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Pride: Wie er begann und warum wir ihn brauchen

Pride: Wie er begann und warum wir ihn brauchen

Im Sommer werden auf den Straßen wieder die Regenbogenflaggen geschwenkt. Denn dann finden weltweit Pride Parades statt. Auf Pride Parades demonstrieren LGBTQIA+-Personen und ihre Verbündeten beziehungsweise Allys für ihre Rechte. Hierzulande sind sie besser bekannt als Christopher Street Days (CSD). Welche Geschichte steckt hinter diesem Namen? Was genau wird beim Pride gefeiert? Und braucht man die Paraden heutzutage überhaupt noch? Hier bekommst du Antworten auf diese Fragen und liest die zusammengefasste Version der Geschichte hinter „Pride“.

Eine Anmerkung: Unter dem Begriff „queer“ verstehen wir in diesem Text alle Menschen, die sich in irgendeiner Form jenseits konventioneller Normen von Geschlecht und Sexualität bewegen. Das umfasst zum Beispiel trans, intergeschlechtliche, nicht-binäre oder nicht heterosexuelle Personen und noch viele mehr.

Vorgeschichte(n) hören: Pride-Historie im Spiegel der Jahrhunderte

Bevor wir die Geschichte des Stonewall-Aufstands beleuchten, die der Startschuss der modernen Pride Parades war, reisen wir mit zwei neueren Hörbüchern noch ein Stück weiter in der queeren Geschichte zurück. Denn im Laufe der Jahrhunderte haben immer wieder Menschen, die nicht heterosexuell und nicht cis-geschlechtlich waren, für ihre Rechte gestritten, gelitten und geschrieben.

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In Eine kurze Geschichte queerer Frauen widmet sich US-Autorin Kirsty Loehr explizit den weiblichen Ikonen der queeren Historie – von der griechischen Dichterin der Antike Sappho über Hildegard von Bingen bis zu Marsha P. Johnson, einer der Schlüsselfiguren des Stonewall-Aufstands. Dabei konzentriert sich Loehr auch auf prägende Figuren, die im Zuge patriarchaler Geschichtsschreibung in Vergessenheit geraten sind. Ein spaßiges, informatives und empowerndes Hörbuch, das immer wieder mit überraschenden Perspektivwechseln überrascht.

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Wenn du dich konkret für Deutschlands queere Geschichte interessierst, legen wir dir Queer von Benno Gammerl ans Herz. In diesem Sachbuch liefert der Historiker und Autor einen umfassenden Überblick zu den Um- und Aufbrüchen, die nicht-heterosexuelle Menschen von 1871 bis heute im deutschsprachigen Raum ausgelöst haben – von der „Unterdrückung, Aufklärung und Skandalisierung“ im Kaiserreich bis zur „Diversifizierung seit den 1990er Jahren“. Dabei macht Gammerl nicht nur deutlich, wie Geschichte sich auf die Gegenwart auswirkt, sondern auch, wie wir aus ihr lernen können. Ein spannendes und kundiges Hörbuch, das Lust auf Pride macht.

Happy Pride: Erlebe sechs Generationen queerer Geschichte mit zeitlosen Hörbüchern

Ursprünge des Pride Month: Das war der Stonewall-Aufstand

New Yorker Christopher Street, 1969. Im Greenwich Village von Manhattan steht das legendäre Stonewall Inn. In der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 wehren sich sexuelle Minderheiten im Rahmen des Stonewall-Aufstands in der Szene-Bar erstmals vehement gegen Polizeigewalt. Das Ereignis markierte den Wendepunkt im Kampf der Schwulen- und Lesbenbewegung um Gleichberechtigung.

Denn im vermeintlich fortschrittlichen Amerika waren in den 1960er-Jahren die Lebensbedingungen für queere Menschen alles andere als rosig. Nicht nur wurden sie sozial geächtet. Wer sich als schwul, lesbisch oder trans outete, verlor meist sowohl Job als auch den familiären Rückhalt. Gleichgeschlechtlicher Sex galt als Verbrechen, ebenso wie das Tragen von Kleidung, die nicht dem biologischen Geschlecht entsprach.

Wie sich die Zeiten ändern: Finde heraus, was hinter dem Begriff „Casual Queerness“ steckt

Selbst in New York City – damals bereits eine Hochburg queerer Subkultur –, wurden Homosexuelle und transidentitäre Menschen, die sich damals übrigens emanzipatorisch selbst als „Transvestiten“ bezeichneten – regelmäßig von der Polizei aufgegriffen. Eine Schankerlaubnis für Bars mit queerem Publikum gab es lange Zeit nicht.

Die Bars gab es natürlich trotzdem. Ebenso wie Drag Queens, schwulen Sex und queeres Leben. Oft wurden sie, wie das Stonewall Inn, von der Mafia betrieben. Der Schwarzhandel florierte, was der Stadt natürlich ein zusätzlicher Dorn im Auge war. Deshalb fanden regelmäßig Razzien statt.

Trotzdem fanden sich trans Personen, Schwule und Lesben dort ein. In Bars wie dem Stonewall Inn fanden sie einen Platz zum Feiern. Dort konnten sie Freund*innen und Liebhaber*innen treffen. Eine Weile sie selbst sein. Nicht „unnormal“. Da ertrug man sogar die Razzien, erduldete die Polizeigewalt, riskierte es, dass die eigene Identität öffentlich gemacht und das Leben, wie man es im Alltag bisher kannte, dadurch zerstört wurde. Es muss die Hölle gewesen sein. Und als die Polizei in den frühen Morgenstunden des 28. Juni 1969 in das Stonewall Inn einfiel, beschlossen deren Besucher, sich diese Demütigungen nicht mehr gefallen zu lassen und zurückzuschlagen.

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Sehr intensiv und informativ beschreibt das Ann Bausum in Stonewall - Breaking Out the Fight for Gay Rights das Geschehen.

Was ist in der Christopher Street passiert?

Auch wenn „Stonewall“, Roland Emmerichs Film aus dem Jahr 2015, etwas anderes vermuten lässt: Das Stonewall Inn wurde hauptsächlich von Hispanics und BiPoC besucht, von lesbischen Frauen sowie von auf der Straße lebenden Jugendlichen, die nach ihrem Outing zu Hause rausgeschmissen worden waren. Die Besucher*innen des Stonewall Inn bildeten eine Randgruppe in der Randgruppe.

Die Bar war in jener Nacht 1969 brechend voll – und die Razzia lief aus dem Ruder. Das mag nicht zuletzt daran gelegen haben, dass die New Yorker Polizei sich von den Barbetreibern in der Regel ein ordentliches Schmiergeld dafür bezahlen ließ, eine Razzia vorher anzukündigen – und sie so früh am Abend durchzuführen, dass der Hauptbetrieb der Lokale nicht sonderlich gestört wurde. Viel Geld muss damals den Besitzer gewechselt haben.

Am 28. Juni 1969 war das anders. Die Polizist*innen warnten die Betreiber*innen des Stonewall Inn nicht vor – und kamen erst weit nach Mitternacht. Zunächst verlief alles wie üblich: Man verhaftete Personen, die sich nicht ausweisen konnten oder die sich nicht ihrem biologischen Geschlecht entsprechend kleideten. Die Besucher*innen der Bar ließen sich wie üblich ins Freie treiben. Als die Polizist*innen bei den Verhaftungen jedoch unnötig grob wurden, lief die Sache aus dem Ruder.

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Die Barbesucher*innen, die jahrelang aufgrund ihrer sexuellen Identitäten gedemütigt und misshandelt worden waren, solidarisierten sich: Die Stonewall Riots gingen los. Zunächst bewarfen sie die Polizist*innen nur mit Münzen, dann mit Trinkflaschen und schließlich sogar mit Steinen.

Und weil das Stonewall Inn in der Christopher Street mitten im pulsierenden queeren Viertel New Yorks lag, schlossen sich immer mehr Menschen dem Widerstand an. Gemeinsam gelang es ihnen, die Polizei in die Flucht zu schlagen. Dieser Erfolg spornte die Leute an. „Wir lassen uns das nicht mehr länger gefallen“, müssen viele gedacht haben. Die Gay-Pride-Bewegung nahm ihren Anfang.

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Was bedeutet „Gay Pride“?

Pride heißt wörtlich übersetzt „Stolz“. „Gay Pride“ ist ein komplexer Begriff. Er entstand beeinflusst vom engen Kontakt mit der Black-Power-Bewegung und durch ein neues Sprechen und damit Denken. Dieses wurde vor allem durch Schwarze (queere) Feminist*innen wie Bell Hooks, Audre Lorde und viele weitere geprägt. Schon Jahre bevor sich der Begriff „Gay Pride“ etablierte, adaptierten die Kämpfer*innen von Stonewall die Begriffe „Gay Liberation“ und „Gay Power“ für sich.

Sehr bewegend und lebensnah beschreibt US-Autor Armistead Maupin die Sorgen, Nöte und Freuden der queeren Community in seinem Stadtgeschichten, deren zehn Teile gerade von Star-Sprecher Oliver Rohrbeck (Die drei ???) neu eingelesen wurden.

Pride Month und Pride Parades: Brauchen wir das heute noch?

Die kurze Antwort auf diese Frage lautet: unbedingt. So wurde zum Beispiel in Deutschland 2017 zwar die Ehe für alle eingeführt. Auch darüber hinaus hat sich mit Blick auf die Rechte von LGBTQIA+-Personen einiges getan. Aber das heißt noch lange nicht, dass alles gut ist.

So gilt das Wort „schwul“ nicht nur an Schulen immer noch als Schimpfwort. Einige Politiker*innen machen sich über trans Personen lustig. Viele queere Jugendliche haben Angst vor der Zukunft oder schämen sich, dazu zu stehen, wie sie sind.

Einige aktuelle Beispiele für institutionalisiert Homophobie

  • In Deutschland mag Homosexualität seit 1994 nicht mehr strafbar sein. Aber in 65 anderen Staaten wird Homosexualität laut Angaben des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) weiterhin strafrechtlich verfolgt.

  • In 12 Ländern droht Lesben und Schwulen die Todesstrafe.

  • Jüngsten Statistiken zufolge wurden im Jahr 2025 allein in Deutschland insgesamt 2.048 queerfeindliche Straftaten registriert, wie die taz berichtete.

  • Der Human Rights Watch World Report 2026 verweist ausdrücklich auf die Rückschläge, die reaktionäre und rechtsradikale Parteien derzeit in der Westlichen Welt verursachen. Zitat: „Viele Wählende nehmen die Limitierung der Rechte von ‚Anderen‘ billigend in Kauf, seien es Migranten, Frauen, ethnische Minderheiten, LGBT-Menschen oder andere marginalisierte Gruppen. Aber die Geschichte hat gezeigt, Möchtegern-Autokraten machen auch nach den ‚Anderen‘ nicht Schluss.“

Fazit: Die Welt mag toleranter geworden geworden sein, aber sie ist immer noch nicht tolerant. Sie ist gleichberechtigter geworden, aber noch nicht gleichberechtigt. Und deshalb ist jede Pride Week und jede Pride genau so wichtig wie eh und je.

Du willst diesen Sommer eine Pride Parade besuchen? Dann findest du hier alle CSD-Termine 2026 für Deutschland, Europa und die Welt.

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