Aus 205 eingereichten Titeln hat die Jury 20 Romane für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert, und seit dem 11. August ist die Longlist bekannt. Bis zur Entscheidung dauert es allerdings noch eine Weile: Am 8. September steht die Shortlist mit sechs Titeln fest, der Roman des Jahres wird am 5. Oktober zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im Kaisersaal des Frankfurter Römers gekürt.
In der Pressemitteilung zur Bekanntgabe der Longlist ordnet Jurysprecherin Cornelia Geißler, Literaturredakteurin bei der Berliner Zeitung, die diesjährige Auswahl ein:
Das Vergangene ergründen, um Gegenwart zu verstehen – das findet sich in unserer Auswahl der Romane des Jahres 2026 auf ganz unterschiedliche Weisen. Fragmentarische Formen von bezwingender Vielschichtigkeit haben wir ebenso aufgenommen wie große, mitreißende Erzählungen über lange Zeiträume.
Die Frage, wie man sich in einer Welt zurechtfinden soll, in der Verunsicherung um sich greift, beantwortet Geißler folgendermaßen: „Lesen hilft. Dies sind die Bücher dafür."
Hier erfährst du mehr über die nominierten Romane, die du bei Audible als Hörbuch hören kannst.
Deutscher Buchpreis 2026: Das ist die Longlist
Zwanzig Romane stehen dieses Jahr auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Sieben von ihnen kannst du bei Audible als Hörbuch hören. Sie führen von einer sächsischen Kleinstadt am Rand der Republik über ein Berliner Wohnprojekt der Achtzigerjahre bis nach Moskau, Mecklenburg und Heidelberg. Was sie verbindet, ist der Blick zurück: auf Familien, auf die DDR, auf das eigene Aufwachsen. Hier erfährst du mehr.
Wer möchte nicht im Leben bleiben von Helene Bukowski
Am Anfang steht ein Klavier – und zwar schon vor Christinas Geburt. Das Mädchen, 1961 in Leipzig geboren, gilt als Ausnahmetalent. Früh besucht es die Spezialschule für Musik in Ost-Berlin, dann folgt ein Studium am Tschaikowski-Konservatorium in Moskau. Jahrelang lässt sie dazu den Drill ihres Vaters, der selbst Musiker ist, über sich ergehen. Kurz nach der Rückkehr aus Moskau nimmt sich Christina mit 24 Jahren das Leben.
Wer möchte nicht im Leben bleiben basiert auf einer wahren Geschichte. Denn Christina hat wirklich gelebt. Helene Bukowski, 1993 in Berlin geboren und mit ihrem Debüt Milchzähne bekannt geworden, erfuhr von ihr durch einen Anruf ihrer Großmutter, die davon berichtete, dass eine Bekannte gerade den Nachlass der Tochter einer kurz zuvor verstorbenen Freundin sortierte. Und sie war überzeugt: Dieser Nachlass enthält Hinweise auf ein Leben, das erzählt werden müsse.
Was Bukowski daraufhin bekam, war eine Kiste voller Fotoalben, Notizbücher, Briefe und Tonbandkassetten, auf denen Christina spricht, singt und Klavier spielt, dazu eine umfangreiche Chronik, die der Vater nach dem Tod seiner Tochter verfasst und an Freunde verschickt hatte. Aus diesem Material rekonstruiert die Autorin ein Leben, ohne es sich anzueignen. Sie spricht Christina durchgehend mit „Du" an, stellt sich als Ich-Erzählerin daneben und macht deutlich, was Recherche ist und was der Fantasie der Autorin entspringt. Das Ergebnis ist zart, radikal und brachte der Autorin in diesem Jahr bereits eine Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse ein.
Blick zurück: Das war der Preis der Leipziger Buchmesse 2026
Unerwünschte Töchter von Miriam Carbe
Margarethe, Marianne, Monika, Miriam: vier Generationen von Frauen, die einander lieben, einander wehtun und jede für sich um Unabhängigkeit kämpfen. Sie stammen aus dem Dresdner Bildungsbürgertum, die Männer und Väter fallen in den Weltkriegen. Zum schlimmsten Zerwürfnis kommt es nach der Übersiedlung in den Westen, als die hochintelligente, labile Enkelin Monika in den Sechzigerjahren gegen alle Widerstände ein uneheliches Schwarzes Kind zur Welt bringen will. Dieses Kind ist die Autorin selbst.
Miriam Carbe, 1967 geboren, wuchs in einer Familie auf, in der die Frauen Tagebücher und Erinnerungsskizzen schrieben. Von ihnen erbte sie mehrere Kisten voller Notizbücher, die ältesten aus dem Jahr 1908. Aus diesen Fragmenten setzt sie ihr Jahrhundertpanorama zusammen. Wo die Überlieferung Lücken lässt, füllt sie sie mit Fiktion und wechselt dabei zwischen der eigenen Ich-Perspektive und der ihrer Vorfahrinnen. Carbe arbeitet hauptberuflich als Redakteurin bei Arte, gelesen wird ihr episch angelegtes, präzise gearbeitetes und über weite Strecken bewegendes Debüt von Simone Kabst, die ebenfalls für Arte und den RBB spricht.
Sanditz von Lukas Rietzschel
Sanditz ist eine erfundene Kleinstadt am Rand der Republik, gelegen im Lausitzer Braunkohlerevier nahe der polnischen Grenze. Früher qualmten hier die Schlote des Flachglaswerks, heute stehen die stillgelegten Tagebaue unter Wasser. In diesem Ort leben alte Offiziere, Bürgerrechtler, Orgelbauer, Fliesensammler, Lokaljournalistinnen, selbsternannte Widerständler, Frührentner, verhuschte Archivare und mittendrin die Familie Wenzel.
In Sanditz stellt Lukas Rietzschel die Familiengeschichte der Wenzels über ein halbes Jahrhundert dar, vom Ende der DDR bis in die jüngste Gegenwart, und verwebt sie mit den Lebenswegen der übrigen Stadtbewohner. Die Besetzung der örtlichen Stasi-Zentrale gehört dazu, das Abrackern auf westdeutschen Baustellen nach der Wende, das isolierte Inseldasein der Pandemiejahre und der Einsatz eines Freiwilligen in der Ukraine. Der Autor, 1994 in Ostsachsen geboren, hat schon mit seinem Debüt Mit der Faust in die Welt schlagen einen Bestseller gelandet, der 2025 fürs Kino verfilmt wurde. Sanditz, sein bisher umfangreichster Roman, beschäftigt sich im Kern mit einer einzigen Frage: An welchem Punkt im Leben formt sich Widerstand, gegen die Verhältnisse, gegen den Staat, gegen die eigene Familie? Und was kommt danach?
Das Wasser im August von Ingo Schulze
Ein Erzähler fährt im Juni 2025 nach Mecklenburg. Hier ist der Horizont weit und die Wolken ziehen tief über die Seen. Eingeladen hat man ihn zu einer Lesung aus einem unfertigen Manuskript, das vom Sommer 1979 handelt. Genauer gesagt: von der ersten Liebe, den ersten Schreibversuchen, vom Eintauchen in die Welt der Erwachsenen. Dann steht bei der Lesung plötzlich jemand im Raum, der diesen Sommer ganz anders erinnert.
Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren und seit Simple Storys und Adam und Evelyn eine der bekanntesten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur, spielt in diesem Roman virtuos mit der Frage, wer wem etwas vormacht: die Erinnerung dem Erzähler oder der Erzähler seinen Lesenden. War er damals zu jung für die große Liebe, und ist sie heute zu alt? Sind nur Illusionen verloren gegangen oder auch Ansprüche und Hoffnungen, die einer Gegenwart fehlen, in der die alte Angst vor einem Krieg wieder real erscheint? Raffiniert, ironisch und doppelbödig führt Schulze zu den Ursprüngen des eigenen Schreibens zurück. Ausgezeichnet wurde der Roman bereits vor der Longlist-Nominierung mit dem Uwe-Johnson-Preis 2026. Eine Besonderheit: Die Novelle erscheint erst Ende August in gebundener Form – das Hörbuch gibt es schon jetzt.
Memories of Heidelberg von Heinz Strunk
Bertram und Isolde aus Oldenburg wollen sich in der romantischen Kurpfalz endlich einmal einen richtig erholsamen Kurzurlaub gönnen. Vielleicht vertreibt der ja auch den seelischen Smog über ihrem Eheleben. Das Boutiquehotel ist teuer – und enttäuschend. Dafür haben die beiden immerhin gleich einen neuen Stamm-Italiener ausgemacht: ein Restaurant voller Flair auf einem alten Flussschiff im Neckar. Doch im Verlauf einer einzigen Woche gerät die Ehe der beiden zusehends aus der Form. Der abendliche Gang aufs Restaurantschiff wandelt sich von der Vorfreude zur Enttäuschung, zur Strafe, zur Höllenqual. Währenddessen läuft der Schlager-Oldie, der dem Roman seinen Titel gibt, im Hintergrund – in Dauerschleife. Bis es am Ende zur Katastrophe kommt.
Heinz Strunk, als Musiker und Comedian mit dem Trio Studio Braun bekannt geworden, ist ein Meister des bitterbösen Humors, was dazu führt, dass man über Bertram und Isolde lacht und gleichzeitig mit ihnen leidet. Wer Ein Sommer in Niendorf mochte, weiß, worauf das hinausläuft. Denn auch in diesem Roman zersetzt sich ein Kurzurlaub an einem eigentlich netten Ort langsam von innen (wobei der Ton allerdings noch schärfer und der Blick auf die Ehe noch unbarmherziger ist). Strunk liest Memories of Heidelberg selbst. Mit gut drei Stunden ist dieses Hörbuch das kürzeste unter allen für den Deutschen Buchpreis 2026 nominierten Titeln.
Mit beiden Händen den Himmel stützen von Lilli Tollkien
Lales Kindheit im Berlin der Achtzigerjahre verläuft anders als jede andere. In der Männer-Kommune, in der sie aufwächst, feiern die Erwachsenen Partys, politisieren und planen die Revolution. Im Wohnzimmer wird Haschisch vertickt. Der Vater hat jede Woche eine andere Freundin. Lale darf wach bleiben, solange sie will, Fanta trinken, Süßigkeiten essen und fernsehen. Was nach grenzenloser Freiheit klingt, ist vor allem eines: ein Aufwachsen ohne Halt, in einem Umfeld, das Grenzen grundsätzlich für spießig hält.
Lilli Tollkien, in Berlin geboren und heute mit ihren Kindern in Leipzig lebend, hat ihr autofiktionales Debüt bewusst nicht als Anklageschrift angelegt. Sie schildert nüchtern, was war, und überlässt die Empörung den Lesenden, was den Roman umso wuchtiger macht. Erzählt wird aus Lales Perspektive, sodass die Erwachsenenwelt immer nur so weit sichtbar wird, wie ein Kind sie erfassen kann. Schonungslos, klar und mit einem Gespür für die wenigen hellen Momente erzählt Tollkien davon, wie sich ein Mensch aus solchen Verhältnissen heraus ein eigenes Leben erkämpft.
Anton und Alma von Dana Vowinckel
Anton und Alma lernen sich bei einem Schüleraustausch in der Bretagne kennen und treffen sich Jahre später treffen sie sich auf einer Party in Berlin wieder. Zwei neugierige junge Menschen aus derselben Stadt, an derselben Universität eingeschrieben, beide in einem Alter, in dem sich entscheidet, wer man einmal sein will. Doch wo die beiden herkommen, unterscheidet sich. So wächst Anton in einer jüdischen Akademikerfamilie auf – mit Büchern, Diskussionen und dem Wissen, dass ihm alle Wege offenstehen. Alma hingegen kommt vom östlichen Stadtrand, aufgezogen von ihrer Mutter und einem lieblosen Stiefvater, ohne diese Sicherheit im Rücken. Was die beiden verbindet, trägt weit. Was sie trennt, wird erst später sichtbar.
Anton und Alma verlieben sich, ziehen zusammen, streiten und versöhnen sich – bis Anton nach New York geht, um dort seine Masterarbeit über die Massenkonversion der Chasaren zum Judentum zu schreiben. Alma bleibt allein zurück und sucht in Antons Gemeinde Halt. Der 7. Oktober 2023 und der Gaza-Krieg treffen die beiden spät im Roman, dafür mit voller Wucht: Jetzt stehen die polarisierte Stimmung auf dem Campus, die Konflikte in Antons eigener Familie, das Gefühl, einander nicht mehr erklären zu können im Vordergrund.
Dana Vowinckel, 1996 in Berlin geboren, veröffentlichte zunächst Texte in Anthologien und Literaturmagazinen, bevor 2023 ihr Debütroman Gewässer im Ziplock erschien, für den sie unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet und für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde. Anton und Alma ist nun ihr zweiter Roman, zärtlich, klug und über weite Strecken herzzerreißend. Maria Wördemann und Pascal Houdus lesen ihn im Wechsel, passend zu den beiden Erzählperspektiven. Wer die Autorin live erleben möchte: Sie ist im September beim internationalen literaturfestival berlin zu Gast. Anton und Alma erscheint am 2. September als Hörbuch – jetzt vorbestellen!
Was ist der Deutsche Buchpreis?
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat den Deutschen Buchpreis 2005 ins Leben gerufen, um Aufmerksamkeit für hochwertige deutschsprachige Literatur zu schaffen und den Buchhandel zu stärken. Seither zeichnet die Stiftung Buchkultur und Leseförderung damit einmal im Jahr den Roman des Jahres aus, traditionell zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse. Berücksichtigt werden Romane, deren Original auf Deutsch verfasst wurde.
Der Weg zur Auszeichnung führt über zwei Stufen: Aus allen Einreichungen wählt die Jury zunächst 20 Titel für die Longlist aus, daraus werden sechs Finalistinnen und Finalisten für die Shortlist. Wer den Preis am Ende bekommt, erfahren die sechs erst am Abend der Verleihung. Auf die Gewinnerin oder den Gewinner warten 25.000 Euro, die fünf weiteren Nominierten erhalten je 2.500 Euro. Eingereicht werden konnten in diesem Jahr Titel, die zwischen Oktober 2025 und dem 8. September 2026 erscheinen, weshalb einige der nominierten Romane erst noch in den Handel kommen.
Deutscher Buchpreis: Die Romane des Jahres von 2005 bis 2025
Von den Romanen, die zwischen 2005 und 2025 beim Deutschen Buchpreis als Roman des Jahres ausgezeichnet wurden, kannst du alle bis auf zwei bei Audible als Hörbuch hören. Hier findest du sie gesammelt.
Deutscher Buchpreis 2026: Die Jury
Die Jury für den Deutschen Buchpreis wird jedes Jahr neu berufen. 2026 setzt sie sich aus sieben Expertinnen und Experten aus Literaturkritik, Buchhandel und Wissenschaft zusammen:
Jury-Vorsitz: Cornelia Geißler, Literaturredakteurin bei der Berliner Zeitung
Theresa Donner, Buchhändlerin in der Buchhandlung heiter bis wolkig in Halle an der Saale
Jan Ehlert, Literaturredakteur beim NDR
Maha El Hissy, freie Literaturkritikerin
Emily Grunert, Literaturvermittlerin beim Literaturbüro NRW
Stefanie Kreuzer, Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Kassel
Adam Soboczynski, Leiter des Literaturressorts bei der ZEIT

Die Jury des Deutschen Buchpreises 2026, v. l. n. r.: Adam Soboczynski, Stefanie Kreuzer, Theresa Donner, Emily Grunert, Cornelia Geißler, Maha El Hissy, Jan Ehlert. Foto: Anne-Mette Noack
Deutscher Buchpreis: Die komplette Longlist 2026
AutorIn | Nominierter Roman | Verlag | Veröffentlicht |
Shida Bazyar | Die Lücken | Kiepenheuer & Witsch | September 2026 |
claassen | Februar 2026 | ||
Miriam Carbe | Hanser | Februar 2026 | |
Muri Darida | King Cobra | dtv | März 2026 |
Alisha Gamisch | Parasiti | Voland & Quist | März 2026 |
Franziska Gänsler | Orca | Kein & Aber | August 2026 |
Tomer Gardi | Liefern | Tropen | Februar 2026 |
Valeria Gordeev | Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle | S. Fischer | August 2026 |
Elias Hirschl | Schleifen | Paul Zsolnay | Januar 2026 |
Svenja Leiber | Nelka | Suhrkamp | Februar 2026 |
Leh-Wei Liao | Glaszeit | Luchterhand | August 2026 |
Peggy Mädler | Selbstregulierung des Herzens | Galiani Berlin | Februar 2026 |
Giuliano Musio | Aus anderem Holz | Luftschacht | September 2026 |
Yade Yasemin Önder | Anti Müller | park x ullstein | Februar 2026 |
dtv | März 2026 | ||
S. Fischer | August 2026 | ||
Rowohlt | Juli 2026 | ||
Karosh Taha | Gulistan | DuMont | August 2026 |
Lilli Tollkien | Aufbau | März 2026 | |
Suhrkamp | September 2026 |
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