Am 9. Oktober verkündete die Schwedische Akademie: Der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an László Krasznahorkai. Krasznahorkais Romane seien „fesselnd und visionär“ und bekräftigten „die Kraft der Kunst inmitten apokalyptischer Schrecken“. Damit ist Krasznahorkai, nach dem 2002 ausgezeichneten Imre Kertész, der zweite mit dem Literaturnobelpreis geehrte ungarische Schriftsteller.
Die Auszeichnung kam für viele Beobachterinnen und Beobachter nicht überraschend. Schließlich galt Krasznahorkai seit Jahren als einer der Favoriten auf den Preis. Aber wer ist László Krasznahorkai? Und was zeichnet die Literatur des 1954 in der ungarischen Kleinstadt Gyula geborenen Autors aus?
László Krasznahorkai: Leben und Werdegang
László Krasznahorkai entstammt einer jüdischen Familie und besuchte in Gyula das humanistische Gymnasium, bevor er ab 1974 zunächst Jura in Szeged studierte. Wenig später wechselte er nach Budapest, wo er Ungarisch, Literatur und Volkskunde belegte. Ab den späten 1980er-Jahren führte ihn sein Weg regelmäßig ins Ausland. So war er unter anderem 1987/88 Stipendiat des Berliner DAAD-Künstlerprogramms, später lebte er mehrere Jahre in der deutschen Hauptstadt.
In den frühen 1990er-Jahren reiste er durch China, Japan und die Mongolei. Neben seiner Arbeit als freier Autor übernahm er Lehraufträge, etwa 2008 als Gastprofessor an der Freien Universität Berlin. Heute lebt der 71-Jährige abwechselnd in Pilisszentlászló nahe Budapest und in Berlin, zeitweise auch in Wien und Triest. Krasznahorkais Werk wurde international vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2015 mit dem International Booker Prize. Seine Romane sind inzwischen in mehr als 30 Sprachen übersetzt worden.
Literaturnobelpreis 2024: Lerne Gewinnerin Han Kang kennen
„Meister der Apokalypse“: Das Werk von László Krasznahorkai
Schon mit „Satanstango“ aus dem Jahr 1985 machte sich László Krasznahorkai international einen Namen. Der Roman, der später von Béla Tarr verfilmt wurde, spielt in einem heruntergekommenen Dorf in Ungarn, dessen Bewohner einem vermeintlichen Erlöser verfallen. Die Parabel über Hoffnung und Verfall gilt als Schlüsseltext, der Krasznahorkai den Ruf „Meister der Apokalypse“ eingebracht hat. Der Roman ist bei Audible auf Englisch verfügbar.
In „Melancholie des Widerstands“ von 1989 führt der Autor dieses Motiv fort: Ein Wanderzirkus bringt das fragile Gleichgewicht einer Gesellschaft ins Wanken. Die Frage, wie leicht sich Menschen durch Angst lenken lassen, zieht sich durch viele von Krasznahorkais Werken. So geht es auch in „Krieg und Krieg“ von 1999 um das Ringen mit der menschlichen Existenz. Ein ungarischer Privatgelehrter reist nach New York, um dort ein altes Manuskript zu veröffentlichen. Entstanden ist der bei Amazon auf Englisch verfügbare Roman über Untergang, Erinnerung und das Weiterleben in Texten übrigens in der Wohnung des Dichters Allen Ginsberg.
Krasznahorkais spätere Romane sind stark von seinen Reisen geprägt. So erkundet er in „Im Norden ein Berg, im Westen Wege, im Osten ein Fluss“ von 2003 den Mikrokosmos eines japanischen Klosters. Im 2008 erschienenen „Seiobo auf Erden“ führt er die Lesenden an unterschiedliche Orte und Epochen, immer auf der Suche nach vollkommener Schönheit – ob in einer antiken Statue oder in einem Nō-Theater.
Gesellschaftskritik in Deutschland und Ungarn
Im 2021 veröffentlichten „Herscht 07769“ verlegt Krasznahorkai seine apokalyptische Prosa in eine thüringische Kleinstadt. Hier gerät der naiv-gutmütige Florian Herscht in einen Strudel apokalyptischer Ängste, während er zwischen Neonazis und Einwohnerinnen und Einwohnern vermittelt. Krasznahorkai verbindet hier existenzielle Themen mit bitterem Humor und messerscharfer Gegenwartskritik. Das Besondere: Der Roman besteht aus einem einzigen Satz, der über 400 Seiten anhält.
Auch Ungarn selbst ist Gegenstand von Krasznahorkais Literatur. In „Baron Wenckheims Rückkehr“ von 2015 kehrt ein alternder Baron aus Südamerika zurück in seine Heimatstadt. Was folgt, ist ein sprachlich rauschhafter Abgesang auf ein Land, in dem Missgunst, Resignation und politischer Stillstand dominieren. Mit mäandernden Sätzen, die ganze Seiten füllen, erschafft Krasznahorkai ein Sprachkunstwerk, das zwischen Satire, Wutrede und Untergangsvision changiert.
In „Im Wahn der Anderen“, seinem jüngsten Werk von 2023, verknüpft Krasznahorkai drei Erzählungen mit Zeichnungen von Max Neumann. Sie führen nach New York, wo ein Bibliothekar sich im Wahn eines anderen verliert, und durch Europa bis auf eine abgelegene Insel. Die Texte entfalten eine hypnotische Kraft, in der Tag und Traum verschwimmen – ein Beispiel für Krasznahorkais Fähigkeit, Realität und Fiktion ineinanderfließen zu lassen.
Preisgekrönte Literatur bei Audible entdecken
Ob apokalyptisch-düster oder meditativ-schön: László Krasznahorkai macht deutlich, wie zerbrechlich Gesellschaften sind – und stellt zugleich die Frage, welche Rolle Kunst in all dem spielen kann. Bei Audible findest du sowohl Klassiker der Weltliteratur als auch ausgezeichnete Gegenwartsliteratur. Falls du Audible noch nicht ausprobiert hast: Im Probemonat streamst du unbegrenzt Tausende von Hörbüchern, Hörspielen und Original Podcasts. Zusätzlich erhältst du einen kostenlosen Titel, den du für immer behalten kannst.
Titelfoto via Miklós Déri: Arcok, CC BY-SA 4.0





