Audible-Logo, zur Startseite gehen
Audible-Hauptsite-Link

Happy Pride! Queere Geschichte für die Ohren

Happy Pride! Queere Geschichte für die Ohren

Wenn im Sommer die Pride-Paraden durch die Großstädte ziehen, sehen viele in erster Linie die große Party. Um zu erfahren, dass hinter den Regenbogenfahnen und „Love is Love“-Transparenten eine über fünfzigjährige, sehr wechselvolle Emanzipationsgeschichte steht, muss man genauer hinsehen. Denn letztlich berufen sich alle Pride-Paraden dieser Welt auf die Stonewall-Riots, die in der Nacht des 28. Juni 1969 in New York den Beginn der modernen LGBTIQIA+*-Bewegung ins Rollen gebracht haben.

Stonewall hatte ein neues queeres Selbstbewusstsein zur Folge, das sich seither stetig weiterentwickelt und diversifiziert. Anhand von Büchern lässt sich gut nachzeichnen, wie sich das Verständnis und die Schwerpunkte von queerem Empowerment im Lauf der Jahrzehnte entwickelt haben. Entdecke perspektiverweiternde Literatur aus sechs Generationen, die im Geist von Stonewall entstanden ist!

Übrigens – was genau die erste Revolte von Schwulen, Lesben und trans* Personen gegen die queerphobe Staatsmacht bewirkte, erfährst du hier: „Pride Month: Warum wir ihn feiern“.

Pride -Generation 1: Die 1970er mit Armistead Maupins Stadtgeschichten

Der 1944 geborene US-Autor Armistead Maupin lebte zur Zeit der Stonewall Riots noch in Charleston, South Carolina. Doch als Teenager war er zu sehr mit der Entdeckung seiner eigenen schwulen Sexualität beschäftigt, um deren politische Dimension zu erfassen. Oder wie er es später im Interview mit der Entertainment-Website The Daily Beast scherzhaft ausdrückte:

Als Stonewall passierte, paffte ich gerade meinen ersten Schwanz, also war ich etwas abgelenkt.

Als Maupin 1972 nach San Francisco zog, wurde seine Sicht der Dinge differenzierter. Er genoss nicht nur die Freiheiten der hippie-bewegten Großstadt, sondern wollte deren Spirit auch mit neuen Geschichten über selbstbewusste queere Charaktere Ausdruck verleihen. Das Ergebnis: die Tales of the City-Reihe. Dieses Langzeitprojekt schildert in mittlerweile zehn Teilen die Lebenswege der Bewohnerinnen und Bewohner einer diversen Hausgemeinschaft im Spiegel der Zeitgeschichte. Die Reihe wurde auch als Serie verfilmt.

Die deutschen Fassungen der ersten fünf Stadtgeschichten-Teile wurden jüngst von Die-Drei-Fragezeichen-Star Oliver Rohrbeck mit viel Verve neu eingelesen. So können wir die Entwicklung von Hauptfigur Mary Ann-Singleton und ihrem diversen Freundeskreis durch die Jahre folgen – und uns vom queeren Community-Geist der Reihe inspirieren lassen. Denn Maupin spiegelt in seinen Stadtgeschichten nicht nur queere Fort- und Rückschritte, sondern vor allem den Community-Geist einer Wahlfamilie. Diese bietet Akzeptanz und Rückhalt, den klassische Familien leider oft verweigern.

Pride-Generation 2: Die 1980er mit Lion Christs Sauhund

In den Achtzigerjahren brach Aids über die Welt herein, ein damals neues vom HI-Virus ausgelöstes Immunschwächesyndrom. Von der Krankheit waren zunächst vor allem schwule Männer betroffen. Weil es anfangs keine wirksamen Medikamente gegen das Virus gab, starben in den Achtzigern allein in den USA Zehntausende infolge der Epidemie. Politik und Gesundheitsindustrie blieben lange ignorant und förderten damit die Diskriminierung Betroffener.

Die Antwort darauf: eine beispiellose Protest- und Solidaritätsbewegung, deren Errungenschaften die LGBTIQIA+-Community bis heute prägen. Lion Christs 2023 erschienener Debütroman Sauhund ist eine Hommage an diese Ära. Er setzt den vergessenen Liebenden der Aids-Ära ein Denkmal.

cover-image

Sauhund folgt Ich-Erzähler Flori, der 1983 aus dem Mief seines spießigen Heimatdorfs ins boomende München flieht, um ohne Zugeständnisse und Schuldgefühle seine Homosexualität zu leben. Als Aids die Stadt erreicht, steht Flori vor der Frage, ob er sein promiskes Party- und Liebesleben aufgeben oder trotz aller Risiken weitermachen soll wie vorher. Er begegnet der Situation auf seine eigene, existenzialistische Weise – und findet sich schließlich selbst.

Lion Christ wurde 1994 geboren, hat die Aids-Krise also nicht selbst miterlebt. Doch der Autor hat mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gesprochen, Archive durchforstet und individuelle Schicksale recherchiert. Basierend auf dieser Vorarbeit entwickelte er die Story von Sauhund. Der Roman fängt die Verletzungen und Herausforderungen der damaligen Zeit mit einer Unerschrockenheit ein, die in dieser Kompromisslosigkeit wohl nur mit der Distanz der Nachgeborenen möglich ist.

Pride-Generation 3: Die 1990er mit Michael Cunninghams Die Stunden

Nach der Einführung antiretroviraler Kombi-Therapien im Jahr 1996 wurde HIV behandelbar – und die Aids-Krise Stück für Stück eingedämmt. Die Community arbeitete das Trauma der Epidemie aber weiter auf- auch literarisch. Gleichzeitig machte sich ein allmählicher Perspektivwechsel bemerkbar. Lag der Fokus bis 1996 aus gegebenem Anlass auf schwulen Schicksalen, rückten jetzt mehr queere Frauenfiguren in den Fokus. Ein gutes Beispiel für die Begegnung beider Aspekte ist der 1998 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Roman Die Stunden des schwulen Autors Michael Cunningham.

cover-image

Die Stunden verwebt die Schicksale dreier Frauen unterschiedlicher Generationen. Da ist zum einen, die britische Schriftstellerin Virginia Woolf, die ihre lesbischen Erfahrungen und Sehnsüchte Anfang des 19. Jahrhunderts in den Roman Mrs. Dalloway transzendiert. Weitere Handlungsstränge thematisieren die inneren Konflikte von Laura Brown, die im Los Angeles des Jahres 1949 mit dem dort vorherrschenden Frauenbild hadert, sowie der lesbischen Lektorin Clarissa Vaugham, die in den Neunzigern die Verzweiflung ihres HIV-positiven Künstlerfreunds Richard mildern will. Wie Cunningham die drei Handlungsebenen miteinander interagieren lässt, führt auf meisterhafte Weise vor Augen, wie (queere) Vergangenheit sich auf nachfolgende Generationen auswirkt.

Pride-Generation 4: Die 2000er mit Barbie Breakouts Tragisch, aber geil

Die Berliner Drag-Queen Barbie Breakout definierte sich schon als nichtbinär, als dieses Wort im allgemeinen Sprachgebrauch noch gar nicht angekommen war. Dass Barbie dadurch im Lauf der Jugend viele Schwierigkeiten bekam, ist die eine Seite. Dass aus all den Anfeindungen ein vehementer queerer Stolz und Aktivismus erwuchs, die andere. Barbies Autobiografie Tragisch, aber geil lässt uns an alledem teilhaben.

cover-image

Nicht viele schaffen es, so drastisch und gleichzeitig mit so viel Humor über Mobbing, toxische Beziehungen, Drogenprobleme, Depressionen, Leben mit HIV und homophobe Gewalt zu erzählen wie Barbie Breakout. Tragisch, aber geil erschien erstmals 2012. 2019 wurde das Hörbuch aktualisiert und überarbeitet.

Dieses Buch repräsentiert vor allem das erste Jahrzehnt des neuen Millenniums. Denn in dieser Dekade fand Barbies Neu- und Selbstfindung als Drag-Queen in Berlin statt. Diese führte zum heutigen Promistatus als Host von Drag Race Germany und ist die Triebfeder der Botschaft, die eigene Identität zu verteidigen. Barbie beruft sich dabei auf Stonewall und äußerte 2021 im GQ-Interview:

Stonewall war ein Kampf (...) Und ich bin stolz drauf mit vielen sehr starken Menschen, die sich geweigert haben, sich anzupassen, in einer Reihe zu stehen.

Pride-Generation 5: Die 2010er mit Bernardine Evaristos Mädchen, Frau, etc.

Im zweiten Jahrzehnt der 2000er widmeten sich die Pride-Debatten zunehmend dem Thema Intersektionalität, also dem Zusammenwirken unterschiedlicher Gründe für Diskriminierung und struktureller Ungleichheit. Demzufolge hatten Bücher zum Thema Hochkonjunktur: Didier Eribon und Édouard Louis schrieben über die Wechselwirkungen von Sexualität und sozialer Klasse, Brian Washington und Ocean Vuong über Zusammenhänge zwischen Sexualität und Herkunft. Bernardine Evaristo legte derweil mit ihrem 2019 mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman Mädchen, Frau etc. das Buch der Stunde über Freud und Leid queerer Women of Color in Großbritannien vor.

cover-image

Mädchen, Frau etc. zeichnet in vier Kapiteln zwölf facettenreiche und liebevolle Porträts unterschiedlicher Schwarzer Frauen, die jede für sich hoffen, ihren Platz in der britischen Gesellschaft zu finden.– beginnend mit den lesbischen Künstlerinnen Amma und Dominique bis hin zu Meghan, die durch ihre Chat-Bekanntschaft mit Transfrau Bibi einen Ausweg aus ihren eigenen inneren Widerständen gegen ihr soziales Geschlecht findet. Bernardine Evaristo beweist in diesem Buch ein bemerkenswertes Gespür für menschliche Vielfalt, die Schilderung unterschiedlicher Milieus und lebendige Figurenzeichnung. Dass die Protagonistinnen in Mädchen, Frau etc. stark von der eigenen Biografie der Autorin inspiriert wurden, lässt sich in Evaristos Autobiografie Manifesto nachlesen.

Pride-Generation 6: Die 2020er mit Lydia Meyers Die Zukunft ist nicht binär

Wie sehen die Pride-Bewegungen der Zukunft aus? Kulturwissenschaftler*in Lydia Meyer beantwortet diese Frage schon im Titel dieses Buches: Die Zukunft ist nicht binär.

cover-image

Der Buchtitel ist weder naiv noch zweckoptimistisch, sondern er soll Hoffnung machen. Denn, so Meyer im Buch:

Gerade in krisenhaften Zeiten ist es wichtig, die Visionen und Utopien nicht zu vergessen, die uns daran erinnern, dass es auch anders gehen könnte.

Kann die Menschheit die Zweigeschlechtlichkeit überwinden? Und was hätte sie davon? Diesen Fragen geht Die Zukunft ist nicht binär in unterschiedlichen Feldern nach: Kindererziehung, Popkultur, Sex, Sprache, Gesellschaft ... Lydia Meyer hat all diese Bereiche unter die Lupe genommen und Butler, Hornscheidt und Endler gelesen. Dabei hat sie sowohl in der Geschichte als auch in der eigenen Erfahrungswelt Indizien dafür gefunden, dass menschliches Zusammenleben ohne Zweigeschlechtlichkeit durchaus möglich wäre. Und zwar, wenn wir uns nur mal alle ein bisschen locker machen und unser Schablonendenken und unseren Hass überwinden würden. Und darum ging’s ja letztendlich schon bei Stonewall. Der Kreis schließt sich. Happy Pride!

Pride für die Ohren: Noch mehr queere Hörbücher bei Audible entdecken

Du hast Lust, deine Pride-Sommer-Lektüre komplett abseits der Heteronorm zu gestalten? Kein Problem. Die Audible-Kategorie LGBT bietet dir die volle Auswahl an queeren Hörbüchern unterschiedlichster Genres. Im Bereich Biografien & Memoiren findest du neue Role Models, bei Science Fiction & Fantasy erwarten dich utopische oder dystopische Abenteuer und in der Sparte Romanze wird‘s herzergreifend.

Falls du Audible noch nicht ausprobiert hast: Im Probemonat streamst du unbegrenzt Tausende von Hörbüchern, Hörspielen und Original Podcasts. Zusätzlich erhältst du einen kostenlosen Titel, den du für immer behalten kannst.