Shida Bazyar hat den Deutschen Buchpreis 2026 gewonnen. Die Schriftstellerin wurde am Vorabend der Frankfurter Buchmesse für ihren Roman Die Lücken ausgezeichnet. Die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels verlieh den mit 25.000 Euro dotierten Preis bei einer Gala im Kaisersaal des Frankfurter Römers. Verkündet wurde die Entscheidung von Sebastian Guggolz, dem neuen Vorsteher des Börsenvereins, für den es der erste Deutsche Buchpreis in dieser Funktion war.
Deutscher Buchpreis 2026: Das war die Preisverleihung
Es war ein Jahrgang der Jungen: Die sechs Nominierten wurden zwischen 1976 und 1996 geboren, Dana Vowinckel ist Jahrgang 1996, Peggy Mädler Jahrgang 1976. Frankfurts Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig bezeichnete die Shortlist in ihrer Begrüßung als auffallend jung. Entsprechend schauen die Romane auf Themen wie Ost und West, die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts oder deutsch-jüdische Identitäten aus der Perspektive einer jüngeren Generation. Insgesamt hatte die siebenköpfige Jury 205 eingereichte Romane gesichtet, die zwischen Oktober 2025 und dem 8. September 2026 erschienen sind, bevor daraus zunächst die Longlist und dann die Shortlist hervorging.
Jurysprecherin Cornelia Geißler von der Berliner Zeitung betonte bei der Bekanntgabe der Longlist die thematische und sprachliche Breite der diesjährigen ausgewählten Titel:
„Das Vergangene ergründen, um Gegenwart zu verstehen – das findet sich in unserer Auswahl der Romane des Jahres 2026 auf ganz unterschiedliche Weisen. Fragmentarische Formen von bezwingender Vielschichtigkeit haben wir ebenso aufgenommen wie große, mitreißende Erzählungen über lange Zeiträume.“
Die Frage, wie man sich in einer Welt zurechtfinden soll, in der Verunsicherung um sich greift, beantwortet Geißler folgendermaßen: „Lesen hilft. Dies sind die Bücher dafür.“
Dass der Abend auch ein politischer war, zeigte schon die Rede von Sebastian Guggolz. Er sprach von Vereinfachungen, Verzerrungen und Polemiken in den Medien und digitalen Netzwerken, die Anlass zu großer Sorge um die offene demokratische Gesellschaft gäben. Dem stellte er die Preisverleihung entgegen: „Wir sind heute Abend hier bei einer Gegenveranstaltung zu diesen Polarisierungen unserer Zeit.“ Die Bücher der Nominierten nannte er die „Begleitschiffe unserer Gegenwart“.
Ina Hartwig erinnerte mit Blick auf das diesjährige Gastland Tschechien daran, dass der Austausch über Grenzen und Sprachen hinweg die Literatur bereichert. Gleichzeitig warnte sie vor Kräften, die ihn ablehnen. Und Moderator Jo Schück nannte die Literatur ein Gegengift gegen Eindeutigkeitsforderungen, sie übe uns in Ambiguitätstoleranz. Auch die Preisträgerin selbst fand in ihrer Dankesrede deutliche Worte, mehr dazu weiter unten.
Deutscher Buchpreis 2026: Das sagt die Jury über den Roman des Jahres
Heimesbach im Hunsrück ist ein fiktiver Ort, an dem sich neunzig Jahre deutscher Geschichte in die Mauern und Biografien eingenistet haben. Es ist eine Gemeinde, die ihre Vergangenheit aktiv verschweigt und zugleich zum Zufluchtsort für diejenigen wird, die hier Geborgenheit suchen. Die Lücken führt uns durch die Jahre und die Köpfe derer, die das Dorf prägten: von jüdischen Familien, die alles verloren haben, über NS-Profiteure, die sich als unschuldige Mitläufer neu erfanden, bis hin zu den Familien Sharifi und Karimpour, die Jahrzehnte später aus dem Iran flüchten.
Heimesbach ist an das real existierende Hermeskeil angelehnt, wo Shida Bazyar selbst aufgewachsen ist. Die Namen jüdischer Menschen und auch der Täter hat sie so übernommen, wie sie aus der Geschichte bekannt sind, die Hauptfiguren sind dagegen erfunden. Wie sie in einem Porträtfilm erzählte, wurde ihr erst mit dem Wissen über die NS-Zeit klar, dass es kein Zufall war, dass ihre Eltern in Deutschland Asyl fanden.
Das Hörbuch liest Banafshe Hourmazdi, die bereits Drei Kameradinnen eingesprochen hat.
Die Buchpreis-Jury sagt:
„Shida Bazyar bringt verschwiegene Kapitel deutscher Vergangenheit zur Sprache. […] Über einen Zeitraum von rund hundert Jahren verändert sich die Sprache zwischen den Zeitebenen und verleiht jeder ihren eigenen Ton. […] Ein Roman, der mit seinem transnationalen Blick die Grenzen des Heimatromans auslotet und ihn neu definiert.“
Deutscher Buchpreis 2026: Wer ist die Preisträgerin Shida Bazyar?
Shida Bazyar wurde 1988 in Hermeskeil in Rheinland-Pfalz geboren, ihre Eltern waren 1987 vor der Islamischen Revolution aus dem Iran geflohen. Sie studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und war viele Jahre in der Jugendbildungsarbeit tätig. Ihr Debüt Nachts ist es leise in Teheran aus dem Jahr 2016 wurde mehrfach übersetzt und unter anderem mit dem Ulla-Hahn-Autorenpreis ausgezeichnet. Ihr 2021 veröffentlichter Roman Drei Kameradinnen stand bereits auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Mit Die Lücken, einem virtuosen Erzählmosaik über die Last der Geschichte, die Lüge des Neubeginns und den Wunsch, endlich eine Heimat zu finden, stand Bazyar nun erstmals auf der Shortlist – und hat den Preis gleich gewonnen.
Deutscher Buchpreis 2026: Die Dankesrede von Shida Bazyar
Shida Bazyar nutzte ihre Dankesrede für einen politischen Appell. Sie wies darauf hin, dass antisemitische und rassistische Straftaten auf einem Höchststand seien und es derzeit keine Minderheit in Deutschland gebe, die keinen Grund zur Sorge habe. Auch heute werde in Deutschland von Deportation gesprochen, selbst wenn ein anderes Wort dafür benutzt werde. Ihr Appell: „Und ich möchte sehr eindringlich dazu auffordern, dagegenzuhalten.“ Dazu zitierte sie einen Satz von Hannah Arendt, der sie beim Schreiben von Die Lücken sehr beschäftigt habe: „Das Problem ab 1933 war doch nicht, was unsere Feinde gemacht haben, sondern was unsere Freunde gemacht haben.“
Persönlich dankte Bazyar zuerst ihrem Mann: Ohne das gemeinsame Zuhause hätte sie sich nicht getraut, sich diesem Thema zu stellen. Ihrem Verlag Kiepenheuer & Witsch, der ihr vor zehn Jahren eine „literarische Heimat“ angeboten habe, galt ein besonderer Dank, verbunden mit einer Pointe: „das ist das einzige Mal, dass der Begriff Heimat für mich Sinn gemacht hat.“ Den anderen Nominierten von Long- und Shortlist dankte sie für den freundlichen Austausch. Man gehe offen damit um, wie ambivalent es sei, sich Preise zu wünschen und gleichzeitig kein Interesse an Konkurrenz zu haben. Ihren Eltern und Schwestern dankte sie zuletzt. Auf die Frage, wie sie einen menschlichen Blick auf ihre Figuren behalte, auch wenn sie deren Handeln ablehne, antworte sie meist, sie sei „mit den warmherzigsten Menschen aufgewachsen in einer kalten Zeit“.
Roman des Jahres 2025: Erfahre, wer den Deutschen Buchpreis im letzten Jahr gewonnen hat
Deutscher Buchpreis 2026: Das war die Shortlist
Sechs Romane waren für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert. Neben Die Lücken kannst du auch Anton und Alma von Dana Vowinckel als Hörbuch bei Audible hören. Die Hörbücher zu Selbstregulierung des Herzens von Peggy Mädler und Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle von Valeria Gordeev erscheinen am 4. November und lassen sich schon jetzt vorbestellen. Die fünf weiteren Nominierten erhalten jeweils 2.500 Euro. Hier erfährst du mehr!
Anton und Alma von Dana Vowinckel
Anton und Alma lernen sich bei einem Schüleraustausch in der Bretagne kennen und treffen sich Jahre später auf einer Party in Berlin wieder. Zwei neugierige junge Menschen aus derselben Stadt, an derselben Universität eingeschrieben, beide in einem Alter, in dem sich entscheidet, wer man einmal sein will. Doch wo die beiden herkommen, unterscheidet sich. So wächst Anton in einer jüdischen Akademikerfamilie auf – mit Büchern, Diskussionen und dem Wissen, dass ihm alle Wege offenstehen. Alma hingegen kommt vom östlichen Stadtrand, aufgezogen von ihrer Mutter und einem lieblosen Stiefvater, ohne diese Sicherheit im Rücken. Was die beiden verbindet, trägt weit. Was sie trennt, wird erst später sichtbar.
Anton und Alma verlieben sich, ziehen zusammen, streiten und versöhnen sich – bis Anton nach New York geht, um dort seine Masterarbeit über die Massenkonversion der Chasaren zum Judentum zu schreiben. Alma bleibt allein zurück und sucht in Antons Gemeinde Halt. Der 7. Oktober 2023 und der Gaza-Krieg treffen die beiden spät im Roman, dafür mit voller Wucht: Jetzt stehen die polarisierte Stimmung auf dem Campus, die Konflikte in Antons eigener Familie, das Gefühl, einander nicht mehr erklären zu können im Vordergrund. Erzählt wird abwechselnd aus Antons und Almas Perspektive, Vowinckel gleicht dabei den Blick, den die beiden aufeinander haben, mit dem Blick auf sich selbst ab. Eine Botschaft will sie ihren Leserinnen und Lesern nicht mitgeben, sie hofft, dass der Roman sie menschlich berührt.
Dana Vowinckel, 1996 in Berlin geboren, veröffentlichte zunächst Texte in Anthologien und Literaturmagazinen, bevor 2023 ihr Debütroman Gewässer im Ziplock erschien, für den sie unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet und für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde. Anton und Alma ist nun ihr zweiter Roman, zärtlich, klug und über weite Strecken herzzerreißend. Maria Wördemann und Pascal Houdus lesen ihn im Wechsel, passend zu den beiden Erzählperspektiven.
Aus der Jurybegründung:
„Dana Vowinckels ‚Anton und Alma‘ ist eine eindringlich erzählte Liebes- und Familiengeschichte sowie ein politischer Gegenwartsroman, der in Berlin und New York spielt. […] Wie eng Liebes- und Zeitgeschichte narrativ miteinander verbunden sind, zeigt sich, wenn parallel zur Eskalation des israelisch-palästinensischen Konflikts seit dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 das Geschehen in Berlin eine dramatische Wendung nimmt.“
Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle von Valeria Gordeev
Die Geschwister Konstantin und Lada Molot, zwischen denen siebzehn Jahre liegen, haben den Kontakt verloren. Er sitzt in einem unterirdischen Moskauer Forschungslabor fest, das Lenins Leichnam konserviert und steckt bis zum Hals in Schwierigkeiten. An denen ist sein Patenonkel Boris, ein Oligarch mit transhumanistischen Ambitionen, der unsterblich werden möchte, nicht unschuldig. Sie kämpft in Berlin mit einer Wohnungssanierung, die ihr Zuhause praktisch unbewohnbar macht, hat sich für eine Studie zur Langlebigkeit gemeldet und versteht nicht, warum ihr Bruder nach Kriegsbeginn in Russland geblieben ist. Auf über 600 Seiten verwebt Valeria Gordeev die Geschichte dieser Geschwister zwischen Kyjiw, Moskau und Berlin zu einem vielstimmigen Netzwerkroman aus Dialogen, Nachrichten, Protokollen und selbst gezeichneten Piktogrammen.
Valeria Gordeev wurde 1986 in Tübingen geboren, studierte Mathematik und Illustration in Berlin sowie Literarisches Schreiben in Leipzig. Heute lebt sie in Berlin. 2023 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis. Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle ist ihr Debütroman, für den sie 2026 bereits mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung ausgezeichnet wurde und für den sie außerdem den aspekte-Literaturpreis für das beste Debüt erhält. Neben dem Schreiben arbeitet Gordeev auch als Illustratorin, unter anderem für den Guggolz Verlag. Das Buch sei ihr Versuch gewesen, aus der Beklemmung der Gegenwart herauszukommen, sagt sie: indem sie es ins Groteske kippen ließ.
Aus der Jurybegründung:
„Valeria Gordeevs Roman […] schöpft aus einer eindrücklichen Vielfalt literarischer Mittel. […] Gordeev schreibt sich mit diesem umfassenden Werk in die Tradition jener Schriftsteller*innen der Moderne ein, die dem Unrecht und der Unterdrückung mit den Mitteln der Groteske und des Witzes, des Absurden und des Surrealen begegneten.“
Selbstregulierung des Herzens von Peggy Mädler
Ein Dorf in der Nähe von Wandlitz, in dem geheime Bautätigkeiten beginnen: Hierhin zieht sich Georg zurück, nachdem seine Hoffnung, mit Computern und Kybernetik die DDR voranzubringen, am Scheitern des Prager Frühlings zerbrochen ist. Und hier begegnet er der Künstlerin Mona, die eigentlich Malerin werden wollte und als Grafikerin in einem Werbebetrieb arbeitet.
Mit der Zeit formt sich um die beiden ein Ensemble, bestehend aus dem illusionslosen Roland, der in den Westen flieht, Marlies, die auf eine Reform des Systems von innen setzt und Monas Künstlerfreunden. Erst nach dem Ende der DDR erfahren sie, dass ihre dörfliche Idylle die ganze Zeit unter Stasi-Überwachung stand. Mit den Mitteln der Kybernetik – Regelkreise, Rückkopplungen, Impulse – schreibt Peggy Mädler in Selbstregulierung des Herzens über Kontrolle und Freiheit, von Anpassung und dem, was von großen Hoffnungen bleibt, wenn ein System kippt. Sie gibt damit eher den leisen Dissidenten eine Stimme als den lauten Widerstandskämpfern.
Peggy Mädler wurde 1976 in Dresden geboren, studierte Theater-, Kultur- und Erziehungswissenschaft und promovierte in Kulturwissenschaften. Als freie Autorin und Dramaturgin arbeitet sie bundesweit mit verschiedenen Theatern und Regisseurinnen und Regisseuren zusammen. Bekannt wurde sie unter anderem mit Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat. Themen der DDR und ihres Nachlebens ziehen sich durch ihr gesamtes Werk.
Aus der Jurybegründung:
„Peggy Mädler erzählt empathisch und unaufgeregt, aber mit großem Faktenwissen über ein selten betrachtetes Kapitel der DDR-Geschichte. […] ‚Selbstregulierung des Herzens‘ ist auch ein großer Roman über die Kreativität, mit der Wissenschaft und Kunst auch unter schwersten Bedingungen ihren Weg finden – und damit von zeitloser Aktualität.“
Orca von Franziska Gänsler
Ein gepflegtes Haus in einem Stuttgarter Villenviertel, in dem ein krebskranker Witwer einer bunten Schar von Klimaaktivistinnen Unterschlupf bietet: Hier kreuzen sich im Corona-Jahr 2020 die Wege von Cora, Olympia und Ariel. Cora arbeitet tagsüber an der Fleischtheke eines Supermarkts, ihre Nächte sind still – bis ihre Kindheitsfreundin Olympia wegen Terrorverdachts verhaftet wird. In Rückblenden erzählt Cora von einem gemeinsamen Sommer voller Nähe, von einer illegalen Party, auf der die beiden Ariel kennenlernen, und davon, wie Olympia in deren radikaler werdenden Kreisen leichter Anschluss findet als sie selbst. Um Olympia nicht zu verlieren, lässt sich Cora immer tiefer auf einen Weg ein, der sie von ihren ursprünglichen Absichten fortträgt – bis Olympia am Ende eine Höchststrafe droht.
Franziska Gänsler, 1987 in Augsburg geboren, lebt in Augsburg und Berlin. Mit Orca legt sie nach ihrem vielbeachteten Debüt Ewig Sommer von 2022, dessen englische Übersetzung 2025 zum Editor’s Pick der New York Times wurde, und Wie Inseln im Licht von 2024 bereits ihren dritten Roman vor. Gänsler ist bekannt für ihre genaue Beobachtung menschlicher Beziehungen – in Orca richtet sie diesen Blick auf eine ganze Generation, die zwischen Klimaangst, sozialer Zugehörigkeit und dem schmalen Grat zur Radikalisierung ihren Platz sucht. Als Arbeitstitel hieß der Roman übrigens Olympia, ursprünglich war sie für die Autorin die Hauptfigur.
Aus der Jurybegründung:
„Franziska Gänsler beschreibt in ihrem Roman ‚Orca‘ viel mehr als die Freundschaft zweier junger Frauen. Sie hat eine ganze Generation im Blick […]. Die genau beobachtete Beziehungsgeschichte ist in ein Radikalisierungsszenario eingebettet, in dem wir uns als Leser*innen geradezu fassungslos umschauen und uns fragen: Wie konnte das denn jetzt passieren?“
Schleifen von Elias Hirschl
Jedes Krankheitssymptom, von dem sie hört oder liest, entwickelt Franziska Denk sofort selbst. Gezeichnet von dieser eigenartigen Sprachempfindlichkeit wächst sie im Umfeld des Wiener Kreises auf. Im Mathematiker Otto Mandl findet sie einen Seelenverwandten. Gemeinsam lernen sie, sich mit Wörtern aus toten Sprachen gegen Franziskas Leiden zu immunisieren und gründen in Berlin ein „Institut für angewandte Sprachforschung“. Ihr Ziel ist es, eine Universalsprache zu erschaffen, die sämtliche Probleme der Menschheit lösen soll. Aus dieser Idee entwickelt sich eine immer größere Sprachbesessenheit, die die beiden bis an die Grenzen des Erkennbaren treibt. Hirschl treibt dabei die Frage um, ob eine perfekte Sprache ohne Missverständnisse überhaupt möglich und wünschenswert wäre.
Elias Hirschl wurde 1994 in Wien geboren, wo er als Autor, Musiker und Poetry-Slammer lebt. 2020 erhielt er den Reinhard-Priessnitz-Preis, 2022 den Publikumspreis beim Bachmann-Preis. Bekannt wurde er unter anderem mit dem Roman Salonfähig, zuletzt erschien 2024 Content. Schleifen verbindet Sprachphilosophie, Mathematik und Erfundenes zu einem, wie es der Schriftsteller Clemens J. Setz nannte, „großen Ideenroman von einem der beglückendsten Autoren der Gegenwart“.
Aus der Jurybegründung:
„Elias Hirschl legt mit ‚Schleifen‘ einen wunderbar überdrehten Roman vor, der durch seine intellektuellen Spielereien, erzählerischen Tricks und seinen schier unerschöpflichen Ideenreichtum brilliert. […] Ein Roman, der einen auf die bestmögliche Art verwirrt, herausfordert und vor allem schallend laut zum Lachen bringt.“
Deutscher Buchpreis 2026: Die Shortlist auf einen Blick
AutorIn | Nominierter Roman | Verlag | Veröffentlicht |
Kiepenheuer & Witsch | September 2026 | ||
Franziska Gänsler | Kein & Aber | August 2026 | |
Valeria Gordeev | S. Fischer | August 2026 | |
Elias Hirschl | Paul Zsolnay | Januar 2026 | |
Galiani Berlin | Februar 2026 | ||
Suhrkamp | September 2026 |
Deutscher Buchpreis 2026: Nominierte Romane zum Hören
Zwanzig Romane standen dieses Jahr auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Hier liest du mehr über ausgewählte Titel von der Longlist, die du bei Audible als Hörbuch hören kannst.
Wer möchte nicht im Leben bleiben von Helene Bukowski
Am Anfang steht ein Klavier – und zwar schon vor Christinas Geburt. Das Mädchen, 1961 in Leipzig geboren, gilt als Ausnahmetalent. Früh besucht es die Spezialschule für Musik in Ost-Berlin, dann folgt ein Studium am Tschaikowski-Konservatorium in Moskau. Jahrelang lässt sie dazu den Drill ihres Vaters, der selbst Musiker ist, über sich ergehen. Kurz nach der Rückkehr aus Moskau nimmt sich Christina mit 24 Jahren das Leben.
Wer möchte nicht im Leben bleiben basiert auf einer wahren Geschichte. Denn Christina hat wirklich gelebt. Helene Bukowski, 1993 in Berlin geboren und mit ihrem Debüt Milchzähne bekannt geworden, erfuhr von ihr durch einen Anruf ihrer Großmutter, die davon berichtete, dass eine Bekannte gerade den Nachlass der Tochter einer kurz zuvor verstorbenen Freundin sortierte. Und sie war überzeugt: Dieser Nachlass enthält Hinweise auf ein Leben, das erzählt werden müsse.
Was Bukowski daraufhin bekam, war eine Kiste voller Fotoalben, Notizbücher, Briefe und Tonbandkassetten, auf denen Christina spricht, singt und Klavier spielt, dazu eine umfangreiche Chronik, die der Vater nach dem Tod seiner Tochter verfasst und an Freunde verschickt hatte. Aus diesem Material rekonstruiert die Autorin ein Leben, ohne es sich anzueignen. Sie spricht Christina durchgehend mit „Du" an, stellt sich als Ich-Erzählerin daneben und macht deutlich, was Recherche ist und was der Fantasie der Autorin entspringt. Das Ergebnis ist zart, radikal und brachte der Autorin in diesem Jahr bereits eine Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse ein.
Blick zurück: Das war der Preis der Leipziger Buchmesse 2026
Unerwünschte Töchter von Miriam Carbe
Margarethe, Marianne, Monika, Miriam: vier Generationen von Frauen, die einander lieben, einander wehtun und jede für sich um Unabhängigkeit kämpfen. Sie stammen aus dem Dresdner Bildungsbürgertum, die Männer und Väter fallen in den Weltkriegen. Zum schlimmsten Zerwürfnis kommt es nach der Übersiedlung in den Westen, als die hochintelligente, labile Enkelin Monika in den Sechzigerjahren gegen alle Widerstände ein uneheliches Schwarzes Kind zur Welt bringen will. Dieses Kind ist die Autorin selbst.
Miriam Carbe, 1967 geboren, wuchs in einer Familie auf, in der die Frauen Tagebücher und Erinnerungsskizzen schrieben. Von ihnen erbte sie mehrere Kisten voller Notizbücher, die ältesten aus dem Jahr 1908. Aus diesen Fragmenten setzt sie ihr Jahrhundertpanorama zusammen. Wo die Überlieferung Lücken lässt, füllt sie sie mit Fiktion und wechselt dabei zwischen der eigenen Ich-Perspektive und der ihrer Vorfahrinnen. Carbe arbeitet hauptberuflich als Redakteurin bei Arte, gelesen wird ihr episch angelegtes, präzise gearbeitetes und über weite Strecken bewegendes Debüt von Simone Kabst, die ebenfalls für Arte und den RBB spricht.
Sanditz von Lukas Rietzschel
Sanditz ist eine erfundene Kleinstadt am Rand der Republik, gelegen im Lausitzer Braunkohlerevier nahe der polnischen Grenze. Früher qualmten hier die Schlote des Flachglaswerks, heute stehen die stillgelegten Tagebaue unter Wasser. In diesem Ort leben alte Offiziere, Bürgerrechtler, Orgelbauer, Fliesensammler, Lokaljournalistinnen, selbsternannte Widerständler, Frührentner, verhuschte Archivare und mittendrin die Familie Wenzel.
In Sanditz stellt Lukas Rietzschel die Familiengeschichte der Wenzels über ein halbes Jahrhundert dar, vom Ende der DDR bis in die jüngste Gegenwart, und verwebt sie mit den Lebenswegen der übrigen Stadtbewohner. Die Besetzung der örtlichen Stasi-Zentrale gehört dazu, das Abrackern auf westdeutschen Baustellen nach der Wende, das isolierte Inseldasein der Pandemiejahre und der Einsatz eines Freiwilligen in der Ukraine. Der Autor, 1994 in Ostsachsen geboren, hat schon mit seinem Debüt Mit der Faust in die Welt schlagen einen Bestseller gelandet, der 2025 fürs Kino verfilmt wurde. Sanditz, sein bisher umfangreichster Roman, beschäftigt sich im Kern mit einer einzigen Frage: An welchem Punkt im Leben formt sich Widerstand, gegen die Verhältnisse, gegen den Staat, gegen die eigene Familie? Und was kommt danach?
Das Wasser im August von Ingo Schulze
Ein Erzähler fährt im Juni 2025 nach Mecklenburg. Hier ist der Horizont weit und die Wolken ziehen tief über die Seen. Eingeladen hat man ihn zu einer Lesung aus einem unfertigen Manuskript, das vom Sommer 1979 handelt. Genauer gesagt: von der ersten Liebe, den ersten Schreibversuchen, vom Eintauchen in die Welt der Erwachsenen. Dann steht bei der Lesung plötzlich jemand im Raum, der diesen Sommer ganz anders erinnert.
Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren und seit Simple Storys und Adam und Evelyn eine der bekanntesten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur, spielt in diesem Roman virtuos mit der Frage, wer wem etwas vormacht: die Erinnerung dem Erzähler oder der Erzähler seinen Lesenden. War er damals zu jung für die große Liebe, und ist sie heute zu alt? Sind nur Illusionen verloren gegangen oder auch Ansprüche und Hoffnungen, die einer Gegenwart fehlen, in der die alte Angst vor einem Krieg wieder real erscheint?
Raffiniert, ironisch und doppelbödig führt Schulze zu den Ursprüngen des eigenen Schreibens zurück. Ausgezeichnet wurde der Roman bereits vor der Longlist-Nominierung mit dem Uwe-Johnson-Preis 2026. Eine Besonderheit: Die Novelle erscheint erst Ende August in gebundener Form – das Hörbuch gibt es schon jetzt.
Memories of Heidelberg von Heinz Strunk
Bertram und Isolde aus Oldenburg wollen sich in der romantischen Kurpfalz endlich einmal einen richtig erholsamen Kurzurlaub gönnen. Vielleicht vertreibt der ja auch den seelischen Smog über ihrem Eheleben. Das Boutiquehotel ist teuer – und enttäuschend. Dafür haben die beiden immerhin gleich einen neuen Stamm-Italiener ausgemacht: ein Restaurant voller Flair auf einem alten Flussschiff im Neckar. Doch im Verlauf einer einzigen Woche gerät die Ehe der beiden zusehends aus der Form. Der abendliche Gang aufs Restaurantschiff wandelt sich von der Vorfreude zur Enttäuschung, zur Strafe, zur Höllenqual. Währenddessen läuft der Schlager-Oldie, der dem Roman seinen Titel gibt, im Hintergrund – in Dauerschleife. Bis es am Ende zur Katastrophe kommt.
Heinz Strunk, als Musiker und Comedian mit dem Trio Studio Braun bekannt geworden, ist ein Meister des bitterbösen Humors, was dazu führt, dass man über Bertram und Isolde lacht und gleichzeitig mit ihnen leidet. Wer Ein Sommer in Niendorf mochte, weiß, worauf das hinausläuft. Denn auch in diesem Roman zersetzt sich ein Kurzurlaub an einem eigentlich netten Ort langsam von innen (wobei der Ton allerdings noch schärfer und der Blick auf die Ehe noch unbarmherziger ist). Strunk liest Memories of Heidelberg selbst. Mit gut drei Stunden ist dieses Hörbuch das kürzeste unter allen für den Deutschen Buchpreis 2026 nominierten Titeln.
Mit beiden Händen den Himmel stützen von Lilli Tollkien
Lales Kindheit im Berlin der Achtzigerjahre verläuft anders als jede andere. In der Männer-Kommune, in der sie aufwächst, feiern die Erwachsenen Partys, politisieren und planen die Revolution. Im Wohnzimmer wird Haschisch vertickt. Der Vater hat jede Woche eine andere Freundin. Lale darf wach bleiben, solange sie will, Fanta trinken, Süßigkeiten essen und fernsehen. Was nach grenzenloser Freiheit klingt, ist vor allem eines: ein Aufwachsen ohne Halt, in einem Umfeld, das Grenzen grundsätzlich für spießig hält.
Lilli Tollkien, in Berlin geboren und heute mit ihren Kindern in Leipzig lebend, hat ihr autofiktionales Debüt bewusst nicht als Anklageschrift angelegt. Sie schildert nüchtern, was war, und überlässt die Empörung den Lesenden, was den Roman umso wuchtiger macht. Erzählt wird aus Lales Perspektive, sodass die Erwachsenenwelt immer nur so weit sichtbar wird, wie ein Kind sie erfassen kann. Schonungslos, klar und mit einem Gespür für die wenigen hellen Momente erzählt Tollkien davon, wie sich ein Mensch aus solchen Verhältnissen heraus ein eigenes Leben erkämpft.
Was ist der Deutsche Buchpreis?
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat den Deutschen Buchpreis 2005 ins Leben gerufen, um Aufmerksamkeit für hochwertige deutschsprachige Literatur zu schaffen und den Buchhandel zu stärken. Seither zeichnet die Stiftung Buchkultur und Leseförderung damit einmal im Jahr den Roman des Jahres aus, traditionell zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse. Berücksichtigt werden Romane, deren Original auf Deutsch verfasst wurde.
Der Weg zur Auszeichnung führt über zwei Stufen: Aus allen Einreichungen wählt die Jury zunächst 20 Titel für die Longlist aus, daraus werden sechs Finalistinnen und Finalisten für die Shortlist. Wer den Preis am Ende bekommt, erfahren die sechs erst am Abend der Verleihung. Auf die Gewinnerin oder den Gewinner warten 25.000 Euro, die fünf weiteren Nominierten erhalten je 2.500 Euro. Eingereicht werden konnten in diesem Jahr Titel, die zwischen Oktober 2025 und dem 8. September 2026 erschienen sind.
Deutscher Buchpreis: Die Romane des Jahres von 2005 bis 2026
Von den Romanen, die zwischen 2005 und 2026 beim Deutschen Buchpreis als Roman des Jahres ausgezeichnet wurden, kannst du alle bis auf zwei bei Audible als Hörbuch hören. Hier findest du sie gesammelt.
Deutscher Buchpreis 2026: Die Jury
Die Jury für den Deutschen Buchpreis wird jedes Jahr neu berufen. 2026 setzte sie sich aus sieben Expertinnen und Experten aus Literaturkritik, Buchhandel und Wissenschaft zusammen:
Jury-Vorsitz: Cornelia Geißler, Literaturredakteurin bei der Berliner Zeitung
Theresa Donner, Buchhändlerin in der Buchhandlung heiter bis wolkig in Halle an der Saale
Jan Ehlert, Literaturredakteur beim NDR
Maha El Hissy, freie Literaturkritikerin
Emily Grunert, Literaturvermittlerin beim Literaturbüro NRW
Stefanie Kreuzer, Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Kassel
Adam Soboczynski, Leiter des Literaturressorts bei der ZEIT
Bei der Preisverleihung erzählte Cornelia Geißler, die Arbeit der Jury sei erfüllend gewesen, aber nicht ohne Streit. Um die Zukunft des Lesens müsse man sich angesichts dieser Bücher keine Sorgen machen, sie müssten nur weitergetragen werden – und zwar nicht nur der Siegertitel, sondern auch Short- und Longlist.

Die Jury des Deutschen Buchpreises 2026, v. l. n. r.: Adam Soboczynski, Stefanie Kreuzer, Theresa Donner, Emily Grunert, Cornelia Geißler, Maha El Hissy, Jan Ehlert. Foto: Anne-Mette Noack
Deutscher Buchpreis 2026: Ausgezeichnete Literatur bei Audible entdecken
Bei Audible findest du zahlreiche ausgezeichnete Werke aus der Belletristik, darunter viele Romane, die in den vergangenen Jahren für den Deutschen Buchpreis nominiert waren oder ihn gewonnen haben. Falls du Audible noch nicht ausprobiert hast: Im Probemonat streamst du unbegrenzt tausende Hörbücher, Hörspiele und Original Podcasts. Zusätzlich erhältst du einen kostenlosen Titel, den du für immer behalten kannst.


































