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Querleserin

Wadern
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Lebensgeschichte eines Butlers

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
5 out of 5 stars

Rezensiert am: 07.04.2018

Kazuo Ishiguro hat letztes Jahr den Literaturnobelpreis erhalten, Grund genug, einen Roman von ihm zu lesen bzw. zu hören. "Was vom Tage übrig blieb" stammt aus dem Jahr 1989 und wurde mit dem Booker Prize ausgezeichnet.

Worum geht es?
Der Roman erzählt die Lebensgeschichte des Butlers Stevens rückblickend aus seiner Perspektive. Im Jahr 1956 setzt die Handlung ein.
Lange stand Stevens im Dienst von Lord Darlington auf seinem Landsitz Darlington Hall. Inzwischen ist es an den amerikanischen Millionär Farraday verkauft, das Personal stark reduziert und viele Räume eingemottet. Aus der Sicht von Stevens schleichen sich unverzeihliche Fehler ein, so dass er beschließt Farradays Angebot, dessen fünfwöchigen Aufenthalt in den USA für einen Erholungsurlaub zu nutzen, anzunehmen.
Farraday stellt Stevens dafür den alten herrschaftlichen Ford zur Verfügung. Stevens Ziel ist Miss Kenton, die ehemalige Hauswirtschafterin von Darlington Hall, die in ihrem letzten Brief an ihn angedeutet hat, um ihre Ehe stehe es nicht zum Besten, zu besuchen. Stevens möchte sie fragen, ob sie bereit sei, wieder in Darlington Hall zu arbeiten, um den Personalnotstand zu beseitigen.

Auf seiner Reise reflektiert der alte Butler
über seine Arbeit,
darüber, was einen perfekten Butler ausmacht,
was Würde in seinem Beruf bedeutet,
wie er mit dem Wunsch seines neuen Dienstherren, mit ihm zu scherzen, umgehen soll.

Er erinnert sich aber auch an bedeutende geschichtliche Ereignisse,
wie eine geheime Konferenz im Jahr 1923, an dem ein Amerikaner, Franzose, Engländer und Deutsche teilgenommen haben, um über die Folgen des Versailler Vertrags zu diskutieren,
oder die Fürsprache der Appeasement-Politik durch Lord Darlington.

Er klammert auch weniger rühmliche Meinungsäußerungen und Einstellungen seines Dienstherren nicht aus, der zeitweise mit dem Faschismus sympathisiert hat, verhält sich jedoch - selbst in seinen Gedanken - loyal und findet entsprechende Ausreden, die zeigen, dass seine Wahrnehmung verzerrt ist.

Den Großteil seiner Reflexionen betreffen Miss Kenton selbst. Es ist offenkundig, dass sie in ihn verliebt ist und auch er entsprechende Gefühle für sie hegt - auch wenn er das niemals äußern würde - nicht einmal in seinen Gedanken.

Mit Spannung erwartet man das Treffen der beiden. Ob sich an ihrer Beziehung noch etwas ändern wird?

Bewertung
Das Augenscheinlichste an dem Roman ist die Art und Weise, wie Stevens erzählt, denn er verbirgt seine wahren Gefühle hinter einer Fassade aus Distanz und distinguierter Sprache. Kann man dem, was er erzählt, vertrauen? Oder ist es geprägt von seiner perfekten Rolle als Butler? Man muss schon sehr genau zwischen den Zeilen hören, um seine eigene Meinung, seine Trauer um den Tod des Vaters, seine Emotionen im Angesicht von Miss Kentons Heirat zu erahnen. Er tritt völlig hinter seiner Rolle zurück - der Mensch Stevens scheint nur ganz selten hindurch.
Stets haben eigene Bedürfnisse und auch Meinungen hinter den Aufgaben, die ein Butler mit Zurückhaltung erfüllen muss, zurückzustehen.
Am Ende des Romans deutet sich ein Wendepunkt an, das, "was vom Tage übrig blieb", zu genießen und vielleicht aus der perfekten Rolle herauszufallen.

Das Hörbuch, wunderbar gelesen von Gert Heidenreich, ist wirklich ein Genuss. Die würdevolle, reserviert-distanzierte Sprache Stevens ist einerseits faszinierend, andererseits steht sie Stevens persönlichem Glück im Weg, da sie seine Gefühle verbirgt.

Kriegsjahr 1944 - einzelne Schicksale

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
4 out of 5 stars
Geschichte
5 out of 5 stars

Rezensiert am: 18.02.2018

Veit Kolbe wird im Russlandfeldzug 1943 schwer am Bein verletzt und ins Lazarett im Saargebiet geschickt. Nach seiner Rückkehr in die Heimat - Wien - wird er von seinen Erinnerungen heimgesucht und beschließt der Einladung seines Onkels, der am Mondsee, "Unter der Drachenwand" im Salzkammergut lebt und dort die politische Führung repräsentiert, zu besuchen.
Veits Vermieterin ist eine unfreundliche Frau, deren Mann, ein überzeugter Nationalsozialist, ebenfalls im Krieg ist, genau wie der Mann "der Darmstädterin" - Margot -, die im gleichen Haus wie Veit lebt, gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter Lilo.
Im Dorf sind auch einige Mädchen aus Wien, die im Zuge der Kinderlandverschickung im Lager "Schwarzindien" gelandet sind. Die junge Lehrerin, die sie begleitet, verhält sich gegenüber Veit sehr zurückhaltend und abweisend. Unter den Mädchen ist Annemarie Schaller - Nanni - genannt, die Briefe von ihrem Cousin Kurti erhält, die, von der Lehrerin gelesen, großen Anstoß erregen. Offenkundig haben beide - die 13-Jährige und der 17-Jährige - eine Liebesbeziehung.

Der Roman spiegelt die Ereignisse des Kriegsjahres 1944 wider. Erzählt wird überwiegend aus der Sicht Veit Kolbes in Form von Tagebucheinträgen, die er während seines Aufenthaltes am Mondsee schreibt. Briefe von drei weiteren Figuren berichten von den Auswirkungen des Krieges in Darmstadt, Wien und in Budapest.

Margots Mutter schreibt aus Darmstadt, wo sie inzwischen ganz allein lebt. Ihr Mann ist in einem Vorbereitungslager, während ihre andere Tochter Bettine in Berlin als Schaffnerin arbeitet. Ihre Briefe haben einen typischen mütterlichen Ton, in die sich neben der Fürsorge um Margot und um ihre Enkeltochter auch offene Vorwürfe und Ermahnungen stehlen. Auf mich wirken sie sehr authentisch, wenn sie von ihren täglichen Sorgen und Ängsten erzählt, von denen, die gestorben sind, aber auch Klatsch und Tratsch verbreitet und ihre ältere Tochter bittet, die jüngere zur Räson zu bringen.
Die Briefe von Kurti an Nanni aus Wien sprechen von der Sehnsucht nach der gemeinsam verbrachten Zeit und von der Angst, in den Krieg geschickt zu werden. Eine Befürchtung, die sich bewahrheiten wird.
Bedrückend sind die Schilderungen des Juden Oskar Meyer, der unter verschiedenen Namen lebt und seine Erlebnisse in Wien bis zu seiner Emigration nach Budapest schildert. Die zunehmenden Demütigungen, die Hoffnung, es werde wieder besser, die Erkenntnis fliehen zu müssen - gemeinsam mit seiner Frau Walli und seinem Sohn Georgili. Ein weiteres Kind wird nach London geschickt und verbringt dort die Kriegsjahre.

In Veits Tagebucheinträgen spielt zudem Brasilianer eine große Rolle, er ist der Bruder der Vermieterin und hat lange Jahre in Rio de Janeiro verbracht, wohin er unbedingt zurückkehren möchte. Er betreibt eine Gärtnerei, in der sich Veit und Margot nach der Verhaftung des Brasilianers, der offen gegen den Führer Reden schwingt, näher kommen.
Hat diese Beziehung eine Chance? Muss Veit erneut in den Krieg zurückkehren, obwohl er von traumatischen Anfällen heimgesucht wird? Was wird aus Nanni und Kurt? Wird Oskar Meier mit seiner Familie den Einmarsch der Deutschen in Budapest überleben?

Bewertung
Eigentlich erzählt Arno Geiger nichts Neues. Was es an historischen Ereignissen über das Kriegsjahr 1944 zu berichten gibt, kennen wir alles. Dieses Mal erfahren wir etwas von einem Kriegsveteranen und einigen anderen Menschen, die lose mit ihm verbunden sind.

Und doch gibt der Roman Zeugnis vom Leben einzelner Menschen, das vom Krieg bestimmt wurde und die diesen niemals vergessen können. Am Ende reflektiert Veit darüber:

"Und ich wusste, dass ich tatsächlich und unwiderruflich in diesem Krieg bleiben würde. Egal, wann der Krieg zu Ende ging und was aus mir noch wurde, ich würde für immer in diesem Krieg bleiben, als Teil von ihm." (Kapitel 222)

Er trifft auf eine Gruppe von Zwangsarbeitern und ist nicht in der Lage ihnen zu helfen, da er kein Held ist, sondern einer, der den Krieg überleben will.

"Schade, dass das, was hinter mir liegt, nicht geändert werden kann. Was ich in den vergangenen sechs Jahren begriffen habe, ist, dass die Weisheit hinter mir hergeht und selten voraus. Am Abend kommt sie und sitzt mit am Tisch, als unnützer Esser." (Kapitel 222)

Im Laufe des Hörens kommen einem die einzelnen Figuren näher, da wir von ihren Gedanken und Ängsten erfahren, beginnt man sie und ihr Handeln zu verstehen. Dadurch dass Geiger den jungen Kurti von seinen Ängsten schreiben lässt, die alte Mutter von ihrer Einsamkeit in Darmstadt, den Kriegsveteranen von der Panik, in den Krieg zurück zu müssen, und Oskar Meyer von der Verzweiflung, seine Familie nicht schützen zu können, erhalten wir ein weites Spektrum dessen, wie der Krieg das Schicksal des Einzelnen bestimmt.

Der Roman zeigt das alltägliche Leben, wie Arno Geiger in einem kurzen Interview sagt, interessiere ihn "das Individuum in seiner Einzigartigkeit, mit seiner eigenen Geschichte, seinen eigenen Gefühlen." Er stellt sich die Frage: "Wie fühlt es sich an, im fünften, sechsten Kriegsjahr zu leben?"
Inspiriert wurde sein Roman von Briefen aus dem Lager "Schwarzindien", von Behördenbriefen und Elternbriefen, das "hat alles in Gang gesetzt."
(Quelle: Hanser-Verlag)

Auch wenn die Handlung manche Längen aufweist und dahin "plätschert", berühren diese Einzelschicksale, die insgesamt sehr authentisch wirken, so dass der Roman für mich ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen ist.

6 von 8 Hörern fanden diese Rezension hilfreich

Eine gute Partie

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
5 out of 5 stars

Rezensiert am: 16.01.2018

Worum geht es?

Auf Betreiben von Mrs. Norris, der Schwester von Lady Bertram und Mrs. Price wird die 10-jährige Fanny Price nach Mansfield Park "verpflanzt", da ihre Familie in ärmlichen Verhältnissen lebt und die Prices für die Vielzahl ihrer Kinder nicht entsprechend sorgen können. Mrs. Norris vorgebliche Güte erstreckt sich allerdings auf den Vorschlag; alles Weitere überlässt sie ihrer Schwester Lady Bertram und Sir Thomas. Ihre Aufgabe wird es sein, Fanny noch viele Jahre lang daran erinnern, wie dankbar sie zu sein habe. Eine garstige Person.

Im Haus der Bertrams ist es Edmund, der zweitälteste Sohn, der Fannys Herz gewinnt. Zunächst kümmert er sich liebevoll um seine verschüchterte und traurige Cousine, später erwächst auf Fannys Seite daraus eine hingebungsvolle Liebe. Sie ist zwar willkommen in Mansfield Park, wird jedoch nie als gleichwertiges Familienmitglied behandelt - mit Ausnahme von Edmund.
Nichtsdestotrotz lernt sie Anstand und Tugend kennen und entwickelt ein Gespür für das, was von ihr erwartet wird, während ihre Cousinen von Mrs. Norris verwöhnt und ihrer Eitelkeit bestätigt werden. Sir Thomas Bertram bemüht mit Strenge dem entgegen zu wirken, wird als unnahbarer Patriarch wahrgenommen und Lady Bertram ist nur an ihren Stickarbeiten und ihrem Mops interessiert. Die Kindererziehung gehört nicht zu ihrem Aufgabenbereich, so dass auch Tom nur seine Vergnügungen im Kopf hat, im Gegensatz zu Edmund, der einzige, der ebenso wie Fanny, ein Gespür für Anstand entwickelt.

Die Handlung gewinnt an Fahrt mit der Abreise Sir Thomas Bertrams auf seine Plantagen
und mit der Ankunft der Geschwister Crawford im Pfarrhaus der Grants. Da ist Fanny fast schon 18 Jahre alt. Obwohl die älteste Tochter der Bertrams Maria dem wohlhabenden Mr. Rushworth versprochen ist, entflammt ihr Herz doch für den eitlen und charmanten Henry Crawford, genau wie das ihrer Schwester Julia. In mehreren Situationen ist das schickliche Verhalten, wie es zu Beginn des 19.Jahrhunderts in diesen Kreisen sein sollte, in Gefahr. Vor allem als die "Kinder" gemeinsam mit einem Freund Tom Bertrams - Mr. Yates - beschließen ein Theaterstück aufzuführen - ausgerechnet "Liebesschwüre". Da gerät die wohl geordnete Gesellschaft aus den Fugen und auch Edmund verliert sein Herz an Mary Crawford, blind für deren mangelnde Sensibilität. Glücklicherweise kehrt Sir Thomas Bertram, der Hausherr, rechtzeitig von seinem Besuch aus Antigua zurück und verhindert Schlimmeres.

Maria heiratet ihren Mr. Rushword und Edmund schickt sich an, Pfarrer zu werden, erwägt jedoch Mary Crawford um ihre Hand zu bitten. Henry hat sich derweil in den Kopf gesetzt, die schüchterne Fanny für sich zu gewinnen - jetzt da Maria mit ihrem Ehemann nach London entschwunden ist und ihre Schwester sich ihnen angeschlossen hat. Ob es ihm gelingen kann, ihre tiefe Abneigung, die sie aufgrund seines Verhaltens gegenüber ihren Cousinen für ihn empfindet, zu überwinden? Liebt er sie wirklich oder es ist es reine Eitelkeit, sie zu erobern? Wie wird sie sich entscheiden?

Bewertung
Der Einstieg in den Roman ist etwas mühselig, da zunächst die wichtigsten Figuren vorgestellt werden und die Handlung nicht in Gang kommen will. Mit dem Einüben des Theaterstücks steigt jedoch die Spannung. Wer verliebt sich in wen, ist die gute Partie Marias in Gefahr, welche Verwicklungen ergeben sich daraus? Austen entwirft ein detailliertes Sittengemälde der Zeit - und das nicht ohne ein gewisse Komik - und verdeutlicht, welches Verhalten von adligen jungen Frauen und Männern erwartet wurde.
Fanny verkörpert dabei die Vernunft, sie ist die Einzige, die sich nicht am Theaterstück beteiligt, selbst Edmund lässt sich dazu hinreißen - von Verliebtheit getrieben.
Am Ende des Romans rechnet Austen mit der mangelnden Erziehung der beiden Bertram-Mädchen ab, die in ihrer Eitelkeit von Mrs. Norris unterstützt und vergöttert werden - ein Umstand, der zumindest Marias Leben ruiniert. Mrs. Norris Standesdünkel verstellt ihr den klaren Blick auf ihre Nichte, die im Gegensatz zu den Bertram-Mädchen ein untadeliges Verhalten an den Tag legt. Der "Wert" Fannys wird erst offensichtlich, als sie für drei Monate ihre eigene Familie besucht - die gute Seele des Hauses scheint verschwunden.
Während Fanny uneingeschränkt alle Sympathien gehören, ist Mrs. Norris die unsympathischste Figur des Romans. In den Harry Potter Romanen heißt die neugierige und gemeine Katze des Hausmeisters Argus Filch Mrs Norris und eine gewisse Ähnlichkeit lässt sich nicht leugnen. Ich bin sicher, dass J.K.Rowling "Mansfield Park" kennt und die Katze bewusst so genannt hat.

Eva Mattes liest diesen Klassiker wunderbar, lässt die antiquierte Sprache leben, so dass sie ganz natürlich erscheint und gut zu hören ist

1 von 1 Hörern fanden diese Rezension hilfreich

Ein Schwein läuft durch Brüssel

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
5 out of 5 stars

Rezensiert am: 02.12.2017

Auf der Frankfurter Buchmesse hatte ich das Vergnügen ein Interview mit Robert Menasse mitzuerleben, in dem er sich als überzeugter Europäer präsentiert hat. Da er für seinen Roman den Deutschen Buchpreis erhalten hat, war meine Neugier geweckt.


Worum geht es?

Ein Schwein läuft durch Brüssel. Zuerst sieht es der Belgier David de Vriend, Holocaust-Überlebender, der nach 60 Jahren seine Wohnung verlässt, um in ein Altenheim zu ziehen.
Karl-Uwe Frigge, Deutscher und EU-Beamter, der in der Generaldirektion Trade der Europäischen Kommission arbeitet, erblickt das Schwein von seinem Taxi aus.
Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommision, wartet auf jenen Frigge, in den sie sich verliebt hat. Er soll ihr helfen aus dem ungeliebten Kulturbereich herauszukommen. Aus einem Restaurant heraus beobachtet sie das rosa Hausschwein, das Richtung Hotel Atlas läuft, aus dem gerade der Mörder Richard Ossietzky tritt.
Ein Mordfall, dem sich der Kommissar Brunfaut annehmen wird und der dann einfach zu den AKten gelegt wird und auch nicht gelöst werden wird - wie so viele Probleme der europäischen Union.

Martin Susmann, österreichischer Bauernsohn und Referent bei Fenia, dessen Bruder Florian einen großen Schweinemastbetrieb unterhält und der den Einfluss Martin in Brüssel gelten machen will, sieht das Schwein von seiner Wohnung aus, wie es gerade jemanden zu Boden wirft.

Professor Alois Erhart, Erimitus der Volkswirtschaft und eingeladen zu einem Think-Tank der Kommission, Europa, hilft jenem Mann, der vom Schwein zu Boden gestoßen wurde, einem Immigranten, dem durch den Kopf geht: „Sein Vater hatte ihn vor Europa gewarnt.“

In diesem furiosen Prolog erscheinen die wichtigsten Hauptfiguren - verbunden durch ein rosa Hausschwein, das Brüssel noch einige Zeit beschäftigen wird.

Im Mittelpunkt stehen diese Figuren und das Jubilee-Projekt der Europäischen Kommission, das dazu dienen soll, das Ansehen der europäischen Union aufzupolieren. Fenia reißt das Projekt an sich und beauftragt Martin Susmann eine Idee auszuarbeiten. Dieser hat den genialen Einfall, Auschwitz in den Mittelpunkt der Feierlichkeiten zu stellen. Als Ort, an dem nationale Identität aufgehoben wurde und als Symbol, dass Nationalität überwunden werden muss, damit sich ein solch unfassbares Verbrechen nie wiederholen kann. Ob sich eine solche Idee durchsetzen kann?

Neben dem Jubilee-Projekt spielt auch ein Handelsabkommen mit China eine Rolle - es geht um Schweine. Am Beispiel der (Um-)wege, die Florian Susmann als Vertreter der europäischen Schweinezüchter gehen muss und der Argumente, die diesbezüglich ausgetauscht werden, wird deutlich, wie stark die nationalen Interessen innerhalb der EU immer noch im Vordergrund stehen.

Der Roman endet mit dem Holocoust-Überlebenden David de Vriend, der von einer Bombe in der Brüsseler U-Bahn ums Leben kommt. Mit ihm stirbt die Erinnerung und konsequenterweise endet auch die Jubilee-Idee, Auschwitz zum Zentrum der Feierlichkeiten zu machen, in den Mühlen der Bürokratie und scheitert an nationalen Befindlichkeiten.
Und das Schwein? Am Ende ist es verschwunden, wie die europäische Idee?


Bewertung
Menasse verführt dadurch, dass er mit satirischen Mitteln die EU-Kommission und ihre Arbeitsweise bloß stellt, zum Lachen. Andererseits appelliert er mit der Idee Auschwitz zum Mittelpunkt der Feierlichkeiten zu machen für die Überwindung des Nationalstaates, für ein vereintes Europa, in dem die nationalen Interessen hinter europäische zurücktreten, damit Auschwitz nie wieder Realität wird. Damit schärft er den Blick für die Grundidee hinter der EU und erinnert an das, was uns vereinen sollte.

Ein sehr interessanter Roman, der überaus unterhaltsam erzählt wird - und eine echter Hörgenuss dank des guten Vorlesers Christian Berkel. Neben der politischen Thematik wird auch die Lebensgeschichte der einzelnen Hauptfiguren ausgebreitet, die jeweils in sich stimmig ist und immer wieder um die Themen nationale Identität und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus kreisen. Daneben enthält der Roman aber auch sehr berührende Szenen.

Prof. Erhardt beschreibt, wie er nach 40jähriger Ehe, mit seiner Frau Trudi guten Sex erlebt:

"Er schob ihr Nachthemd hoch, spürte dabei eine kurzen stechenden Schmerz in seinen Lendenwirbeln wie ein Stromschlag. Er stöhnte, sie zog das Hemd aus. Sie lächelte, erstaunt, fragend. Er betrachtete ihren Körper, studierte ihn. Las jede Falte, jedes blaue oder rote Äderchen und jedes Fettpölsterchen wie eine Landkarte auf der ein langer gemeinsamer Weg eingezeichnet war. Ein Lebensweg mit Höhen und Tiefen und er drückte sich erregt an sie, weinte, drückte, das Licht, der Röntgenblick und plötzlich in größter Erregung spürte er es. Ein Verschmelzen, in dem ihre Seelen sich berührten. Und sie lachte, Trudi. Ihre Seelen berührten sich.“ (Kapitel 83)

Ein Roman, den es sich zu lesen oder zu hören lohnt, und nicht nur, weil er den Deutschen Buchpreis gewonnen hat.

1 von 4 Hörern fanden diese Rezension hilfreich

Ein Hörgenuss

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
5 out of 5 stars

Rezensiert am: 17.09.2017

Obwohl es der 4.Band der Reihe "Friedhof der vergessenen Bücher" ist, lässt sich dieser Teil unabhängig von den anderen lesen bzw. hören. Ich habe selbst vor Jahren "Im Schatten des Windes" gelesen und während des Hörens kam die ein oder andere Erinnerung daran auf. Doch die Geschichte steht für sich und ist extrem spannend und gut erzählt.

Inhalt
Zu Beginn begegnet uns Daniel Sempere, der von seinem Vater im ersten Band in das Geheimnis des Friedhofs der vergessenen Bücher eingeweiht wird.
Inzwischen ist er mit Beatrix verheiratet, hat einen vierjährigen Sohn, Julian, und ist mit seinem Vater gemeinsam Besitzer der Buchhandlung Sempere. Auch sein alter Freund Fermin ist noch an seiner Seite und sorgt mit seiner metaphorischen Sprache und seinen Zoten für Heiterkeit.

Er erzählt im Rückblick von seiner Ankunft in Barcelona im Jahre 1939, als er als blinder Passagier auf einem Schiff die Botschaft seines Freundes an dessen Frau (seiner einstigen Liebe) überbringen will. Dabei wird er von seinem alten Feind, dem brutalen und skrupellosen Fumero von der Geheimpolizei entdeckt, kann aber fliehen. Er erreicht das Haus seines Freundes, trifft aber nur dessen Mutter an sowie die kleine 8-jährige Alicia, die ihr Lieblingsbuch in der Hand hält: "Alice im Wunderland." Das Haus wird bombardiert, es gelingt Fermin sich und Alicia zu retten, gemeinsam fliehen sie im Feuer durchtränkten Barcelona.
Doch sie verlieren sich und Alicia stürzt in eine Bücherkathedrale - mitten in den Friedhof der vergessenen Bücher. Schwer verletzt überlebt sie diese Nacht und träumt immer wieder von diesem Ort - doch Fermin glaubt, sie habe nicht überlebt und er habe seinen Freund "verraten".

Die Handlung springt ins Jahr 1959. Der Kulturminister Mauricio Valls gibt gerade ein rauschendes Maskenfest, während seine schwer kranke Frau dahin vegetiert, sich seine Tochter Mercedes jedoch gut amüsiert.
Valls wird bedroht - mit Briefen, auch einen Anschlag hat es bereits auf sein Leben gegeben. An diesem Abend erhält er ein schwarzes Buch - es gehört zur Reihe "Das Labyrinth der Lichter" von Victor Mateix, der im Gefängnis Montjuic gesessen hat, in dem Valls während und nach dem Bürgerkrieg Gefängnisaufseher gewesen ist. Valls glaubt, dass hinter den Drohungen und dem Anschlag der Schriftsteller David Martin steckt, der gemeinsam mit Mateix eingeperrt war.
Valls versucht sich in Sicherheit zu bringen und verschwindet spurlos - nur sein Auto wird mit Blutspuren aufgefunden.

Alicia - jene Alicia, die Fermin hatte retten wollen - soll sich auf die Suche nach Valls machen. Sie arbeitet für Leandro, der wiederum der Politischen Polizei zuarbeitet. Er war es, der sie herunter gekommen auf den Straßen Barcelonas aufgelesen hat und sie zur einer Art "Geheimagentin" ausgebildet hat. Mehr oder weniger gezwungen arbeitet sie sehr effektiv für ihn, möchte ihn und ihre Arbeit jedoch verlassen. Der Fall Valls solle ihr letzter werden, verspricht Leandro, dann sei sie frei.
Gemeinsam mit dem Polizisten Vargas ermittelt sie und ihre Spur - nämlich der 4.Band der Reihe "Das Labyrinth der Lichter", den sie bei Valls finden, führt sie von Madrid nach Barcelona, auch in die Buchhandlung Sempere, die sie bereits als Kind besucht hat.
Alicia recherchiert die Fakten zu Victor Mateix und sie stoßen auf weitere ehemalige Insassen des Gefängnis Montjuic. So soll ein gewisser Salgado die Briefe geschrieben haben, er ist jedoch selbst ermordet worden.
Ein Fall mit vielen Handlungsfäden, die am Ende in einem Trommelwirbel entwirrt werden, bevor der Roman in einem ruhigen Fahrwasser zu Ende geht.

Denn Julian Sempere verfolgt das ehrgeizige Projekt, die Geschichte seiner Familie zu erzählen und mit diesem Kunstgriff führt Zafon alle Teile der Reihe - "Der Schatten des Windes", "Das Spiel der Engel", Der Gefangene des Himmels" und "Das Labyrinth der Lichter" - geschickt zusammen.

Bewertung
Trotz der sehr langen Hörzeit wird dieser Roman - bis auf den letzten Teil, der etwas ausufert - nicht langweilig. Im Gegenteil, ich bin in eine Art Sog geraten und wollte immer weiter hören, was auch dem hervorragenden Vorleser gelegen hat. Vielen Dank an Literaturhexle, die mir alle Namen aufgeschrieben hat, denn beim Hören der spanischen gerät man zu Beginn durcheinander.

Eine sehr spannende Geschichte, in der man wenig vorhersehen kann und die Charaktere glaubwürdig agieren, die Handlung immer wieder Fahrt aufnimmt, es aber auch ruhige, reflektierende Passagen gibt. Die Fäden entwirren sich zufriedenstellend am Ende, wenn auch der ein oder andere sympathische Protagonist auf der Strecke bleibt.
Meine Lieblingsfigur ist der kauzige Fermin, über dessen Sprache und Witze ich immer wieder lachen musste.
Der geschichtliche Hintergrund hätte für meinen Geschmack noch stärker thematisiert werden können, da ergeht sich Zafon in vielen Andeutungen, während die Topographie Barcelonas ausführlich geschildert wird.

Insgesamt ein echter Hörgenuss, ein opulenter, nach dem ich persönlich jetzt was Leichteres und sprachlich Puristischeres brauche ;)

0 von 1 Hörern fanden diese Rezension hilfreich

Erlebte Geschichte

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
5 out of 5 stars

Rezensiert am: 01.08.2017

Inhalt
Sage Singer ist 25 Jahre alt und von Schuldgefühlen geplagt. Nachdem sie einen Unfall verursacht hatte, starb ihre Mutter an deren Folgen, sie selbst behält eine große Narbe im Gesicht davon zurück. Seitdem meidet sie Menschen und arbeitet als Bäckerin in einer katholischen Bäckerei in New Hampshire. In einer Trauergruppe, die sie besucht, um den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten, lernt sie den 95jährigen Josef Weber kennen, mit dem sie sich anfreundet. Es scheint, als könne er ihre Schuldgefühle verstehen und er ist der erste Mensch, dem sie sich anvertrauen kann. Umso mehr erschüttert es sie, als er sie darum bittet, ihm beim Sterben zu helfen. Er wolle mit der Schuld, die er selbst trage, nicht weiter leben. Denn als junger Mann gehörte er der SS an. Sage, deren Großmutter den Holocaust überlebt hat, und nicht über ihre Vergangenheit sprechen möchte, informiert daraufhin Leo Stein, der für eine Behörde arbeitet, die auch heute noch versucht, Nazi-Verbrechern mit entsprechendem Beweismaterial den Prozess zu machen. Gleichzeitig stellt sich ihr, die ihren jüdischen Glauben nie als wichtig erachtet hat, die Frage, warum Josef ausgerechnet sie ausgesucht hat, ihm zu helfen. Und vor allem ihm zu verzeihen, denn auch das verlangt er von ihr - Vergebung. Darum berichtet er ihr von seinen Gräueltaten als SS-Soldat.

Sage beginnt daraufhin, einerseits "Beweismaterial" gegen ihn zu sammeln, indem sie ihn bittet, ihr seine Geschichte zu erzählen. Andererseits nähert sie sich ihrer Großmutter Minka an.
Im 2. Teil des Hörbuchs erzählt Sages Großmutter ihre bewegende Geschichte, von ihrer Jugend in Lodz, den ersten Repressalien bis zum Leben im Ghetto und ihrer Deportation nach Auschwitz. Es sind vor allem die Einzelschicksale und auch das Handeln mutiger Menschen, die diesen Teil sehr persönlich und bewegend machen. Dazwischen wird immer wieder die Geschichte von Anja und Alexander, die Minkas selbst geschrieben hat und die eine weitreichende Bedeutung für sie hat, weiter erzählt. (Diese ist auch im 1.Teil eingebettet.)
Der 3.Teil wird dann wieder sowohl aus Sages Sicht und der Leos erzählt.
Die Frage nach der Schuld und ob man einen Mord vergeben kann, nach der Gnade für einen, der seine Taten bereut und trotzdem Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat, beschäftigen Sage und lassen sich kaum beantworte. Das Ende hält dann eine Überraschung bereit.

Bewertung
Insgesamt ist dieser Roman unglaublich vielschichtig. Neben der sehr berührenden Lebensgeschichte der Holocaust-Überlebenden Minka, Sages Großmutter, erleben die LeserInnen bzw. HörInnen auch die Entwicklung Sages mit, der es allmählich gelingt, sich gegenüber den Menschen zu öffnen. Die schwierige Frage nach Schuld und Vergebung bestimmt diesen Roman und wird aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet- die Opfer, aber auch der Täter kommt zu Wort und versucht, eine Erklärung für sein Verhalten zu finden. Die religiöse Dimension kommt zur Sprache ebenso wie die strafrechtliche, beide in Gestalt von Leo Stein. Auch die eingebettete Fantasie-Erzählung, die Minka über Anja und Alexander und seinen Bruder Kasimir, die beide Untote (Upior), sind, thematisiert letztlich die Frage nach der Verantwortlichkeit des Individuums für seine Taten. Gleichzeitig ist sie eine Allegorie der Beziehung des Hauptscharführer Franz Hartmann zu seinem Bruder Rainer (der Josef Weber vorgibt zu sein), die beide eine wichtige Rolle in Minkas Leben spielen.

Besonders gelungen finde ich die unterschiedlichen SprecherInnen, die die jeweilige Geschichte der Personen sprechen. Die Verzahnung der Geschichte Sages, die sich wiederum Josefs Erinnerungen anhört (ganz wunderbar gelesen) mit der Erzählung ihrer Großmutter, die deren Geschichte widerspiegelt, zeigt die Problematik von Schuld, Vergebung und Gnade aus mehreren Perspektiven und verhindert eine einseitige Sicht. Jeder Teil ist einfühlsam gelesen, man möchte sogar dem jungen Josef Verständnis entgegenbringen, doch irgendwann erreicht man als Hörer den Punkt zu sagen, er hätte "Nein" sagen können. Die Frage, welcher Teil in uns - das Monster oder das Gute - zum Vorschein kommt, wird somit auch an die HörerInnen weiter gereicht. Das überraschende Ende, das sich allerdings andeutet, wirft dann noch einmal ein anderes Bild auf die Frage nach Schuld und Vergebung!

Ich finde,ein absolut empfehlenswertes Hörbuch, über das man lange nachdenkt.

Wahrheit im Zerrspiegel

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
5 out of 5 stars

Rezensiert am: 18.06.2017

Inhalt

1.Teil
Der Literaturagent Peter Katz erhält per Email ein Manuskript von Richard Flynn, in dem dieser von wahren Ereignissen aus dem Jahr 1987 berichtet. Er verspricht den Mordfall des berühmten Professors Wieder in Princeton aufzuklären, der jetzt über 20 Jahre zurückliegt. In dem Auszug aus dem Manuskript erzählt Richard, dass die junge Laura Baines, eine begabte Mathematikstudentin bei ihm eingezogen ist und ihn mit dem Professor bekannt gemacht hat. Dieser bot ihm einen Job an - seine umfangreiche Bibliothek mithilfe eines Computerprogramms zu erfassen und zu sortieren. Richard, der eine Liebesbeziehung mit Laura unterhielt, war eifersüchtig auf den Professor und glaubte, er habe ein Verhältnis mit Laura. Zudem arbeite Wieder an einem geheimen Projekt, in dem es um traumatische Erinnerungen von Soldaten gehe. Sehr mysteriös. Richard erwähnt auch den Handwerker Derek, der unter retrograder Amnesie leidet und der für den Professor Reparaturarbeiten erledigt. Wieder hatte ihn einst begutachtet und ihm eine Schizophrenie bescheinigt, dadurch musste Derek, der des Mordes an seiner Frau verdächtigt wurde, nichts ins Gefängnis. In der forensischen Psychiatrie wurde er von einem Patienten niedergeschlagen und verlor sein Gedächtnis. Aus Nächstenliebe nahm sich der Professor seiner an und Derek war es auch, der die Leiche des Professors an einem Wintermorgen gefunden hat.
Das Manuskript bricht vor der Schilderung der Mordnacht ab, so dass Peter Katz versucht, Richard Flynn zu kontaktieren. Er kommt jedoch zu spät, denn Flynn stirbt an den Folgen einer Krebserkrankung und das Manuskript ist nicht auffindbar. Richard Flynn galt anfangs als Tatverdächtiger, doch letztlich konnte der Mord an Wieder nie aufgeklärt werden.

2.Teil
Besessen davon, die Wahrheit herauszufinden, beauftragt Katz den befreundeten Journalisten John Keller damit, die Beteiligten von damals ausfindig zu machen und Licht in die Ereignisse zu bringen.
Der findet heraus, dass sich Wieder einen Namen als psychiatrischer Gutachter gemacht hat und dass Laura Baines ihren Namen in Westlake geändert hat und inzwischen Professorin für Psychologie ist. Sie spricht nur unter der Voraussetzung mit Keller, dass sie vorher Richards Manuskript lesen darf.
Laura stellt die Ereignisse fast konträr zu der Erzählung Flynns dar. Während Richard behauptet, Lauras Exfreund habe sie verfolgt und ihr nachgestellt, behauptet Laura, sie habe nie eine Liebesbeziehung mit Richard gehabt und er sei es gewesen, der ihr und ihrem Freund gefolgt sei, nachdem dieser eine Zeit lang in Europa studiert habe. Auch habe sie nie eine Affäre mit dem Professor gehabt, sondern lediglich seine Arbeit unterstützt. Keller unterhält sich auch mit Derek, der wiederum behauptet, in der Mordnacht habe es einen heftigen Streit zwischen dem Professor, Laura und Richard gegeben, da Richard deren Affäre entdeckt habe. Und er sei sich sicher, dass Richard den Professor umgebracht habe.
Wem soll Keller glauben?
Nach den Gesprächen mit Lauras ehemaliger Freundin und dem ermittelnden Detective in dem Fall - Roy Freeman - scheint dieser immer komplizierter zu werden, da sich alle Aussagen widersprechen. Keller entdeckt zudem, dass ein verschollenes Buch, das der Professor veröffentlichen wollte, unter Laura Westlakes Namen erschienen ist. Hat sie es gestohlen und den Professor ermordet? Oder sich Richards bedient?

3.Teil
Der letzte Teil wird vom inzwischen pensionierten Detective Freeman erzählt, dem es letztendlich gelingt den Fall aufzuklären und der erkennt, dass alle Beteiligten sich geirrt haben und ihre Wahrnehmungen von den eigenen Obsessionen verzerrt waren.

Bewertung
Ein gelungener Krimi, indem alle Aussagen einer Person von der nächsten widerlegt werden und man irgendwann überhaupt nicht mehr weiß, wer lügt und wer die Wahrheit gesprochen hat. Schritt für Schritt setzen sich die Puzzleteile zusammen und ergeben ein Gesamtbild des Mordes, an dem - so viel sei hier verraten - mehrere beteiligt waren. Das Verbrechen ist sehr vielschichtig und in jedem Teil wird eine Schicht abgetragen, bis die Tat am Ende in ihrer Gesamtheit sichtbar wird.

Unglaublich spannend, kunstvoll komponiert und als Hörbuch von den einzelnen Sprechern sehr gut gelesen. Man sollte es allerdings nicht mit vielen Pausen oder "nebenbei" hören, da die Handlung kompliziert ist und man Gefahr läuft, den Überblick zu verlieren.

Ein schönes Spiel mit Sein und Schein, mit dem, was die Menschen wahrnehmen wollen und dadurch die "objektive" Wahrheit verzerren.

3 von 4 Hörern fanden diese Rezension hilfreich

Der letzte Teil der Edward Feathers-Reihe

Gesamt
4 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
4 out of 5 stars

Rezensiert am: 17.06.2017

Inzwischen habe ich das Gefühl Edward Feathers, Terence Veneering und Betty, Old Filths Frau, schon persönlich zu kennen. Dadurch, dass viele Szenen und Situation in den vorangegangenen Romanen aus unterschiedlichen Perspektive geschildert worden sind, kennt man die Motive, Gedanken und Gefühle der Protagonisten.
So mutet es zunächst befremdlich an, dass der Roman mit der Beerdigung Old Filths und der Beschreibung der Trauergäste beginnt, die bisher in Nebenrollen aufgetaucht sind.
Es sind nicht mehr allzu viele letzte Freunde übrig. Dulcie, eine alte Freundin, die sowohl Edward als auch Terry Veneering noch aus Hong Kong kennt und die Frau Pastry Willys gewesen ist und inzwischen ebenfalls alleine in den Dorsets lebt.
Ihr Ehemann war gleichzeitig Bettys Patenonkel und derjenige, der Veneering als Anwalt für Baurecht etabliert hat. In der Szene, die die Einstellung Terrys beschreibt, erfahren wir auch, wann und wie sich Veneering in Betty verliebt hat.
Gemeinsam mit Fiscal-Smith, dem eine ewige Außenseiterrolle zugeschrieben scheint, gehört Dulcie zu denjenigen, die auch auf Edwards und Bettys Hochzeit gewesen sind.
Auch Isabelle taucht auf, sie hat Feathers Haus geerbt und es stellt sich heraus, dass sie eine besondere Verbindung zu Dulcies Tochter Susan hegt.
In Terrys Haus lebt inzwischen eine chaotische, aber sympathische vierköpfige Familie. Während der Vater Schriftsteller ist, engagiert sich Anna, die Mutter, in der Kirche und in der dörflichen Gemeinschaft und wird in naher Zukunft Chloes Aufgaben in der Gemeinde übernehmen - jene Chloe, die Edward immer so auf die Nerven gegangen ist. Sie kümmern sich auch um Dulcie, die zunehmend auf sich allein gestellt ist und nicht mehr weiß, was sie mit ihrem Tag anfangen soll. So bedauert sie zutiefst, dass sie Fiscal-Smith nach der Beerdigung aus dem Haus "geekelt" hat und bemüht sich um Versöhnung. An ihrem Beispiel beschreibt Gadamer sehr sensibel die Einsamkeit des Alters.
Neben des Charmes der abgeschiedenen Landschaft und deren Bewohner, die liebevoll ironisch aufs Korn genommen werden, steht die Biographie Terry Veneering im Mittelpunkt des letzten Bandes.
Wir erfahren, dass er aus dem industriell geprägten Norden Englands stammt. Seine Mutter Florence hat Kohlen verkauft, nachdem sie sich in einen russischen - aus Odessa - stammenden Zirkusartisten verliebt hat, der bei einem Auftritt verunglückt ist. Er ist Invalide, aber scheint ein intelligenter Mann zu sein, der mehrere Sprachen spricht und dessen Biographie noch ein Geheimnis bereit hält.
Terry hat ein distanziertes Verhältnis zu ihm, liebt aber seine Mutter. Aufgrund der Fürsprache eines pensonierten Anwalts kann er die höhere Schule besuchen. Jener ist es auch, der ihm ein kleines Vermögen hinterlässt und auf dessen Kanzlei Terry später in London zufällig stoßen wird.

Als Terry gemeinsam mit einigen Kindern im 2.Weltkrieg nach Kanada evakuiert werden soll, verlässt er kurz vor der Reise das Schiff, das auf der Überfahrt von deutschen U-Booten versenkt wird. Ausgerechnet Fiscal-Smiths Vater, ein Schulleiter, hilft Terry zurückzukehren. Abgeholt wird Terry von Sir, eben jenem Schulleiter, der Edward Feathers so unterstützt hat und geliebt (?) hat. Hier sind sie wieder, die Handlungsfäden und Berührungspunkte der beiden so unterschiedlichen Männer.

Beide schließen ihr Jurastudium als Beste ab und kehren nach einem gemeinsamen - lustig geschilderten - Schlüsselerlebnis im Strafrecht diesem den Rücken zu und widmen sich dem Baurecht.
Auch dieses Gerichtsverfahren, das beide letztlich zu Feinden macht, wird aus zwei Perspektiven geschildert, aus Fiscal-Smith, der mit Terry zusammengearbeitet hat, und aus Veneerings Sicht selbst. Ihr Verhalten im Verfahren und dessen Beurteilung verdeutlicht die unterschiedlichen Charaktere Edwards und Terrys sehr prägnant.
Auch die Beziehung zu Betty wird thematisiert - die große gemeinsame Liebe der beiden. Und in ihrem letzten Gespräch - vor Veneerings Kreuzfahrt - wird das Thema zumindest gestreift.
Auch die Umstände von Veneerings Tod werden im letzten Roman aufgedeckt.
Das versöhnliche Ende gehört den letzten überlebenden Freunden - Dulcie und Fiscal-Smith...


Bewertung
Genau wie bei den vorangegangenen Hörbüchern hätte ich den Geschichten um das Trio und ihrer Freunde ewig weiter zuhören können. So feinfühlig werden diese Charaktere beleuchtet, mit so viel Herzenswärme auf den Arm genommen, mit liebevoller Ironie, ohne sie bloßzustellen.
Sie sind mir richtig ans Herz gewachsen ;)

Einige lose Handlungsfäden und offene Fragen werden beantwortet und es ist unglaublich, wie nah sich die beiden Kontrahenten doch immer gewesen sind.
Mich haben vor allem die Gespräche beeindruckt, die in den vorherigen Romanen nur angeklungen sind, wie das letzte zwischen Edward und Terry.
Die Kommunikation der beiden ist dabei dadurch geprägt, dass sie um das Eigentliche herumreden, nämlich dass sie sich inzwischen mögen und eigentlich Freunde geworden sind.
Im Grunde will Edward mit auf Kreuzfahrt, möchte aber gefragt werden. Und eigentlich würde ihn Terry wohl gerne mitnehmen, ist aber zu stolz dazu - so stehen sie sich gegenseitig im Weg, und dann ist es zu spät.
Das mag auch der Beweggrund Dulcies sein, sich Fiscal-Smith zuzuwenden, denn sonst ist keiner mehr aus ihrer Vergangenheit übrig - die Einsamkeit des Alters, die letzten Verbliebenen - mit dieser Thematik schließt diese wunderbare, britische Trilogie ab, die ich unbedingt empfehlen kann.

4 von 4 Hörern fanden diese Rezension hilfreich

Eine skurrile Geschichte

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
5 out of 5 stars

Rezensiert am: 17.06.2017

Patrick Wallingford wird als besonders gut aussehender Mann beschrieben, der eine unfehlbare Wirkung auf Frauen hat und den man durchaus als Casanova bezeichnen kann. Er handelt, ohne auf die Folgen zu achten, und ist für eine wenig seriöse Nachrichtensendung als Journalist tätig. Er lebt in New York, Ende des letzten Jahrhunderts. Während einer Recherche in einem indischen Zirkus kommt es zu einem tragischen Unfall, weil er unbedacht seine linke Hand in einen Löwenkäfig steckt. Die Aufnahme, wie der Löwe Patricks Hand frisst, macht ihn auf einen Schlag berühmt - er ist fortan der Löwenmann.
Seine Frau verlässt ihn zudem, da er sie permanent betrügt. Zu allem Unglück scheint er als Moderator ausgedient zu haben. Er scheitert an diversen Handprothesen und weiß sich nicht vor der Kamera zu positionieren, so dass er als Sonderkorrespondent zu kuriosen Katastrophenfällen geschickt wird. Nun ist er nicht nur der Löwen-, sondern auch noch der Katastrophen-Mann.

Also entschließt er sich eine Handtransplantation durchzuführen und findet auf der Internetseite www.needahand.com die Koryphäe auf diesem Gebiet, Dr. Zajac.
Ebenfalls geschieden bemüht sich der asketische Arzt um seinen sechsjährigen Sohn, den er nur am Wochenende sieht. Mit einem verfressenen Labradormix, der genauso auf Hundehaufen fixiert ist (diese Rasse neigt leider dazu, sie zu fressen), wie Dr. Zajac, der die Haufen mit einem Lacrosse-Schläger weg schießt, und den wunderbaren Kinderbüchern "Stuart little" und "Wilbur und Charlotte" von E.B.White (die ich jetzt unbedingt lesen will), findet er einen Draht zu seinem Sohn und schließlich auch zu seiner Haushälterin.

Als Spender bewirbt sich auf Betreiben seiner Frau Doris, der Bierfahrer Otto Clausen, der nach einem skurrilen Unfall am Superbowl-Sonntag in seinem Bierlaster ums Leben kommt. Seine umsichtige Frau bringt seine linke Hand nach Boston zur Transplantation, willigt in diese aber nur ein, wenn sie ein Besuchsrecht für die Hand ihres verstorbenen Mannes erhält - ein recht eigenwilliger Wunsch. Doch damit nicht genug bittet sie Patrick Wallingford um ein Kind, das sie mit Otto schon lange vergeblich zu zeugen versuchte.
Im Wartezimmer der Praxis kommt es zum folgenreichen Sexualakt - neun Monate später erblickt der kleine Otto das Licht der Welt und Patrick ist Mrs. Clausen, die seiner Beschreibung nach gar nicht so hübsch ist, aber eine verführerische Stimme hat, verfallen.
Ein langer Weg liegt vor ihm, sexuelle Abenteuer, seltsame Begegnungen mit Frauen und eine Reflektion über seine Tätigkeit als Katastrophenjournalist, den ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen will.
Die spannende Frage bleibt, ob es ihm gelingt Mrs. Clausen zu erobern? Und was es mit der vierten Hand auf sich hat, wird am Ende aufgelöst.

Bewertung
Vor ungefähr 20 Jahren habe ich Irvings "Gottes Werk und Teufels Beitrag" gelesen und den Film gesehen, auf whatchareadin bin ich dann wieder auf den Autor gestoßen, nachdem Renie "Straße der Wunder" vorgestellt hat, das ich mir daraufhin gekauft habe. Auf der Suche nach einem Hörbuch hat mich dann die Beschreibung von "Die vierte Hand" spontan angesprochen. Aufgrund der Länge des Hörbuchs habe ich es über einen großen Zeitraum mit vielen Pausen dazwischen angehört. Trotzdem wurde ich immer wieder direkt in die Geschichte hineingezogen.
Irving erzählt vermeintlich locker und leicht, nimmt dabei aber in allen Einzelheiten das Leben seiner Protagonisten unter die Lupe - mit einer gehörigen Portion Ironie. Eine Parade schräger Vögel wandert da an uns vorbei.
Allein über Dr. Zajac könnte man Seiten füllen - ein nach Vögeln verrückter Handchirurg, rappeldürr und asketisch, Marathonläufer, der Hundehaufen mit einen Lacrosseschläger über den Zaun schlägt - herrlich skurril.
Beeindruckend auch die Entwicklung des Frauenheldes Patrick, der zu Beginn völlig sorglos durchs Leben geht, ohne seine Wirkung auf Frauen wahrzunehmen und ohne an die Folgen seines Handelns zu denken. Durch den Verlust seiner Hand erhält er die Chance auf ein neues Leben, das sexuell nicht weniger aufregend ist. Da nimmt Irving kein Blatt vor den Mund, aber die Beschreibungen der Sex-Szenen ist nie geschmacklos - das eine oder andere Mal seltsam und ungewöhnlich. Eine erfrischende, direkte Sprache, die Lust auf mehr macht.
Es wäre jedoch falsch, die Geschichte auf die Beziehungen Patrick Wallingfords und die Liebesgeschichte mit Mrs. Clausen zu beschränken. Irving greift ganz offensichtlich den Katastrophenjournalismus an und führt mittels der Figur Patricks vor, dass es nur um Einschaltquoten und Geld geht. Folgerichtig bewirbt sich Patrick am Ende des Romans bei einigen Sendern mit einem Konzept, das der Frage nach dem Kontext von Nachrichten nachgeht. Irving plädiert für einen seriösen Journalismus, der die Persönlichkeitsrechte jedes Einzelnen achtet.
Interessant sind auch die Betrachtungen über die Nicht-Hand, in der Patrick noch Empfindungen hat, und das nur in bestimmten Situationen, aber da will ich nicht zu viel verraten.

Insgesamt ein Roman, der mir viel Freude beim Hören gemacht hat, woran auch der hervorragende Sprecher Rufus Beck Anteil hat

4 von 4 Hörern fanden diese Rezension hilfreich

Entscheidung zum Wohl des Kindes?

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
5 out of 5 stars

Rezensiert am: 17.06.2017

Fiona Maye ist Familienrichterin und privat in einer prekären Situation. Nach 35 Jahren Ehe verkündet ihr Mann, sie seien wie Bruder und Schwester, es gebe kaum noch Sex und er wolle noch eine große leidenschaftliche Affäre erleben, obwohl er sie liebe. Er möchte ihr Einverständnis, die passende Frau für die Affäre, eine 28-Jährige hat er schon gefunden. Im Krisengespräch mit ihrem Mann erkennt sie, dass der schwierige Fall eines zusammengewachsenen Zwillingspaares, in dem sie gegen den Willen der religiösen Eltern für den Tod des "lebensunfähigen" Bruders plädiert hat, zu ihrer innere Distanz führt. Ihr Beruf scheint sie völlig zu absorbieren.
Im Moment schreibt sie das Urteil im Fall zweier jüdischer Mädchen, deren orthodoxer Vater möchte, dass sie innerhalb ihrer Gemeinde aufwachsen, während die von ihm getrennte Mutter, ihnen die "Welt" öffnen und die Chance auf eine höhere Berufsbildung ermöglichen will.
Noch während der Auseinandersetzung mit ihrem Mann, der sie vor die Entscheidung stellt, entweder sie stimme der Affäre zu oder er gehe, erreicht sie an dem Sonntagabend der Eilantrag einer Klinik. Es geht um den leukämiekranken fast (!) 18jährigen Adam Henry, der einer lebensnotwendigen Bluttransfusion nicht zustimmen möchte, da es ihm sein Glaube verbietet. Wie seine Eltern gehört er den Zeugen Jehovas an, die aus einigen Bibelstellen ableiten, dass Blut nicht übertragen werden darf.

Während ihr Mann die Wohnung schließlich verlässt, muss Fiona das Urteil über die jüdischen Mädchen formulieren, bevor am Dienstag die Anhörung im Fall des Jungen vor Gericht stattfindet.
In ihren eigenen privaten Gedanken verstrickt und entsetzt über das Verhalten ihres Mannes sieht sie sich der schwierigen Situation konfrontiert über Tod oder Leben zu entscheiden.
Soll sie das Wohl des Kindes vor die religiöse Überzeugung der Eltern und seiner eigenen stellen? Soll sie dem Wunsch des Jungen entsprechen, der selbst die Transfusion verweigert oder den Argumenten der Ärzten folgen? Ist der Junge überhaupt in der Lage, seine Situation und den bevorstehenden Tod zu erfassen?
Um Klarheit zu erlangen, geht sie den ungewöhnlichen Schritt und besucht den intelligenten Jugendlichen im Krankenhaus, eine folgenreiche Begegnung, die ihr Leben beeinflusst - auch durch ihr gemeinsames Musizieren. Denn Adam lernt im Krankenhaus Geige und während er ein Lied von Mahler spielt, singt sie dazu - eine wunderschöne Szene.

Wie wird ihre Entscheidung ausfallen? Das will ich hier nicht vorwegnehmen - genauso spannend ist die Frage, ob ihre Ehe noch zu retten ist.

Bewertung
Der Roman ist ausschließlich aus der personalen Perspektive Fiona Mayes erzählt. Wir nehmen als Hörer/innen intensiv an ihren Gefühlen und Gedanken teil. Die Demütigung durch ihren Mannes wird so unmittelbar erlebbar und man leidet mit Fiona mit, hat Verständnis für ihre verletzten Gefühle und ihre Wut, nicht mehr zu genügen - und für ihre Schuldgefühle, ihren Mann auf Distanz gehalten zu haben. Sehr differenziert setzt sie sich mit ihrer Ehekrise auseinander, genauso wie sie an ihre schwierigen Fälle und Entscheidungen herangeht.
Wir werden Zeugen ihrer Entscheidungsfindung, ihres Wunsches jeweils dem Wohl des Kindes höchste Priorität einzuräumen.
Dabei hadert sie ganz offensichtlich damit, keine eigenen Kinder zu haben. Sie hat den richtigen Zeitpunkt dafür verpasst, ihre Karriere stand jeweils im Vordergrund, ein Umstand, den sie als 59-Jährige bedauert.

Ian McEwan erörtert in seinem Roman sowohl religiöse als auch moralische und auch juristische Fragen, fordert zum Nachdenken heraus und zeigt auf, wie schwierig es ist, dem Kindswohl gerecht zu werden.
Ein Roman, der auch zeigt, dass die getroffene Entscheidungen Einfluss auf das Leben derjenigen nehmen, über die die Richterin ihr "Urteil" gefällt hat. Und Fiona muss erkennen, dass die Einhaltung gesellschaftlicher Konventionen im Falle Adams gerade das Gegenteil dessen bewirkt, was sie damit intendiert.

Während McEwans Roman "Die Nussschale" aufgrund seiner ungewöhnlichen Erzählperspektive besticht, sind es in diesem Roman der außergewöhnliche Fall und die juristischen, religiösen und moralischen Fragen, die gestellt und erörtert werden, die mich fasziniert haben. Unwillkürlich fragt man sich beim Hören, wie hätte ich entschieden, und man folgt gespannt den Argumenten der Kontrahenten.
Das Ende ist jedoch nicht ganz so überraschend wie in "Honig", denn man ahnt sehr früh, worauf es hinausläuft.

So ist der Schluss einerseits sehr traurig, aber auch hoffnungsvoll. Für mich ein Roman, der trotz der vielen Reflektionen und Fragestellung sehr spannend zu hören war und der noch lange nachhallen wird.