Dass man als Literaturkritiker nicht allen gefällt, sondern auch selbst Kritik erntet, ist ein Berufsrisiko – eines, das auch Denis Scheck gut kennt. Für die einen ist der 60-Jährige unbestechlich, witzig und belesen, für andere provokant und überheblich.
Doch obwohl er mit seiner Art auch aneckt, zum Beispiel bei Schriftstellerin und Kritikerinnen-Kollegin Elke Heidenreich, die ihn Anfang der 2000er-Jahre als „Tchibo-Literatur-Vertreter“ bezeichnete, präsentiert der in Stuttgart geborene Scheck seit mehr als 20 Jahren in seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ Literatur mit viel Leidenschaft und Witz. Sein Erfolgsrezept: Scheck spricht über Romane so, dass sie greifbar werden – mit Bezug zum Alltag, zu politischen oder gesellschaftlichen Themen. Kurz gesagt: so, dass man Lust aufs Lesen bekommt.
Auf der Frankfurter Buchmesse 2025 stellte Denis Scheck auf der Bühne von ARD, ZDF und 3sat Neuerscheinungen vor, die ihn in diesem Jahr besonders überzeugt haben. Seine Auswahl – gewohnt überraschend, meinungsstark und kenntnisreich. Hier findest du seine Buchempfehlungen, die bei Audible als Hörbuch verfügbar sind. Lass dich inspirieren!
Und letztes Jahr? Entdecke Denis Schecks Buchempfehlungen von der Frankfurter und der Leipziger Buchmesse 2024!
Buchempfehlungen von Denis Scheck von der Frankfurter Buchmesse 2025
„Die Holländerinnen“ von Dorothee Elmiger
Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger, Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2025, begeistert Scheck.
Shortlist Deutscher Buchpreis 2025
Dorothee Elmigers neuer, bildgewaltiger Roman – eine mitreißende Erfahrung. Wer diesen Text betritt, fällt in den Abgrund unserer Welt und blickt mit aufgerissenen Augen in die Finsternis. Auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2025, nominiert für den Schweizer Buchpreis und den Bayerischen Buchpreis 2025.
Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter Theatermacher, der sie für sein neuestes Vorhaben zu gewinnen versucht – ein in den Tropen angesiedeltes Stück, die Rekonstruktion eines Falls. Wenige Wochen später bricht sie auf, um sich der Theatergruppe auf ihrem Gang ins tiefe Innere des Urwalds anzuschließen. Dorothee Elmiger erzählt eine beunruhigende Geschichte von Menschen und Monstren, von Furcht und Gewalt, von der Verlorenheit im Universum und vom Versagen der Erzählungen.
Scheck sagt über Die Holländerinnen:
Selten hat mich ein Text emotional so aufgewühlt wie „Die Holländerinnen“. Dieses Buch kann Ihnen eine Scheißangst einjagen, gleichzeitig enthält es aber einen Trost, wie ihn eben nur große Literatur bereithält.
Deutscher Buchpreis 2025: Alles über den Roman des Jahres und ausgewählte Titel von der Long- und Shortlist
„Haus zur Sonne“ von Thomas Melle
Haus zur Sonne von Thomas Melle stand 2025 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und auch Denis Scheck ist von dem Science-Fiction-Roman überzeugt. Der handelt von schwer depressiven Menschen, die das Angebot bekommen, dass all ihre Wünsche erfüllt werden – allerdings nur unter der Prämisse, dass sie sich anschließend das Leben nehmen. Und das möglichst sozialverträglich.
Nach seinem weltweit beachteten Buch Die Welt im Rücken, in dem er sein Leben mit bipolarer Störung literarisch brillant verarbeitet hat, legt Thomas Melle nun einen Roman vor, der die Grenzbereiche zwischen Autobiografie und Fiktion, zwischen Sehnsucht und Depression und letztlich zwischen Leben und Tod weiter auslotet.
Wie viel Selbstbestimmung ist möglich, wenn das Leben von einer psychischen Krankheit fremdgesteuert ist? Wonach sehnt sich einer, der nichts mehr zu verlieren hat? Und wie könnte es aussehen, das letzte Glück? Willkommen im »Haus zur Sonne«, einer Institution, die zugleich Wunscherfüllungsmaschine wie Abschaffungsapparat ist. Lebensmüde und todkranke Menschen liefern sich in diese vom Staat finanzierte Klinik ein, um jeden nur erdenklichen Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen und dann – ohne großes Aufsehen – aus dem Leben zu scheiden. Aber will, wer nicht mehr leben will, wirklich sterben?
Thomas Melle geht unseren Sehnsüchten und Todestrieben auf den Grund und liefert so eine radikale Skizze der Conditio humana.
Denis Scheck sagt über Haus zur Sonne:
Dieser Roman könnte für politische Diskussionen in Deutschland eine Anregung sein.
„Air“ von Christian Kracht
Ginge es nach Denis Scheck, hätte auch Christian Krachts im Frühjahr 2025 veröffentlichter Roman Air auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gestanden. Darin macht Kracht einen Ausflug in das Fantasy-Genre.
In der kleinen schottischen Stadt Stromness auf den Orkney Inseln lebt Paul, ein Schweizer Dekorateur und Inneneinrichter. Als er von einem Design-Magazin einen obskuren, aber lukrativen Auftrag aus Norwegen erhält, begibt er sich auf eine Reise, die ihn an die Grenzen seiner Welt und weit darüber hinaus führt.
Christian Krachts Roman aus dem Geiste einer radikalen Romantik erzählt eine faszinierende Geschichte vom Hier und vom Dort und katapultiert uns aus unserem Jetzt, aus unserer spätmodernen, leerlaufenden Zivilisation in eine gleißende, verspiegelte Landschaft der Literatur. Unser Leben: ein Traum.
Literaturkritiker Scheck sagt:
Fantasy ist ein Genre, das ich sehr schätze, seit ich über einen Satz, den J. R. R. Tolkien geschrieben hat, gestolpert bin. Der lautet: ‚Die einzigen, die etwas gegen Eskapismus haben, sind Gefängniswärter.‘ Von diesen Gefängniswärtern wimmelt es natürlich auch in Deutschland. Die nennen sich allerdings oft Literaturkritiker oder Deutschlehrer oder Professorinnen.
„Verzauberte Vorbestimmung“ von Jonas Lüscher
Jonas Lüscher hat mit Verzauberte Vorbestimmung einen Roman über Künstliche Intelligenz und unser Verhältnis zur Technik geschrieben, der auch Denis Scheck begeistert.
Ein algerischer Soldat gerät in den ersten deutschen Giftgasangriff, beschließt, einer müsse damit aufhören, steht auf und geht. Im Kairo der Zukunft beobachtet eine Stand-up-Comedian eine Androidin beim Lachen über ihre Witze. Ein böhmischer Weber wird durch einen automatisierten Webstuhl ersetzt, raubt einen Hammer und attackiert den Apparat. Wovon träumen wir Menschen des Kapitalismus, wovon unsere sich zunehmend gegen uns erhebenden Maschinen? Im einzigartigen Spiegelraum dieses Romans ist kein Konflikt vorbei und noch jede Geschichte möglich. Klug und irrsinnig, komisch und scharf erzählt Jonas Lüscher auf der Höhe seiner Kunst von einer Gegenwart, die gern mehr über ihre Zukunft wüsste. © Zitate aus: Ritualtext aus den Osiriskapellen in Dendera, 1. Jh. V. Chr., vgl. Jan Assmann: Tod und Jenseits im Alten Ägypten, C.H.Beck München 2001
Der Literaturkritiker sagt mit Blick auf Verzauberte Vorbestimmung:
Jonas Lüscher hat einen Roman geschrieben, der unser Verhältnis zu Technik neu diskutiert – auf eine Art, wie es nur mithilfe eines Romans als erkenntnisstiftendem Mittel gelingen kann.
Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2025: Jonas Lüschers „Verzauberte Vorbestimmung“ gewinnt
„Baron Wenckheims Rückkehr“ von László Krasznahorkai
Auf Denis Schecks aktueller Empfehlungsliste steht auch „Baron Wenckheims Rückkehr“ des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers László Krasznahorkai. Darin erwartet ein ungarisches Dörfchen die Rückkehr eines Adeligen, der fabulös reich sein soll. In Wahrheit ist er allerdings bettelarm und lässt sich seinen Lebensstil von der österreichischen Verwandtschaft finanzieren.
Denis Scheck sagt über „Baron Wenckheims Rückkehr“ :
„Baron Wenckheims Rückkehr“ ist Krasznahorkais Antwort auf Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ . Er beschreibt zielgerichtet die diversen Erlösungserwartungen, die mit der Rückkehr des Barons verbunden sind.
„Baron Wenckheims Rückkehr“ ist bei Audible bislang auf Spanisch verfügbar.
Gewinner des Literaturnobelpreises 2025: László Krasznahorkai im Porträt
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Titelbild: Elena Ternovaja, CC BY-SA 3.0








