Anne Carson hat den Literaturnobelpreis 2026 gewonnen. Die Schwedische Akademie gab die Entscheidung am 8. Oktober in Stockholm bekannt. Die kanadische Autorin und Altphilologin ist die 19. Frau, die die Auszeichnung seit der ersten Verleihung des renommierten Preises 1901 erhält. Bislang gingen 2026 nur zwei Nobelpreise an Frauen: der Literaturnobelpreis an Anne Carson und der Friedensnobelpreis an die südafrikanische Juristin Navanethem „Navi” Pillay. Die Preise für Physik, Chemie und Medizin gingen an sechs Männer.
Carson wurde 1950 in Toronto geboren und ist seit mehr als dreißig Jahren Professorin für Klassische Philologie. Daneben schreibt sie Gedichte, Essays und Versromane und übersetzt griechische Tragödien. Hier liest du, was die Jury an ihr überzeugt hat, wo du in ihr Werk einsteigst und wer sonst als Favorit galt.
Das sagt die Jury über Anne Carson
Wer dieses Jahr den Nobelpreis für Literatur erhalten wird, darüber wurde im Vorfeld viel spekuliert. Unter anderem galten die chinesische Autorin Can Xue (u. a. Love in the New Millennium), der Japaner Haruki Murakami (u. a. Die Chroniken des Aufziehvogels) und der Australier Gerald Murnane (Border Districts) als Favoriten. Schlussendlich ging die Auszeichnung an Anne Carson, „für ihr kühnes und einfallsreiches Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die zeitgenössische Literatur geschaffen hat“. (Das ist unsere Übersetzung der offiziellen Begründung. Im englischen Original lautet sie: „for her bold and inventive oeuvre that, in playful dialogue with the classical tradition, has created new forms for contemporary literature“).
Ingrid Carlberg, Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie, gab die Entscheidung bekannt. Vor der offiziellen Verkündung erreichte sie Carson telefonisch in Island. Die Autorin sei überrascht gewesen und habe sich hörbar gefreut, berichtete Carlberg. Carson habe ihr erzählt, dass sie gerade dem Wind lausche.
Laut Nobelkomitee bewege sich Carsons Schreiben zwischen der „Besessenheit der Philologin für Wörter und dem Wunsch der Dichterin nach neuer Bedeutung“. Als Ausgangspunkt ihrer Arbeit nennt Carson selbst die Etymologie, also die Herkunft der Wörter.
Nach unter anderem Han Kang, Annie Ernaux und Olga Tokarczuk ist Carson die 19. Frau in der Geschichte des Literaturnobelpreises, die für ihr literarisches Werk ausgezeichnet wird.
Nobelpreisträgerinnen: Diese Frauen haben die Literatur-Welt verändert
Gedicht, Essay, Oper: Anne Carsons vielfältiges Werk
Lyrik, Essay, Prosa, Kritik, Übersetzung und dramatischer Dialog gehen in Carsons Werken ineinander über. Ihre Themen sind Liebe, Begehren, Trennung und Verlust. Antike Mythen holt sie in die Gegenwart, indem sie zum Beispiel die griechische Dichterin Sappho, den Lyriker Paul Celan, den Geschichtsschreiber Thukydides und die Schriftstellerin Virginia Woolf miteinander sprechen lässt. Aus Sicht des Nobelkomitees erklärt dieser freie Umgang mit literarischen Regeln, warum Carsons Werk seit den 1990er-Jahren so viel Gewicht habe.
Als Carsons bekanntestes Werk gilt Autobiography of Red von 1998, die 2001 erstmals auf Deutsch unter dem Titel Rot erschien. In dem in Versen geschriebenen Roman greift Carson die „Geryoneis“ auf, ein nur in Bruchstücken überliefertes Gedicht des griechischen Dichters Stesichoros, der im 6. Jahrhundert v. Chr. lebte. Im Mythos ist Geryon ein rotes Flügelwesen. Herakles, der Held der griechischen Sage, tötet es, um dessen Rinder zu rauben. Carson macht aus dem Monster einen sensiblen Jungen, der von seinem älteren Bruder missbraucht wird. Als Teenager verliebt er sich in den selbstgefälligen, ruppigen Herakles. Im Kern steht eine uralte Frage: Was geschieht, wenn du jemanden liebst, der dich am Ende zerstört? Eine Fortsetzung des Romans mit dem Titel Red Doc> erschien 2013. Darin heißt Geryon nur noch „G.“.
Wie viele Menschen Rot erreicht, zeigte sich auch in Stockholm. Steve Sem-Sandberg, Schriftsteller und Mitglied von Akademie und Nobelkomitee, empfahl es bei der Bekanntgabe als Einstieg in Carsons Werk. Junge Lesende könnten sich im einsamen Teenager wiedererkennen und bekämen die Antike gleich dazu, sagte er. Das New York Times Magazine nannte den Roman einen „Crossover-Klassiker“.
Bei Audible kannst du aktuell zwei Hörbücher von Anne Carson auf Englisch hören. Das erste ist die Aufnahme einer Lesung im 92nd Street Y Poetry Center.
Carson trägt darin ihre Stücke „Cassandra Float Can” und „Lecture on Pronouns” vor. Außerdem spricht sie neben ihrem kreativen Prozess darüber, wie wegweisende und herausfordernde Kunst oft missverstanden oder nicht gewürdigt wird. Als Beispiel nennt sie den Künstler Gordon Matta-Clark.
Das zweite ist ein Essay mit dem Titel Eros the Bittersweet. Der 1986 erschienene Text geht auf Carsons Doktorarbeit zurück und legt das Fundament für ihr späteres Schreiben. Carson untersucht darin Eros als Wesen und Antrieb des Gedichts. Den Anstoß gibt ein zusammengesetztes Adjektiv der Dichterin Sappho, das Eros als „bittersüß“ beschreibt, also als schmerzhaft und süß zugleich.
Carson fragt, warum für Sappho Liebe und Schmerz zusammengehören und findet die Antwort im Abstand zwischen der liebenden und der geliebten Person. Weil dem Liebenden etwas fehlt, begehrt er und aus diesem Begehren heraus schreibt er das Gedicht.
Ein weiteres bekanntes Werk der Kanadierin: das Langgedicht „The Glass Essay“ aus dem Band Glass, Irony and God. Darin besucht eine verlassene Frau ihre einsame Mutter im Moor. Unterwegs liest sie die Schriftstellerin Emily Brontë. Gedicht, Erzählung und Essay über das Verlassenwerden verschmelzen zu einem Text.
The Beauty of the Husband trägt den Untertitel „A Fictional Essay in 29 Tangos“. Jede Episode über eine zerbrechende Ehe beginnt mit Versen des Dichters John Keats. Für ihren Bruder Michael, der im Jahr 2000 in Dänemark starb, schuf Carson Nox, das Faksimile eines handgefertigten Buchs. Es erscheint als Box mit einem Leporello aus eingeklebten Briefen, Familienfotos, Collagen und Skizzen. Dazwischen steht ihre Übersetzung von Catulls Gedicht auf den Tod des eigenen Bruders.
Außerdem arbeitet Carson mit bildenden Künstlerinnen und Künstlern, Choreografinnen und Choreografen sowie Opern- und Theaterregisseurinnen und -regisseuren zusammen. So schrieb sie eine Neufassung der Antigone, die der belgische Regisseur Ivo van Hove mit der französischen Schauspielerin Juliette Binoche inszenierte. Das Stück tourte durch Europa und die USA. Für die Mile-Long Opera von 2018 schrieb sie gemeinsam mit der Lyrikerin Claudia Rankine das Libretto. Auf dem Album The Great Lakes Suite der kanadischen Band Rheostatics wirkt Carson 2025 bei mehreren Stücken mit.
Carsons Übersetzungen aus dem Altgriechischen gelten als eigenständige Werke, etwa die Fragmente Sapphos in If Not, Winter oder die Tragödien Elektra von Sophokles und Bakkhai von Euripides. Ihr jüngstes Werk, Wrong Norma, war 2024 Finalist beim National Book Award. Zu ihren früheren Auszeichnungen zählen unter anderem der T. S. Eliot Prize 2001 und der Prinzessin-von-Asturien-Preis für Literatur 2020.
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Anne Carson: Vom Griechischunterricht zur Professur
Carson wird 1950 in Toronto geboren und begeistert sich schon an der High School für die Antike. Ihr Lateinlehrer bringt ihr Altgriechisch bei. An der University of Toronto schreibt sie sich am St. Michael’s College ein, verlässt die Universität aber nach dem ersten und nach dem zweiten Jahr wieder. Der Grund: Die starren Vorgaben schrecken sie ab, vor allem ein Pflichtkurs zu Milton. Eine Zeit lang arbeitet sie daraufhin im Grafikbereich.
Dann kehrt sie zurück. 1974 macht sie den Bachelor, 1975 den Master und 1981 die Promotion in Klassischer Philologie. Ihre Dissertation trägt den Titel Odi et Amo Ergo Sum. Außerdem studiert sie griechische Metrik und Textkritik an der University of St Andrews. Danach lehrt sie an Universitäten in Calgary, Montreal, Princeton, Michigan und New York. Gemeinsam mit ihrem Partner Robert Currie hat sie unter anderem an der New York University den Kurs „Egocircus“ über die Kunst der Zusammenarbeit unterrichtet.
So wird der Nobelpreis vergeben
Wer den Literaturnobelpreis erhält, entscheidet die Schwedische Akademie in Stockholm. Sie besteht aus 18 Mitgliedern, die ihren Sitz auf Lebenszeit innehaben. Darunter sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Ellen Mattson, aber auch Lyrikerin Jila Mossaed, Historiker Peter Englund, Philosophin Åsa Wikforss und Linguist Tomas Riad.
Auch nominieren dürfen nur bestimmte Personen: Mitglieder der Schwedischen Akademie und ähnlicher Institutionen, Professorinnen und Professoren für Literatur und Sprachwissenschaft, frühere Literaturnobelpreisträgerinnen und -träger sowie Vorsitzende repräsentativer Schriftstellerverbände. Vorbereitet hat die Wahl das Nobelkomitee für Literatur, ein Arbeitsgremium mit fünf Mitgliedern. Den Vorsitz hat Literaturwissenschaftler Anders Olsson.
Anlässlich ihres 125-jährigen Bestehens hob die Nobelstiftung dieses Jahr das Preisgeld von 11 Millionen Schwedischen Kronen im Jahr 2025 auf mittlerweile 12 Millionen pro Kategorie an. Das entspricht umgerechnet gut 1,07 Millionen Euro. Die offizielle Preisverleihung findet jährlich am 10. Dezember statt, dem Todestag Alfred Nobels. Die meisten Preise überreicht der schwedische König in Stockholm, nur den Friedensnobelpreis vergibt der Vorsitzende des norwegischen Nobelkomitees in Oslo.
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