DDR-Literatur – ein Begriff, der weniger selbsterklärend ist, als es zunächst scheint. Als DDR-Literatur werden grundsätzlich alle literarischen Werke bezeichnet, die zwischen 1950 und 1990 in der DDR entstanden sind. Auch die Nachkriegsliteratur von 1945 bis 1950, die in der sowjetischen Besatzungszone entstand, wird häufig hinzugerechnet.

Dann wird es aber auch schon kompliziert: Was ist mit den Autoren, die die DDR (freiwillig oder nicht) verlassen haben und fortan in der BRD publizierten? Was ist die „wahre“ DDR-Literatur – jene, die den staatlichen Vorgaben entsprach oder jene, die gegen die Richtlinien verstieß?

Auf dieses Dilemma macht der Literaturwissenschaftler Wolfgang Emmerich in seiner „Kleinen Literaturgeschichte der DDR“ aufmerksam – und plädiert dafür, den Begriff bewusst offenzuhalten:

Vielleicht aber ist am charakteristischsten für den kontrastreichen Gesamtfundus namens DDR-Literatur gerade jene, die zwischen den beiden Polen der blinden Affirmation einerseits und der radikalen Dissidenz andererseits angesiedelt war.

(Wolfgang Emmerich: „Kleine Literaturgeschichte der DDR“)

Was machte die DDR-Literatur aus?

Die Literatur-Produktion in der DDR war staatlich gelenkt. Ihre explizite Aufgabe bestand darin, die Lebensrealität der Arbeiter positiv darzustellen und den Aufbau des kollektivistisch-sozialistischen Staat zu unterstützen. Inhaltliche und ästhetische Vorgaben, (Selbst-)Zensur und Verbote führten dazu, dass viele der DDR veröffentlichten Bücher gemeinsame Merkmale aufweisen. Diese Merkmale werden unter dem Begriff „sozialistischer Realismus“ zusammengefasst. Dazu gehören:

  • eine sozialistisch eingestellte Heldenfigur im Zentrum der Erzählung,

  • eine einfache Sprache und leicht verständliche Struktur und

  • eine erzieherische Absicht des Werks.

Was diesen Kriterien nicht entsprach, lehnte die DDR-Führung als „formalistisch“ ab. Eine differenziertere Betrachtung zeigt aber, dass die DDR-Literatur trotz der einengenden Vorgaben eine große Bandbreite an Themen und Schreibweisen aufweist. Insbesondere die DDR-Literatur der 70er- und 80er-Jahre – teilweise von emigrierten oder ausgewiesenen DDR-Schriftstellern verfasst und in der BRD veröffentlicht – setzt sich kritisch mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen in der DDR auseinander und kann daher kaum dem „sozialistischen Realismus“ zugerechnet werden.

Welche Bücher wurden in der DDR gelesen?

Die DDR-Führung prägte den Begriff „Leseland DDR“. Sie räumte der Literatur einen großen Stellenwert ein – allerdings nur jener, die politisch genehm war. Dazu gehörte die humanistisch-bürgerliche Literatur von Goethe über Lessing bis Heine und Heinrich Mann ebenso wie Autoren aus der Sowjetunion. Hinzu kamen die antifaschistischen Werke heimgekehrter literarischer Emigranten – etwa von Anna Seghers, Bertolt Brecht, Arnold Zweig oder Johannes R. Becher. Auf dieser Basis entstand die DDR-Literatur von Autoren wie Christa Wolf, Stefan Heym, Hermann Kant, Brigitte Reimann, Jurek Becker und anderen.

Ist die DDR-Literatur eine Epoche?

Die DDR-Literatur wird als eigenständige literarische Epoche aufgefasst. Politische und gesellschaftliche Ereignisse führten dazu, dass viele der zwischen 1945 und 1990 von Autoren aus der DDR verfassten Bücher gemeinsame stilistische und inhaltliche Merkmale aufweisen. Dabei lässt sich die DDR-Literatur noch einmal in vier Phasen unterteilen:

  • Aufbauliteratur der 50er-Jahre

  • Ankunftsliteratur der 60er-Jahre

  • Kritische Literatur der 70er-Jahre

  • Untergrundliteratur der 80er-Jahre

Auferstanden aus Ruinen: Die Aufbauliteratur der 1950er-Jahre

Nach dem Zweiten Weltkrieg standen die Menschen in der DDR vor der gewaltigen Aufgabe, die brachliegende Industrie und Landwirtschaft wieder aufzubauen. Der Literatur kam die Aufgabe zu, die Arbeiter hierfür zu motivieren. Außerdem sollte sie faschistisches Gedankengut endgültig auslöschen und die DDR-Bürger zu guten Sozialisten erziehen. Die DDR-Literatur der späten 40er- und 50er-Jahre wird daher als „Aufbauliteratur“ bezeichnet. „Menschen an unserer Seite“ (1951) von Eduard Claudius steht beispielhaft für diese Epoche. Auch die folgenden Bücher sind typisch für diese Phase.

Berliner Briefe

Susanne Kerckhoff reflektiert in ihren Berliner Briefen von 1948 die Schuld der Deutschen an den Verbrechen des Nationalsozialismus. Ihr halbfiktiver Briefroman besteht aus 13 Briefen. Die schickt eine junge Frau aus dem zerstörten Berlin an ihren jüdischen Jugendfreund Hans, der nach Paris emigriert ist. In ihrer kritischen Selbstbefragung spiegeln sich die Gemütszustände der Deutschen zwei Jahre nach Kriegsende und zu Beginn der Nürnberger Prozesse wider.

Susanne Kerckhoff leitete die Feuilletonredaktion der Berliner Zeitung. Sie beging 1950 Suizid, woraufhin heftig über die Gründe für ihren Freitod gestritten wurde – die SED-hatte ihr kurz zuvor eine „schwankende ideologische Haltung“ vorgeworfen. Nach ihrem Tod geriet die Autorin praktisch in Vergessenheit. Die Wiederauflage ihres Buchs wurde 2020 von Literaturkritikern als bedeutende Wiederentdeckung und literarische Sensation gefeiert.

Nackt unter Wölfen

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs schmuggelt ein polnischer Häftling einen dreijährigen Jungen ins Konzentrationslager Buchenwald. Die Anwesenheit des Kindes gefährdet die Mitglieder des illegalen „Internationalen Lagerkomitees“, das einen Aufstand zur Befreiung des Lagers plant. Daher beschließt die kommunistische Widerstandsgruppe, dass das Kind in ein anderes Lager transportiert werden soll. Dagegen wehren sich die Häftlinge Höfel und Kropinski. Unter Lebensgefahr verstecken sie den Jungen immer wieder und retten ihn so vor dem sicheren Tod.

Bruno Apitz‘ berühmtestes Werk Nackt unter Wölfen wurde von einer wahren Begebenheit inspiriert: Tatsächlich überlebte „das Buchenwald-Kind“ Stefan Jerzy Zweig als Dreijähriger das KZ – vor allem dank seines Vaters, der im Roman allerdings nicht vorkommt. Außerdem verarbeitete Apitz eigene Erlebnisse in seinem mittlerweile dreimal verfilmten DDR-Roman von 1958. Die Geschichte war in der DDR Schullektüre und wurde zum Symbol des antifaschistischen Widerstandskampfes. Stefan Jerzy Zweig lebt noch heute.

Die Ankunftsliteratur der 1960er-Jahre und der „Bitterfelder Weg“

Ab 1961 verfolgte die DDR eine Politik der staatlichen und kulturellen Abschottung gegenüber dem kapitalistischen Westen, die am 13. August 1961 im Bau der Mauer gipfelte. Schon zwei Jahre zuvor hatte Staats- und Parteichef Walter Ulbricht eine stärkere Verknüpfung zwischen Arbeitern und Kulturschaffenden gefordert. Bei der ersten Bitterfelder Konferenz am 24. und 25. April 1959 hieß es: „Greif zur Feder, Kumpel! Die sozialistische Nationalkultur braucht Dich!“. Umgekehrt sollten hauptberufliche Autoren Erfahrungen in den Betrieben sammeln und diese in ihren Büchern verarbeiten.

So entstand auch Brigitte Reimanns Roman „Ankunft im Alltag“, der der „Ankunftsliteratur“ der 60er-Jahre ihren Namen gab. Zu ihrem Buch inspiriert wurde sie durch ihre Erlebnisse im Kombinat „Schwarze Pumpe“, wo sie einen „Zirkel schreibender Arbeiter“ leitete.

Immer mehr Schriftsteller wehrten sich jedoch gegen die staatliche Bevormundung und eine derart gesteuerte Kulturproduktion. Prominente Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Christa Wolf oder Stefan Heym sahen ihr eigenes Schaffen dadurch herabgewürdigt, dass es mit der literarischen Produktion von Laien auf eine Stufe gestellt wurde. Letztlich wurde der „Bitterfelder Weg“ 1965 faktisch aufgegeben.

Ole Bienkopp

Ole Bienkopp hat eine Idee: Eine Bauerngemeinschaft könnte Kleinbauern wie ihm selbst helfen, mit den Großbauern zu konkurrieren. Sein Traum von Gerechtigkeit scheint greifbar nahe. Doch die allmächtige Partei enttäuscht ihn bitter mit ihrer Bürokratie und ihrem Buchstabengehorsam. Voller Trotz versucht Bienkopp im Alleingang einen Plan umzusetzen, der ihm selbst gut erscheint, anderen aber nicht.

Erwin Strittmatter hat mit Ole Bienkopp eine Figur erschaffen, die exemplarisch für die vielen Menschen steht, die sich optimistisch und mit hohem Einsatz am Aufbau einer gerechteren Gesellschaft beteiligt haben – und dann feststellen mussten, dass eine dogmatische Politik keine Rücksicht auf Andersdenkende und ihr persönliches Glück nimmt. Der 1963 erschiene Roman avancierte – trotz seines kritischen Tenors – zu einem der meistgelesenen Bücher der DDR und wurde 1964 mit dem Nationalpreis ausgezeichnet. Strittmatter selbst stand der politischen Führung der DDR grundsätzlich loyal gegenüber und kooperierte um 1960 herum kurz mit dem Staatssicherheitsdienst.

Jakob der Lügner

Zufällig hört der jüdische Ghettobewohner Jakob Heym auf dem Revier eine Radiomeldung: Die Rote Armee sei nur noch wenige hundert Kilometer entfernt. Jakob behauptet daraufhin, er besäße ein eigenes Radio – eine Notlüge, mit der er einen jungen Mann von einem lebensgefährlichen Diebstahl abhalten wollte. Doch nun verbreitet sich die Nachricht von Jakobs illegalem Radio wie ein Lauffeuer unter den Ghettobewohnern. Sie schöpfen neuen Lebensmut – und Jakob muss laufend neue Nachrichten erfinden, um die Hoffnung seiner Leidensgenossen aufrechtzuerhalten.

Jakob der Lügner ist Jurek Beckers berühmtester Roman und erschien 1969 in der DDR. Becker, der selbst im Ghetto von Łódź aufwuchs, schildert darin den Überlebenskampf der Juden in einem fast heiteren Ton, der das Grauen der Nazi-Herrschaft umso krasser zu Tage treten lässt. Die 1974 erschienene Verfilmung ist die einzige DDR-Produktion, die jemals für einen Oscar nominiert war. Das Buch wurde in 23 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen bedacht.

Nachdenken über Christa T.

Mit 35 Jahren stirbt Christa T. an Leukämie. Die Erzählerin, eine frühere Schulkameradin, liest die Tagebuchaufzeichnungen und Briefe ihrer verstorbenen Freundin – und erkennt, wie zerrissen sie war. Eigentlich glaubt Christa an das vor ihr liegende kommunistische Paradies und hilft beim Aufbau einer besseren Gesellschaft. Doch schon bald stellt die nonkonformistische junge Frau fest, dass sie keinen Platz findet unter den Tatmenschen und Opportunisten des Arbeiter- und Bauernstaates. Sie fühlt sich unnütz, zieht sich enttäuscht ins Private zurück und erkrankt schließlich so schwer, dass sie kurz nach der Geburt ihres dritten Kindes stirbt.

Nachdenken über Christa T. erschien 1968 in der DDR. Der Roman wurde als Porträt einer ganzen Generation gelesen und begründete den Christa Wolfs Weltruhm. In der BRD wurde der Roman als Abgesang auf den Sozialismus interpretiert – doch dem widersprach die Autorin entschieden. Vielmehr wollte sie das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Staat darstellen. Christa Wolfs Stil wird als „subjektive Authentizität“ bezeichnet und brachte der Autorin im Ausland den Ruf ein, die „Stimme der DDR“ zu sein. In der DDR durfte das Buch zunächst nur in einer kleinen Auflage erscheinen.

Die relative Liberalisierung der 1970er-Jahre – und ihr jähes Ende

Mit dem Regierungsantritt von Erich Honecker 1971 verbanden viele die Hoffnung auf Lockerungen. Tatsächlich wurde Schriftstellern in dieser Epoche eine Zeit lang mehr künstlerische Freiheit zugestanden. In der Literatur stand nun nicht mehr so sehr der Sozialismus im Vordergrund, sondern vielmehr die Probleme des Individuums in der sozialistischen Gesellschaft.

Unter den Autoren, die nach einem eigenen literarischen Ausdruck suchten, waren Ulrich Plenzdorf, Brigitte Reimann, Erich Loest, Hanns Cibulka, Franz Fühmann, Sarah Kirsch und Christa Wolf. In ihren Werken bemühten sie sich um eine genaue Betrachtung der Wirklichkeit mit all ihren Widersprüchlichkeiten und Konflikten. Sie sperrten sich gegen einfache Konfliktlösungen, wie der „sozialistische Realismus“ sie für die Literatur vorsah.

Das Liberalisierungsprogramm endete jedoch 1976 mit der Ausweisung Wolf Biermanns und weiteren Ausbürgerungen und Emigrationen von etwa 100 DDR-Schriftstellern – darunter Sarah Kirsch, Günter Kunert und Reiner Kunze. Schreibende, die sich gegen die zunehmende Instrumentalisierung zu Zwecken der Parteipropaganda wehrten, wurden aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, diffamiert und kriminalisiert. Nicht wenige wurden verhaftet. Als Reaktion verließen weitere Kunstschaffende die DDR.

Die neuen Leiden des jungen W.

Edgar Wibeau ist 17 Jahre alt. Wegen eines Streits schmeißt der ehemalige Musterschüler die Lehre und geht nach Berlin, um Maler zu werden. Er kommt in einer maroden Laube unter – und verliebt sich heftig in die Kindergärtnerin Charlie, eine Zufallsbekanntschaft. Doch die ist bereits verlobt. Edgar findet ein zerfledertes Exemplar von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ auf dem Klo und entdeckt immer mehr Parallelen zwischen dem unglücklich Verliebten und sich selbst.

Ulrich Plenzdorfs Prosa- und Bühnenstück erschienen 1972 und 73 in beiden Teilen Deutschlands und wurde zum Bühnenhit und Kult-Buch. Tonbandaufnahmen von Edgar wechseln sich darin mit den Stimmen von Verwandten und Freunden ab. Obwohl im Jugend-Jargon der 70er-Jahre erzählt, entfaltet sich eine letztlich zeitlose Coming-of-Age-Story über Revolte und Anpassung, Liebe und Identitätssuche.

Die DDR-Untergrundliteratur der 1980er-Jahre

Die Umweltbewegung der 80er-Jahre führte auch und gerade in der DDR zu wachsender Kritik an der Regierung. Hinzu kam die Angst vor einem Atom- oder einem dritten Weltkrieg. Der Staat reagierte auf diesen steigenden Druck mit immer mehr Freiheitsbeschränkungen und Verboten. Viele Schreibende schickten ihre Werke erst gar nicht mehr an die staatlich gelenkten Verlage, sondern druckten ihre Bücher selbst oder veröffentlichten ihre Texte in illegalen Zeitungen. Insbesondere in Berlin, Leipzig und Dresden entwickelte sich eine aktive Untergrundbewegung, in der sich Literatur-, Kleinkunst- und Liedermacherszene vermischten.

Im Westen wurden die „abweichlerische“ DDR-Literatur mit Begeisterung aufgenommen. Statt eines ästhetischen wurde dabei hauptsächlich ein politischer Maßstab angelegt: Was der Obrigkeit in der DDR missfiel, wurde in den BRD-Feuilletons besprochen und gelesen – darunter auch die im folgenden vorgestellten Bücher.

Die wunderbaren Jahre

Kinder, die mit Spielzeuggewehren im Anschlag zum Hass auf den Klassenfeind gedrillt werden. Jugendliche, die gemobbt und gegängelt werden, weil sie sich nicht für die Nationale Volksarmee melden wollen. Ein Abiturient, der auf der Flucht aus der DDR sein Leben riskiert – und verliert. Aus Hunderten von Gesprächen, die Reiner Kunze mit Schülern, Arbeitern und Soldaten führte, entstand diese Sammlung von 50 kurzen Prosatexten, die das Leben junger Menschen in der DDR beschreibt.

Der Titel von Reiner Kunzes Buch Die wunderbaren Jahre ist reine Ironie. Der damals noch in der DDR lebende Autor ließ die um 1975 entstandenen Texte heimlich in die Bundesrepublik schmuggeln, wo das Buch 1976 erschien. Unmittelbar darauf wurde Reiner Kunze auch schon aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. Am 7. April 1977 stellte Kunze wegen einer drohenden mehrjährigen Haftstrafe einen Antrag auf Ausbürgerung aus der DDR. Nur eine Woche später siedelte er mit seinen Angehörigen in die Bundesrepublik über.

Der fremde Freund / Drachenblut

Seit die Ostberliner Ärztin Claudia geschieden wurde, lässt sie sich nicht mehr auf emotionale Bindungen ein. Die durchweg scheiternden Ehen ihrer Bekannten bestätigen sie nur in dieser Haltung. Dennoch lässt sie sich auf eine Affäre mit ihrem Nachbarn Henry ein. Doch auch Henry gelingt es nicht, Claudias Schutzpanzer zu durchbrechen, mit dem sie sich vor Schmerz schützen will. Als Henry stirbt, kapselt Claudia sich endgültig von ihrer Umwelt ab.

Christoph Heins Novelle Der fremde Freund erschien 1982 in der DDR und 1983 unter dem Titel „Drachenblut“ in der BRD. Sein Buch wurde hochgelobt – allerdings in Ost und West ganz unterschiedlich verstanden. In der DDR glaubte man, die Geschichte handle allgemein von der Einsamkeit und Entfremdung des modernen Menschen. In der BRD interpretierten Kritiker den Text als Polemik gegen das politische System der DDR.

Schwarzenberg

42 Tage nach Ende des Zweiten Weltkriegs sind weder die Amerikaner noch die Russen in die Region Schwarzenberg im Erzgebirge einmarschiert – der karge Landstrich wurde schlicht vergessen. Also rufen die Bewohner die Republik aus und gründen einen „Aktionsausschuss“. Zu tun gibt es genug: Die Versorgung der Bewohner muss gesichert werden. Auch die Frage, wie mit den bisherigen Inhabern der Macht umzugehen ist, stellt die neuen Amtsinhaber vor Probleme. Bald stellen sie fest, dass die demokratische Neuordnung schwieriger wird als gedacht.

Stefan Heyms sozialistisch geprägt Utopie beruht auf Tatsachen – allerdings sind die handelnden Personen frei erfunden. Mit seiner starken Betonung der Basisdemokratie wurde der Roman von den Machthabern in der DDR als bewusster Affront gegen den Stalinismus gelesen. Heym erhielt keine Druckgenehmigung und veröffentlichte den Roman 1984 in der BRD. Erst im Jahre 1990 konnte „Schwarzenberg“ auch in der DDR erscheinen.

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