmädchens Grace, das sich im kalten Alaska auf eine gefährliche Romanze mit einem vampirischen Bad Boy einlässt, sei von ihrem eigenen Roman Blue Moon Rising abgeschrieben, behauptet Freeman.
Das vertrackte an der Sache: Blue Moon Rising wurde nie veröffentlicht. Allerdings wurde das Manuskript Jahre vor der Erstausgabe von Crave durch die gleiche Agentin und den gleichen Verlag geprüft, die auch Tracy Wolff vertreten. Wurde dabei die Idee geklaut? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Eine penible investigative Hintergrund-Story über den Fall im Magazin The New Yorker macht zwar einige Argumente zu Freemans Gunsten geltend, lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass es schwierig werden dürfte, das Plagiat zu beweisen. Wolff bestreitet, Freeman und ihrem Manuskript je begegnet zu sein.
Folge des Crave-Krimis: Der Fall ist ein Musterbeispiel für die Schwierigkeiten, geistiges Eigentum endgültig zu schützen – ein Problem, das durch KI eine wachsende Aktualität bekommt. Die Gerichtsverhandlung Freeman/Wolff soll im Laufe des Jahres 2026 stattfinden.
Polarisierende Persönlichkeit: Das Shitstorm-Gewitter um Die Assistentin
Bestseller-Autorin Caroline Wahl polarisiert immer mal wieder mit Äußerungen, die an Egozentrik grenzen. Damit versorgt sie Presse und Social Media mit Gossip und bleibt stets im Gespräch. Um die Veröffentlichung ihres jüngsten Werks entspann sich allerdings gleich ein doppelter Shitstorm.
Die Assistentin erzählt die „ganz alltägliche Leidensgeschichte“ der rebellischen Verlagsmitarbeiterin Charlotte. Dass das Buch sofort nach Erscheinen auf Platz 1 der Bestseller-Listen landete, regte niemanden auf. Das war nach den Erfolgen von 22 Bahnen und Windstärke 17 vorprogrammiert. Trotzdem (oder gerade deswegen?) trat die Autorin gleich zwei Shitstorms los.
Den ersten, weil sie das Hörbuch zu Die Assistentin selbst einlas. Eine mutige Entscheidung, aber keine gute. Wahls Vortrag erntete wegen seiner Monotonie so viel Häme und Kritik, dass ein neues Hörbuch produziert wurde – diesmal von Profisprecherin Chantal Busse gelesen.
Zweitens zeigte sich Caroline Wahl zum Erscheinen von Die Assistentin in einem Instagram-Post öffentlich pikiert. Der Grund: Ihr Roman wurde nicht für den Deutschen Buchpreis nominiert. Der Schmoll-Post löste eine Debatte über ihre Hybris aus – aber auch über das Für und Wider von Literaturpreisen und deren Bewertungskriterien.
Als sich die erste Aufregung gelegt hatte, nutzten einige Medien den Fall, um den generellen (Nicht-)Umgang des Feuilletons mit Unterhaltungsliteratur à la Die Assistentin zu thematisieren. Eine Diskussion, die wohl eh überfällig war und noch lange nicht beendet ist. Die Hörbuch-Debatte verschaffte derweil den Leistungen professioneller Sprecherinnen und Sprecher mehr Aufmerksamkeit. Gleichzeitig wurde die verletzende Rhetorik der Social-Media-Kommentare über Caroline Wahls Vortrag diskutiert.
Verleumdung: Die Akte Innerstädtischer Tod
Nicht alle Menschen fühlen sich geschmeichelt, wenn sie sich oder ihre Geschichte in einem Buch wiedererkennen. Schon gar nicht, wenn sie dabei nicht vorteilhaft wegkommen. Wer es sich leisten kann, zieht dann vor Gericht. Maxim Billers Esra wurde infolge eines solchen Rechtsstreits verboten. Gebrauchte Exemplare des Buches werden nun privat für mehrere hundert Euro gehandelt. Anders erging es Innerstädtischer Tod von Christoph Peters.
Innerstädtischer Tod ist der dritte Teil von Peters Trilogie des gegenwärtigen Scheiterns. Die Story: Der aufstrebende Künstler Fabian Kolb plant eine Ausstellung, die sein großer Durchbruch werden könnte. Doch kurz vor der Vernissage werden öffentliche Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen seinen Galeristen laut. Was nun? Soll Fabian seine Ausstellung trotz der vergifteten Atmosphäre durchziehen? Oder geht er auf Distanz, sagt alles ab und setzt seinen Durchbruch aufs Spiel?
Dieser Handlungsstrang ist nur einer von mehreren, in denen Innerstädtischer Tod moralische Konflikte der deutschen Gegenwart auf die Spitze treibt. Dem Berliner Kunsthändler Johann König stieß der Plot trotzdem bitter auf. Er erkannte sich selbst in der Figur des übergriffigen Galeristen wieder, denn auch ihm wurden 2022 sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch vorgeworfen, die allerdings nie final nachgewiesen wurden.
Christoph Peters äußerte sich zu Königs Empörung in der ZEIT: „Natürlich schwingt dieser Fall im Echoraum mit, so wie die Fälle Dieter Wedel und Harvey Weinstein mitschwingen. Alle diese Geschichten sind in dieser Zeit medial präsent, nicht nur die des Antragstellers." Johann König versuchte trotzdem, ein gerichtliches Verbot von Innerstädtischer Tod zu erwirken. Der Fall ging durch drei Instanzen. Im Juni 2025 wies das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe die Klage zurück.
Wie nah dürfen aktuelle Gesellschaftsromane an der Wirklichkeit sein? Was ist öffentliches Interesse, was üble Nachrede? Wo endet die Kunstfreiheit? All diese Fragen wurden im Zuge der Kontroverse um Innerstädtischer Tod neu gestellt. Das Urteil von Karlsruhe wurde unter Verlagen und Schreibenden einhellig als wichtiges und gutes Zeichen für die Freiheit der Literatur gewertet.
Auch diese Bücher sorgten für Skandale
Die sieben aktuellen Titel sind natürlich nur die Spitze des Eisbergs. Die Liste sogenannter „Skandalbücher“, die ihren Bestseller- und Evergreen-Status (auch) ihrem verruchten Image verdanken, ist lang.
Von „Lady Chatterley“ bis „Feuchtgebiete“: Skandalbücher aus 100 Jahren
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