Mit seinen sensiblen Milieu-Romanen hat der schottisch-amerikanische Autor Douglas Stuart sich eine große Fangemeinde und die Gunst der Kritik erschrieben. Sein Debüt Shuggie Bain erhielt 2020 den renommierten Booker Prize, der Nachfolger Young Mungo wurde 2023 bei den British Book Awards als Audiobook of the Year ausgezeichnet.
Im April erschien Stuarts dritter Roman John of John – eine Inselballade über einen jungen Mann, der aus Edinburgh in die enge und streng religiöse Welt seiner Kindheit auf den schottischen Hebriden zurückkehrt. Über das von Charly Hübner gelesene Hörbuch des Romans heißt es in den Audible-Kommentaren: „Ein wunderschönes Buch, perfekt gelesen.“ Audible-Redakteur Michael Collina hat mit Douglas Stuart über den Roman, dessen Figuren und die Tätigkeit als Autor gesprochen.
In Shuggie Bain und Young Mungo spielten Mutter-Sohn-Beziehungen eine wichtige Rolle. In John of John steht nun die Vater-Sohn-Dynamik zwischen Protagonist Cal und seinem Vater John im Mittelpunkt. Was hat dich daran gereizt?
In meinen ersten beiden Büchern habe ich über Söhne und Mütter geschrieben. Da wollte ich den Müttern nun eine Pause gönnen und die Väter gewissermaßen dafür zur Rechenschaft zu ziehen, was sie ihren Söhnen als Erbe hinterlassen. In John of John ergründe ich genau das.
Ich sollte wohl erwähnen, dass Cal schwul ist. Herausgefunden hat er es während seines Studiums. Seine größte Herausforderung ist es, sein Geheimnis in einem sehr konservativen, calvinistischen Elternhaus für sich zu behalten. Aber auch John hat seine Geheimnisse. Einerseits versucht John, seinen Sohn nach seinem eigenen Vorbild zu erziehen, andererseits hasst er sein eigenes Vorbild, weil er selbst mit seiner eigenen Sexualität hadert. Und so klafft zwischen diesen beiden Männern eine riesige Kluft.
Sie könnten sich räumlich kaum näher sein. Sie arbeiten zusammen, sie gehen gemeinsam in den Gottesdienst, sie essen zusammen, sie leben in einem kleinen Haus am Meer, und doch liegt eine emotionale Distanz zwischen ihnen. Alles, weil sie nicht ehrlich über ihre Gefühle und darüber sein können, wer sie sind. Für mich als Autor stellte dies eine handwerkliche Herausforderung dar. Wie konnte ich diese Beklemmung und diese Spannung erzeugen und gleichzeitig die Leser glauben lassen, dass alles in Ordnung wäre, wenn die Männer nur über ihre Gefühle sprechen könnten?
Wie viele eigene Beobachtungen stecken in der präzisen Zeichnung der Beziehung zwischen Cal und John?
Ich bin ohne Vater aufgewachsen. Er verließ uns, als ich etwa vier Jahre alt war; daher habe ich eine solche Beziehung nie selbst erlebt. Ich glaube, in gewisser Weise wurde das Schreiben dieses Buches für mich zu einer kleinen Obsession: Ich wollte ergründen, was Vater und Sohn füreinander bedeuten, wie sie einander lieben können und wie Väter versuchen, ihre Söhne nach ihrem eigenen Ebenbild zu formen.
Doch obwohl ich keinen Vater hatte, fühlte ich mich mein ganzes Leben lang sehr stark von Männern geprägt – und das nicht immer auf besonders positive Weise. Ich hatte das Gefühl, mich anpassen zu müssen. Ich stamme aus einer Gegend, in der die Schwerindustrie eine große Rolle spielte und Männlichkeit nur in sehr engen Bahnen definiert wurde. Man musste stark und mutig sein und immer selbstbewusst auftreten. Schwäche oder Gefühle zu zeigen, war tabu. Man musste hart arbeiten, viel trinken und – oft genug – auch „hart“ lieben.
Man musste Frauen zwar einerseits hochschätzen, ihnen andererseits aber kaum wirkliche Bedeutung beimessen; für ihr Innenleben oder ihre Gefühle interessierte man sich kaum. So definierte sich Mannsein dort, wo ich aufwuchs. So war man ein Mann aus der Arbeiterklasse. Ich spürte also diesen Anpassungsdruck, und doch konnte ich mich nie wirklich einfügen.
Schon als ich etwa sechs Jahre alt war, war es ganz offensichtlich, dass ich zu viel zu sagen hatte. Ich hatte zu viele Gefühle. Ich war zu ausdrucksstark. Ich wollte Dinge sein, bei denen die Männer um mich herum große Angst verspürten, wenn sie damit konfrontiert wurden.
Und welche eigenen Prägungen des schwulen Autors Douglas Stuart sind in die Figur Cal eingeflossen?
Eine der Erfahrungen, die ich direkt aus meinem Leben geschöpft habe, ist meine Jugend als Schwuler in den frühen 90er Jahren – eine wirklich düstere Zeit, in der sich alle irgendwie versteckten oder ihre Homosexualität verheimlichten. Es war die Zeit kurz nach der AIDS-Epidemie. Ich denke, als junger Mann hätte ich selbst nicht geglaubt, dass ich einmal ein glücklicher, gesunder Erwachsener sein könnte. Ich glaube auch nicht, dass irgendjemand, der mir nahestand, geglaubt hätte, dass eine solche Zukunft für mich möglich wäre. Ich glaube auch nicht, dass irgendjemand, der mir nahestand, geglaubt hätte, dass eine solche Zukunft für mich möglich wäre.
Doch eine Möglichkeit, in meiner Jugend mit anderen in Kontakt zu treten, boten die hinteren Seiten von Jugendzeitschriften, wo es Kontaktanzeigen für Brieffreundschaften gab. Man schrieb lange Briefe an andere schwule Jungen in Städten im ganzen Land. Als ich dieses Buch schrieb, fand ich eine Schachtel mit meinen alten Briefen. Ich war wie eine der Brontë-Schwestern, weißt du [lacht]. Es geht um diesen langen Briefwechsel mit Fremden: „Erzähl mir von dem Dorf, in dem du wohnst, erzähl mir vom Wetter und von deiner Familie.“
Monatelang haben wir uns Briefe hin- und hergeschickt. In gewisser Weise war es wirklich wunderschön und erforderte unglaubliche Offenheit, all seine intimen Geheimnisse mit einem Fremden zu teilen. Durch einen dieser Briefe verliebte ich mich zum ersten Mal in einen anderen jungen Mann. Als ich auf den gesamten Schriftverkehr zurückblickte, wurde mir klar, dass das alles noch vor der Zeit der Selfies geschah. Es war vor der Zeit der Computer. Es war eine Zeit, in der noch niemand auf die Idee kam, eine Kamera auf sich selbst zu richten. Und so stammten alle Fotos, die wir hatten, von Anlässen wie Familiengeburtstagen oder davon, wie wir auf der Mauer vor dem Haus der Großmutter saßen – in brandneuen Turnschuhen und mit einem Ausdruck, der verriet, wie stolz wir auf uns waren.
In gewisser Weise ist es unglaublich rührend und zeugt von großer Verletzlichkeit, Menschen in solchen Momenten zu sehen, in denen sie völlig ungezwungen und auf eine andere Art intim waren – anders als wir Intimität heute verstehen, wo man sich gleich zu Beginn Nackt-Selfies schickt. Man musste alle Fotos machen und sie dann in der Drogerie entwickeln lassen. Sie wirkten sehr sittsam, fast wie Fotos aus einer anderen Zeit. Und als ich die Figur des Cal schrieb und wie er nach Liebe sucht, habe ich viel davon einfließen lassen, und das hat mich wirklich in Erinnerungen schwelgen lassen.
Deine letzten beiden Bücher Shuggie Bain und Young Mungo spielten in Glasgow. In John of John ist der Schauplatz eine Insel der schottischen Hebriden. Ein Versuch, dich erzählerisch von deiner eigenen Heimatstadt zu lösen?
Ich glaube, als ich mit dem Buch begann, war mir nicht ganz klar, worauf ich mich da einließ. Ich fing tatsächlich schon 2019 damit an, noch bevor ich Shuggie Bain veröffentlichte – das Buch, das mich meiner Meinung nach erst richtig bekannt gemacht hat. Aber ich bin in Glasgow aufgewachsen, in der Innenstadt, und hatte von meinem eigenen Land nie wirklich viel gesehen, weil wir eine Familie waren, die nicht viel Geld hatte. 2019 war ich also voller der typischen Ängste, die Debütautoren verspüren, wenn sie auf die Veröffentlichung ihres ersten Buches warten. Ich sagte zu meinem Ehemann: „Ich glaube, ich möchte ein bisschen durch Schottland reisen und sehen, was das in mir auslöst.“ Ich wollte schon immer mal auf die Äußeren Hebriden. Ich glaube, er hatte es einfach satt, sich mit meiner Nervosität herumzuschlagen, also stimmte er dieser Idee zu.
Ich verbrachte zwölf Wochen auf dieser Inselgruppe, die ich zuvor noch nie besucht hatte. Ich dachte: „Wenn sich daraus eine Geschichte ergibt, ist das toll, und wenn nicht, lerne ich mein eigenes Land ein bisschen besser kennen.“ Und es ist einfach ein so einzigartiger Ort. Es ist so wunderschön. Die Äußeren Hebriden liegen – für alle die es nicht wissen – vor der Nordwestküste Schottlands. Es sind die am weitesten entfernten Inseln, die wir haben, und geografisch gesehen liegen sie fast schon auf dem Weg nach Island oder Grönland. Ich machte mich also auf den Weg, hatte mir zwölf Wochen Zeit genommen und reiste einfach durch den Archipel, um zu sehen, was sich ergeben würde.
Was waren deine wichtigsten Erkenntnisse bei den „Recherchen“ auf der Insel?
Eines der allerersten Dinge, denen ich mich hingeben musste, war der Herzschlag der Inseln. Ich hatte zwei Romane über die Arbeiterklasse geschrieben, aber mir wurde klar, dass wir, wenn wir über soziale Klassen sprechen, oft ländliche Orte oder agrarische Gemeinschaften ausklammern. Das fühlte sich für mich falsch an, wenn mein übergeordnetes Projekt darin bestand, darüber zu schreiben, was es bedeutet, queer und zur Arbeiterklasse zu gehören. Und sobald ich auf den Inseln ankam, wurde mir klar, dass die Zeit dort anders verläuft.
Das Entscheidende ist das tiefverwurzelte Gedächtnis des Ortes und eine generationsübergreifende Sorge um den Ruf und darum, in guter Erinnerung zu bleiben – und dass man über alle Generationen hinweg keine Schande oder Ähnliches auf die Menschen zurückfallen lassen darf, die einen großgezogen haben oder die vor einem da waren.
Aber es ist ein Ort, der vollkommen von den Jahreszeiten bestimmt wird. Man braucht fast einen Tag, um dorthin zu gelangen, daher hat schon allein die Reise ihr ganz eigenes Tempo. Doch die Jahreszeiten prägen alles auf den Inseln, und hinter den Jahreszeiten steht das Wetter. Die Inseln sind für ihre heftigen, peitschenden Winde bekannt, da sie das erste Stück Land sind, auf das man trifft, wenn man den Atlantik überquert. So sammelt sich all diese Kraft dort und wird gewissermaßen abgefedert, bevor sie das Festland erreicht.
Aber es gibt auf den Inseln auch eine sehr prägende kirchliche Kultur, und so hat die Kirche ebenfalls ihren eigenen Kalender sowie ihren eigenen Herzschlag und Rhythmus. Ein sehr wichtiger Aspekt ist der Sabbat, an dem alles stillsteht und alles geschlossen ist. Es wird nicht gearbeitet. Es gibt auch keine Freizeitaktivitäten. Jeder soll gewissermaßen still dasitzen und über Gott nachdenken.
Da ich das Buch zudem in einer Schafzuchtgemeinde angesiedelt habe, spielt der Lebenszyklus der Lämmer und die Schafzucht eine große Rolle. Die Männer sind Weber, daher gibt es die Stoffherstellung. Und selbst wenn ich mit der Vorstellung auf der Insel angekommen wäre, ich hätte eine Struktur oder eine Handlung, hätte ich all das über Bord werfen müssen, denn man muss sich, glaube ich, zunächst einmal einfach dem Ort hingeben.
John und Cal sind Tweed-Weber auf der Insel Harris. Inwiefern sind die Erfahrungen aus deinem früheren Job als Modedesigner in diesen Plot eingeflossen?
Beim Schreiben des Buches dachte ich immer wieder: „Oh, ich kann kaum glauben, dass ich ein Buch über das Weben schreibe.“ Aber wenn ich einen Schritt zurücktrete und mir bewusst mache: „Oh, ich habe zwei Abschlüsse in Weberei“, dann war es fast unvermeidlich. Das ist wahrscheinlich ein Buch, das ich schon seit fast 20 Jahren schreiben wollte.
Es fühlte sich für mich einfach ganz natürlich an. Und was für eine Freude ist es auch, über Männer zu schreiben, arbeitende Männer, die Schönheit in die Welt bringen, Männer, die sich sehr mit Farben und Mustern beschäftigen und diesen wirklich herrlichen Stoff herstellen – damit verdienen sie ihren Lebensunterhalt. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass Harris Tweed ein weltweit ziemlich seltenes Produkt ist. Es handelt sich um einen gewebten Tweedstoff, den Weber auf Webstühlen herstellen, die in Schuppen hinter ihren Häusern stehen.
Ich habe in diesem einen Roman alle Teile meiner Persönlichkeit vereint und alles gewissermaßen zusammengeführt. Aber Textilien sind für mich auch eine wirklich praktische Metapher. Ich denke darüber nach, wie man in Romanen „Bildteppiche“ schafft. Als Textildesigner lernt man sicherlich die Geduld, sich auf das Winzige zu konzentrieren und immer und immer wieder über sich wiederholende Handlungen nachzudenken.
Und dann tritt man einen Schritt zurück, weitet den Blick und erkennt das große Ganze, das man gerade erschafft. In vielerlei Hinsicht sind das großartige Fähigkeiten für Schriftsteller. Es ist ganz ähnlich wie beim Schreiben eines Romans: Man muss sich endlose Stunden lang auf das einzelne Wort, auf den Satz, auf die Figur konzentrieren und dann hoffen, dass daraus ein sehr reichhaltiger Bildteppich entsteht.
Für dein Debüt Shuggie Bain gab es 2020 den Booker Prize und das englische Hörbuch von Young Mungo gewann 2023 den British Book Awards im Bereich Fiction als Audio Book of the Year. Inwiefern lastet durch solche Preise Erfolgsdruck auf dir und dem dritten Roman?
In vielerlei Hinsicht, denn ich kam von so weit außerhalb des Literaturbetriebs – wie gesagt, ich arbeitete in einer ganz anderen Branche; ich habe keinen MFA-Abschluss (Master of Fine Arts) –, und als ich sozusagen ankam und dann mit meinem Debüt den Booker gewann, und das mitten in der Pandemie. Ich hatte die meisten Leute noch nicht persönlich getroffen. Ich hatte nicht einmal die Gelegenheit gehabt, ein literarisches Netzwerk aus befreundeten Autoren aufzubauen oder auch nur die Leute zu treffen, die mich interviewt haben. Alles lief über den Computer ab.
In Großbritannien gibt es zudem ein sehr eigenartiges Phänomen, wenn man einen Preis gewinnt: Die Feierlichkeiten haben oft einen fast negativen Beigeschmack, und man wird sehr schnell auf das erwartete Scheitern angesprochen. Die Journalisten fragen also sehr schnell, innerhalb von Minuten nach dem Gewinn: „Herzlichen Glückwunsch zum Sieg. Glaubst du, dein nächstes Buch wird ein Flop, oder glaubst du, es wird schwer werden?“
Das hat mich etwas irritiert. Ich habe dann immer – und das empfand ich als großes Glück – gesagt: „Nun, zum Glück hatte ich meinen zweiten Roman bereits geschrieben“, denn ich hatte Young Mungo schon fertiggestellt; deshalb liegen zwischen den Veröffentlichungen dieser beiden Bücher auch zwei Jahre.
Aber während ich das sagte, arbeitete ich eigentlich schon an John of John, und abends zu Hause, fragte ich mich: „Oh nein, was, wenn das jetzt vorbei ist?“ Das ist ein enormer Druck. Mir war sehr bewusst, dass die Leute genau darauf achteten, ob ich nur ein „One-Hit-Wonder“ oder jemand mit nur einer einzigen Masche sein würde. Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum das Schreiben sechs Jahre gedauert hat. Ich wollte mir die Zeit nehmen, um zu beweisen, dass ich eben kein Autor bin, der nach einem Erfolg wieder von der Bildfläche verschwindet, sondern jemand, der eine echte Karriere aufbauen kann – jemand, der viel zu sagen hat und mehr bieten kann als nur Geschichten, die in Glasgow spielen. Aber man kann nie vorhersagen, was die Leute von einem Roman halten werden.
In den Biografien deiner Figuren spielen Brüche eine große Rolle, und auch dein eigener Weg zum Autor war alles andere als geradlinig. Sind solche Brüche eine Inspirationsquelle beim Schreiben?
Schon als junger Mann wollte ich eigentlich Schriftsteller werden, doch da ich in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, kam ich in meiner Kindheit kaum mit Büchern in Berührung. Als ich mit 17 oder 18 Interesse an Büchern zeigte, versuchten meine Lehrer durchaus, mir zu helfen, aber sie lenkten mich in Richtung Textildesign und weg von der Literatur. Sie wussten, dass ich nach dem College beruflich bestehen, herausragende Leistungen erbringen und meinen Lebensunterhalt selbst bestreiten musste. Meine Eltern waren beide verstorben – meine Mutter an den Folgen ihrer Alkoholsucht. Im Grunde war ich also obdachlos, und jede Ausbildung, die ich absolvierte, musste die Grundlage für mein gesamtes weiteres Leben bilden. So wurde aus meiner Ausbildung im Textilbereich eine Ausbildung in der Modebranche, aber selbst als ich in der New Yorker Modewelt arbeitete, wollte ich Schriftsteller werden. Ich schrieb heimlich und im Verborgenen, und ich halte das für eine sehr gute Sache.
Ich glaube, für viele Schriftsteller – oder für alle, die davon träumen, Schriftsteller zu werden – gilt: Je reicher das eigene Leben ist und je mehr man zu tun hat, desto mehr bringt man auch in seine Texte ein. Man sollte also nicht glauben, der einzige Weg, Schriftsteller zu sein, bestünde darin, jeden einzelnen Tag ausschließlich zu schreiben. Es ist gut, auch andere Perspektiven im Leben zu haben. Ich selbst habe 10 Jahre gebraucht, um meinen Debütroman zu schreiben, und dann wusste ich nicht, was ich damit anfangen sollte, also begann ich mit meinem zweiten Roman, nämlich Young Mungo, und schrieb einfach weiter, ohne jemals etwas zu veröffentlichen.
Dass ich nun also ein veröffentlichter Autor bin und mir in gewisser Weise einen Traum erfüllt habe, den ich schon seit 20 oder 30 Jahren hegte – und an dem ich über viele Jahre hinweg ganz im Stillen gearbeitet hatte –, und dass sich der Kreis nun hin zu den Textilien schließt: Das alles fühlte sich einfach so an, als wäre ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen.
Eine wichtige Figur in John of John ist Cals Großmutter Ella, wegen der er auf die Insel zurückkehrt. Sie ist wie ein Gegenentwurf zu den Männern. Wie entstand diese Figur?
Ella zu schreiben, hat mir so viel Spaß gemacht wie noch keine andere Figur zuvor. Als ich über diese beiden eher wortkargen presbyterianischen Männer schrieb, die einander die Wahrheit verschwiegen, wurde mir klar, dass ich dafür einen Gegenpol brauchte. Ich konnte keine Frau nehmen, die sehr zurückhaltend war. Ich brauchte jemanden mit einer imposanten, respektlosen Art, der zudem ein wenig frustriert über die Männer im Roman war. Ich dachte sofort an meine eigene Großmutter, eine Frau aus Glasgow, die meiner Meinung nach die Welt regierte – allerdings hinter den Kulissen. Sie hatte es mit all den Männern in ihrer Familie, ihrer Gemeinde und ihrem eigenen Leben zu tun, die über alles die Kontrolle hatten – von der Arbeit über den Gottesdienst bis hin zur Freizeitgestaltung. Und doch fehlte ihnen die emotionale Intelligenz, um mit den Komplexitäten der Welt umzugehen.
Meine Großmutter und Frauen ihrer Generation mussten oft einfach versuchen, sich in der Welt zurechtzufinden und die Dinge in Ordnung zu bringen. Ganz ehrlich: Als die Männer älter wurden und schließlich starben, bedeutete das für diese Frauen eine große Befreiung, denn plötzlich konnten sie einfach frei sein. Ich wollte, dass Ella als genau eine solche Figur wahrgenommen wird.
Sie ist zudem eine Frau, die Cals Liebe wert sein musste – damit Cal direkt auf die Inseln zurückkehrt, als er gebeten wird, sich um sie zu kümmern. Aber sie ist unflätig und frech, sie setzt sich gegen die Männer durch, sie hält sich nicht an Konventionen, sie hat keine Angst vor der Kirche und sie hat keine Angst vor irgendwelchen Rüpeln. Es ist wie eine Beziehung à la „Harold und Maude“, nur über Generationen hinweg. Sie ist Cals beste Freundin, übt aber auch einen verderblichen Einfluss auf ihn aus. Sie findet, dass sein Vater ihn zu streng und zu spießig erzieht, und deshalb liebt sie es, sich mit ihnen Beleidigungen hin und her zu werfen; sie haben ein Spiel, bei dem sie neue Beleidigungen, neue Schimpfwörter und neue Arten, Leute zu beleidigen, sammeln, und das ist ihre Lieblingsbeschäftigung. Es hat mir so viel Spaß gemacht, diese Szenen mit ihr zu schreiben.
Ich glaube, schwule Jungs fühlen sich oft irgendwie sehr zu ihren eigenen Großmüttern hingezogen, weil sie beide das Gefühl haben, das Patriarchat in gewisser Weise überlebt zu haben, oder weil sie beide gewissermaßen außerhalb einer Struktur stehen, die viele Jahre lang versucht hat, sie zu kontrollieren. Ich als junger schwuler Junge fand einfach keinen rechten Platz in der Gesellschaft, während meine Oma das Ganze bereits überstanden hatte. Auf eine gewisse Weise verband uns also ein generationsübergreifendes Band, und ich glaube, dieses Gefühl kennen viele schwule Männer.
Deine drei bisherigen Romane spielen in verschiedenen schottischen Milieus und in verschiedenen Jahrzehnten. Du selbst lebst allerdings schon lange in den USA. Hältst du durchs Schreiben die Verbindung zu deiner schottischen Herkunft aufrecht?
Ja, die Bücher sind zwar eigenständige Romane, aber in gewisser Weise bilden sie ein sehr lockeres Triptychon, und ich denke, es geht darum, wie man mit queeren Menschen in einem sich wandelnden Land umgeht. Der Hintergrund, das durchgängige Element, ist meiner Meinung nach für diese drei Romane Schottland. Die Figuren kennen sich nicht. Die Romane stehen in keinem Zusammenhang miteinander, sie sind eigenständige Werke, aber es geht darum, wie ich mit meinem Zugehörigkeitsgefühl ringe, meinem eigenen Zugehörigkeitsgefühl.
Schottland war ein sehr patriarchalisches Land, das stark auf die Industrie ausgerichtet war, aber jetzt ist es aus meiner Sicht das liberalste Land Europas, und das geschah sehr schnell. Es ging so schnell, dass ich fast erstaunt bin, denn wenn man in der Zeit zurückreisen und mit meinem 18-jährigen Ich sprechen könnte, würde ich sagen: „Nein, die Dinge werden niemals besser werden oder sie können sich nicht verbessern.“ Und jetzt blickt mein ich, der ich mittlerweile über 40 bin, zurück und denke: „Gott, ich bin so stolz auf mein Land, aber ich bin auch irgendwie ein bisschen traurig, dass der Wandel nicht früher kam und dass ich diese dunklen Zeiten durchstehen musste.“ Es geht in meiner Arbeit also wirklich darum, herauszufinden, wo ich hingehöre.
Wie geht es mit dem Autor Douglas Stuart weiter? Gibt es schon neue Projekte oder Themen?
John of John ist der letzte Teil dieses Triptychons über Schottland. Ich lebe nun schon seit fast 30 Jahren in New York, und ich muss ehrlich sagen: Ich finde, es ist an der Zeit, dass ich mich New York zuwende. Dies dürfte vorerst mein letzter Roman sein, der in Schottland spielt.
Aus einem Interview, das der in den USA ansässige Redakteur Michael Colina geführt hat und das am 22. Mai 2026 im US-Blog von Audible veröffentlicht wurde. Zur besseren Verständlichkeit redaktionell bearbeitet.
Autorenfoto: © Desiree Adams







