PROFIL

parden

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  • Mal wurden Ihre Rezensionen als "hilfreich" bewertet
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  • Bewertungen

Verstörend, spannend, anders!

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
5 out of 5 stars

Rezensiert am: 27.07.2019


Als Silvie nach einem Unfall erwacht, ist die einst so lebenshungrige Frau gefangen in ihrem eigenen Körper. Ihre Schwester Anna, die seit Jahren kurz vor einem Zusammenbruch stand, scheint verschwunden. Und die Frau, die sie jetzt so liebevoll pflegt, hat Silvie über Jahre hinweg als Rivalin gesehen.

Entgegen sonstiger Gepflogenheiten möchte ich diesmal nicht viel mehr zum Inhalt erzählen, denn es könnte tatsächlich ZU viel sein. Trotzdem muss ich ein paar Worte zum Buch loswerden, denn es ist schon eine besondere Geschichte, die mir hier begegnet ist.

Erzählt wird die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive dreier Frauen:

1. Silvie, eine fest im Leben stehende Frau, die so schnell nichts aus der Bahn zu werfen vermag, verheiratet mit Johannes, zwei kleine Kinder, erfolgreiche Journalistin.
2. Anna, Silvies Schwester, voller Ängste, unglücklich verheiratet und überfordert mit ihren drei Töchtern, oft nicht wissend, wie sie ihr Leben meistern soll.
3. Und schließlich Sabina, eine Amerikanerin, die der Liebe wegen nach Deutschland kam - letztlich einer unerfüllten Liebe wegen, denn Johannes hat eine andere geheiratet: Silvie.

Das Leben der drei Frauen ist miteinander verkettet, und im Laufe der Geschichte lernt der Leser die drei Charaktere näher kennen, ihre Lebensgeschichte, die Geschehnisse vor und nach dem großen Unfall, nach dem nichts mehr so ist, wie es einmal war. Diese drei Frauen sind nicht zwangsläufig sympathisch, aber sie werden im Laufe des Geschehens zunehmend plastischer und glaubwürdiger.

Die Handlungsstränge sind gekonnt und logisch miteinander verwoben, der Plot ist wahrlich ausgetüftelt, die kurzen Kapitel laden immer wieder zum Weiterhören ein.

Dabei schwebt die ganze Zeit und von Anfang an ein Fragezeichen über dem Kopf des Hörers, ein anhaltendes 'Hääääää?', das sich wie ein Hintergrundrauschen festsetzt, den Hörer immer wieder innehalten lässt, sich jedoch nie wirklich manifestiert.

Das beginnt schon mit dem Titel, der mich sofort stutzen - und neugierig werden - ließ. 'Hirngespenster'? Heißt das nicht 'Hirngespinste'? Doch ganz am Schluss stellt sich heraus: treffender hätte der Titel nicht gewählt werden können, ebenso wie das geheimnisvolle Cover.

Von Anfang an kreist das Gedankenkarussell des Hörers, was da wohl geschehen sein könnte - und doch gelingt es Ivonne Keller immer wieder, einen zu überraschen und zum Umedenken zu zwingen. Und präsentiert schließlich ein Ende, bei dem plötzlich alles einen Sinn ergibt, die Fragezeichen verschwinden und der Hörer schließlich verblüfft und berührt zurückbleibt.

Ein Frauenroman? Eher nicht, auch wenn ich glaube, dass Frauen sich vermutlich wohler fühlen werden mit dem Buch als Männer. Für mich ist das Buch eine gelungene und ungewöhliche Mischung aus Familienroman, Thriller und Drama und hat mir sehr unterhaltsame Hörstunden beschert.

Vera Teltz liest die ungekürzte Hörbuchfassung (11 Stunden und 36 Minuten) so eindringlich, dass es lästig war, das Hören wegen Schlaf, Arbeit oder sonstigen unaufschiebbaren Erledigungen zu unterbrechen.

In jedem Fall eine dringende Hörempfehlung an alle, die einmal Lust auf etwas anderes haben!


© Parden

Die wirkliche Wirklichkeit...

Gesamt
3 out of 5 stars
Sprecher
3 out of 5 stars
Geschichte
4 out of 5 stars

Rezensiert am: 27.07.2019

Wie wäre es, wenn wir in das Bewusstsein eines anderen schlüpfen könnten? Was sähe ich, wenn ich die Welt durch deine Augen sähe? Um diese Fragen kreist dieser spannende Roman von Peter Høeg, mit dem er auf sehr persönliche Weise an den Bestseller "Der Susan-Effekt" anknüpft.

Eines gleich vorweg: 'Der Susan-Effekt' kenne ich (noch) nicht, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass ich hier die Fortsetzung eines Buches höre, sondern eine ganz eigenständige Erzählung.

Im Wesentlichen dreht sich die Geschichte um drei Personen: Peter, Lisa und Simon. Die drei kennen sich bereits aus Kindertagen, haben aber im Laufe ihres Lebens den Kontakt zueinander verloren. Nun kreuzen sich ihre Wege wieder, denn Peter wurde angerufen, nachdem Simon versucht hat sich umzubringen. Auf der Suche nach Hilfe für Simon stößt Peter auf Lisa und ihre Forschungen zum menschlichen Bewusstsein. Eine abenteuerliche Reise ins Innere des menschlichen Wesens beginnt...

In iherem "Institut für neuropsychologische Bildgebung" ist es Lisa gelungen, mit Hilfe von Scans das Bewusstsein von Menschen in einen Hologramm sichtbar zu machen. Und nicht nur das. Es ist durch technische Errungenschaften möglich, an dem Erleben, den Erinnerungen, den Ängsten von Patienten teilzuhaben, es gleichzeitig zu sehen und nachzuempfinden. Ein tieferes Verständnis der Psyche verschafft ganz neue Möglichkeiten, psychische Erkrankungen und seelische Probleme zu therapieren - doch noch ist alles im geheimen Versuchsstadium.


"Wir suchen nicht die Wahrheit. Wir verhelfen den Menschen zu einer Geschichte, mit der sie leben können."


So erfolgreich, wie Lisa in ihrem Beruf zu sein scheint, so merkwürdig mutet es an, dass sie sich an die ersten sieben Jahre ihres Lebens - und damit auch an Peter und Simon - nicht erinnern kann. Peter erinnert sich für sie - und den Hörer - an die Kindergartenzeit, wo die drei als 'schlaflose Kinder' in der Zeit, zu der alle anderen Kinder einen Mittagsschlaf hielten, aufregende Entdeckungen machten.

Sie erkannten, dass es möglich ist, in die Träume anderer zu gelangen, in ihr Bewusstsein, sogar in eine andere Zeit. 'Die wirkliche Wirklichkeit' nannten sie das Erleben parallel zu ihrer Gegenwart, und rückblickend muten die Erinnerungen daran reichlich fantastisch an - machen aber auch deutlich, wo die Wurzeln zu Lisas beruflichem Erfolg liegen.

Der Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart macht für mich den Charme dieses Buches aus. Die Magie der Kindheit schleicht sich in das aktuelle Geschehen, und das Eintauchen in die Psyche anderer Menschen ist ein gleichzeitig faszinierendes wie erschreckendes Gedankenexperiment. Die Grenzen der Individualität lösen sich auf, dafür werden die Begegnungen zunehmend echter und intensiver.

Allerdings geriet die Erzählung bei aller Faszination für die Idee dahinter phasenweise doch recht langatmig. Etwas ermüdend fand ich vor allem die lange Aneinanderreihung von Therapiesitzungen, die allesamt schwere Themen beinhalteten wie beispielsweise die Massenserschießung von Juden während des Zweiten Weltkriegs, den sexuellen Missbrauch von Kindern oder den Krebstod einer jungen Mutter.

Auch das Fantastische und Surreale an der Geschichte war mir stellenweise zu viel. Gerade die Erlebnisse der Kinder sorgten gegen Ende bei mir eher für hochgezogene Augenbrauen denn für Staunen. Gefallen hat mir indes, dass ich durch das Hörerlebnis ins Nachdenken geriet - über die Möglichkeit 'echter' Begegnungen, das geheimnisvolle Phänomen der menschlichen Psyche, die interessante Idee, ins Bewusstsein eines anderen einzutauchen.

Alles in allem ein interessantes Gedankenexperiment, das für mich ein wenig zu surreal und zu langatmig geraten ist, dazu noch etwas zu abrupt endete. Frank Stieren las die Erzählung (ungekürzte Hörbuchfassung: 8 Stunden und 19 Minuten) versiert, trug durch seinen langsamen Vortrag jedoch zuweilen zum Eindruck der Langatmigkeit bei.

Peter Høeg schreibt in jedem Fall keine gewöhnlichen Bücher!


© Parden

Aktuell, radikal, beklemmend und komisch zugleich

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
5 out of 5 stars

Rezensiert am: 23.06.2019


Timur Vermes versteht es, sich aktueller Themen auf seine ganz eigene Weise anzunehmen. Sein Mittel der Wahl ist die Satire - und die ist hier trotz einiger Längen in der Erzählung wieder hervorragend gelungen.

Der Autor geht (noch) etwas weiter als die aktuelle Realität und schließt die Grenzen Europas für die Flüchtlinge aller Länder. In Afrika gibt es deshalb jenseits der Sahara unübersehbare Lager, in denen Millionen von Flüchtlingen schon seit Jahren ausharren - ohne Aussicht darauf, dass sich an ihrer Lage noch jemals etwas ändern wird. Die Kosten für die sog. Schlepper sind ins Unermessliche gestiegen, so dass sich nun alle die hoffnungslose Perspektive teilen.

Die Medien sind nach wie vor stets auf der Suche nach der 'ganz großen Story', und weil es das noch nie gab, schickt Mai-TV seine Starreporterin Nadeche Hackenbusch mitten rein in solch ein Lager, um vor Ort von den ärmlichen Bedingungen berichten zu können. Doch wider Erwarten schwindet bei der ebenso hübschen wie naiv-dummen Moderatorin mit jedem Tag im Lager die Bedeutung ihrer Luxusgüter und macht Platz für - Mitgefühl. Nadeche Hackenbusch will nicht nur aufmerksam machen auf die Missstände im Lager - sie will helfen!

Als klar wird, dass die Sendezeit vor Ort sich trotz ihrer Proteste dem Ende zuneigt, beschließt Nadeche weiter zu gehen. Mit Lionel, einem jungen Afrikaner, der sie all die Tage durch das Lager begleitet hat, entwickelt sie einen gewagten Plan. Zu Fuß durch die Sahara! Was im ersten Moment klingt wie des Wahnsinns wilde Beute, entpuppt sich letztlich als raffiniertes Planungsspiel - und 150.000 Menschen beteiligen sich daran. 15 Kilometer am Tag läuft die Menge los, immer das Ziel vor Augen: Deutschland.

Mai-TV bleibt dran mit seinen Live-Reportagen, Kamera-Drohnen und Tageszusammenfassungen - und kann sich über immer neue Zuschauerrekorde freuen. Anfangs von der Politik belächelt, nähert sich der Zug jedoch Schritt für Schritt der europäischen Grenze. Und als klar wird, dass Aussitzen letztlich nicht wirklich hilft und sich die Proteste im Land mehren, muss eine Lösung her. Doch wie soll die aussehen?

Bei dieser Satire von Timur Vermes erscheint tragisch, dass alles so vorstellbar ist, kaum jenseits der Realität. Insofern ist dies ein Gedankenspiel von immenser Aktualität. Auch wenn es im Verlauf einige Längen zu überbrücken gibt: immerhin ist der Weg durch die Sahara und bis zu den Grenzen Deutschlands auch nicht gerade kurz. Und auf der Reise sorgt Vermes für reichlich Unterhaltung durch seine schwarzhumorigen Spitzen. Hier bekommt jeder sein Fett weg: die Medien ebenso wie die Politiker und die Wohlstandsgesellschaft.

Tatsächlich gibt es hier viel zu lachen, obschon man auch zu Beginn schon ahnt, dass einem selbiges womöglich bald im Halse stecken bleibt. Besonders die Moderatorin Nadeche Hackenbusch mit ihrem sehr speziellen Englisch - einfach köstlich. Dies ist natürlich auch dem genialen Vortrag durch Christoph Maria Herbst zu verdanken, der diesem Hörbuch seine ganz eigene Note verleiht. Undbedingt würde ich hier das Hörbuch dem gedruckten Buch vorziehen (ungekürzte Ausgabe: 15 Stunden und 13 Minuten), ansonsten wäre es tatsächlich nur das halbe Vergnügen...

Doch Vermes beschränkt sich nicht nur auf die Unterhaltung, sondern nimmt hier auch keine Rücksicht auf Verluste. Insofern spitzt sich die Situation letztlich gewaltig zu, und das Lachen weicht allmählich einer zunehmenden Beklemmung. Tatsächlich kommt man auch nicht umhin, das ein oder andere Mal gewaltig zu schlucken - und nachdenklich macht die vorgestellte Entwicklung allemal. Ein unbequemer Spiegel, den Vermes uns hier vorhält. Aber gleichzeitig eben auch sehr unterhaltsam.

Alles in allem eine gelungene Satire mit komischen und beklemmenden Momenten - überaus aktuell und unterhaltsam. Vereinzelte Längen seien gleich wieder verziehen, denn das Gesamtpaket ist überaus überzeugend. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Vision von Timur Vermes sich niemals bewahrheiten möge...


© Parden

Reihenbeginn mit Schwächen...

Gesamt
3 out of 5 stars
Sprecher
3 out of 5 stars
Geschichte
3 out of 5 stars

Rezensiert am: 23.06.2019


Die Idee, einen forensischen Phonetiker in den Mittelpunkt eines Thrillers zu rücken, hat mich ehrlich gesagt fasziniert - denn dieser Bereich der Forensik spielt üblicherweise allenfalls eine Rolle am Rande von Ermittlungen. Doch da haben wir gleich das erste Problem: Matthias Hegel mit seinem absoluten Gehör wird im Verlauf zwar immer wieder kurz eingeblendet, bleibt jedoch auf eine Nebenrolle beschränkt, da er die meiste Zeit der Handlung im Gefängnis sitzt. Nur gleich zu Beginn des Thrillers kann er sein wirkliches Können demonstrieren. Das war für mich in jedem Fall eine Enttäuschung.

Der eigentliche Hauptcharakter ist die junge True-Crime-Podcasterin Jula Ansorge, die inzwischen eine eigene kleine Fan-Gemeinde an Zuhörern hat. Ihr erster Fall war ein sehr persönlicher, da er ihren Bruder Moritz betraf, der sich in Argentinien nach seiner Verhaftung eines schweren Verbrechens schuldig bekannt und anschließend in seiner Zelle umgebracht haben soll. Doch Jula glaubt nicht an seine Schuld. Seither verbeißt sie sich in vermutliche Justizirrtümer - und auch im Fall Matthias Hegel vermutet sie einen solchen. Doch weshalb sollte er freiwillig ins Gefängnis gehen, wenn er doch unschuldig ist?

Jula ist eine sehr problembelastete junge Frau, die durch die traumatischen Erlebnisse in Argentinien gezeichnet ist. Das wichtigste im Leben scheint ihr ihre Unabhängigkeit zu sein - und sollte jemand ihr zu nahe kommen, beendet sie eher den Kontakt als dies zuzulassen. Sie will sich alleine in allem beweisen, nimmt Hilfe nur widerwillig an und neigt auch zu gefährlichen Alleingängen. Der Polizei vertraut sie gar nicht mehr, und nicht nur deshalb gerät letztlich mehr als ein Leben in Gefahr.

Als Sebastian Fitzek auf die Idee zu der Geschichte kam, dachte er spontan nicht an ein Buch, sondern an ein Hörspiel. Durch die Kooperation mit Vincent Kliesch (dieser ist der tatsächliche Verfasser von Roman und Hörspiel, Fitzek hat jedoch mit daran gefeilt) wurde letztlich beides in Angriff genommen. Erstaunlicherweise unterscheidet sich das (ungekürzte) Hörbuch inhaltlich doch in einigen Details vom Roman, was ich nicht wirklich nachvollziehen kann.

Sowohl von Sebastian Fitzek als auch von Vincent Kliesch habe ich schon einiges gelesen - von Kliesch sogar alle bislang erschienenen fünf Thriller. Wertungen von 4 und mehr Sternen waren da immer drin. Obgleich beiden Autoren e in flüssiger Schreibstil, spannende Wendungen und kurz gehaltene Kapitel zueigen sind, konnte mich dieser Thriller leider nicht recht überzeugen. Vor allem gegen Ende empfand ich die Ereignisse und Wendungen wie mit der Holzaxt skizziert, wenig elegant - und vor allem: offen gehalten.

Erst am Schluss begriff ich, dass dieses Buch der Beginn einer neuen Reihe um Jula Ansorge und die forensische Phonetik sein soll. Dieser Eindruck drängte sich zwangsläufig auf, weil hier schlussendlich gar nichts klar ist und die Antworten wohl frühestens im nächsten Band gegeben werden - eine Taktik, mit der ich mich nicht anfreunden kann. Bei der Printausgabe gibt es dann auch einen Hinweis auf das Buch als Reihenbeginn, was hier bei der Hörspielausgabe leider fehlt.

Die Gestaltung als Hörspiel ist gewohnt professionell (exklusive Audible-Ausgabe von 6 Stunden und 42 Minuten), doch während ich die meisten Sprecher passend besetzt fand, empfand ich die Sprecherin der Jula Ansorge (Svenja Jung) weniger ideal. Deren Stimme nervte mich - ebenso wie der Charakter selbst - oft genug: häufig schrill und überdreht, oftmals kreischend bis hin zu hysterisch. Während um Jula herum alle meist recht ruhig und besonnen reden und agieren, wirkte die junge Frau selbst dagegen meist wie ein trotziges Kind, das mit dem Kopf durch die Wand will.

Alles in allem also ein Reihenbeginn mit Schwächen und mit einem ärgerlich offenen Ende. Ich bin noch nicht davon überzeugt, dass ich diese Reihe weiter verfolgen werde...


© Parden

Vom Wesen der Liebe...

Gesamt
4 out of 5 stars
Sprecher
4 out of 5 stars
Geschichte
4 out of 5 stars

Rezensiert am: 23.06.2019


"Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage."

Los oder Schicksal? Darüber sinniert der alte Paul in seinen Erinnerungen an seine erste Begegnung mit der großen Liebe seines Lebens. Denn bei einem Tennisturnier vor über 50 Jahren entschied das Los über die Zusammenstellung der Paare für das Mixed - und so spielten seinerzeit Paul und die fast 30 Jahre ältere Susan MacLeod ganz zufällig gemeinsam bei dem Turnier.

Paul, damals Student und nur während der Semsterferien zu Besuch bei seinen Eltern, widerte die biedere englische Nachkriegsbürgerlichkeit des kleinen Städtchens an. Nichts Schlimmeres konnte er sich vorstellen als in die vorgezeichneten Fußstapfen seiner Eltern zu treten, Beruf, Häuschen, Garten, Familie, Punkt.

Da kam Susan ihm gerade Recht, unkonventionell, verheiratet und mit bereits erwachsenen Töchtern, aber stets fröhlich und überraschend in ihrem Tun, erfrischend anders. Mit ihrer Liebe stießen sie alle vor den Kopf - nicht nur Pauls Eltern und Susans Ehemann Gordon, sondern das ganze Städtchen. Nach dem moralisch begründeten Ausschluss der beiden aus dem Tennisclub fiel dann die Entscheidung, gemeinsam fortzuziehen - nach London, in ein heruntergekommenes Haus.


"Meiner Meinung nach ist jede Liebe, ob glücklich oder unglücklich, eine wahre Katastrophe, sobald man sich ihr voll und ganz hingibt."


In drei Abschnitten gewährt der Autor dem Leser einen Einblick in die eine große Liebe Pauls. Der erste Abschnitt widmet sich im Wesentlichen den Gefühlen Pauls und Susans zu Beginn ihrer Beziehung, ohne jeden Zweifel, dass ihre Liebe allen Widrigkeiten würde trotzen können. Im zweiten Abschnitt wächst dann die Desillusion im Laufe der gemeinsamen Jahre, die Probleme, die alle Gefühle zu überlagern drohen. Und im letzten Abschnitt wird aus der Rückblende des nun alten Paul deutlich, wie sehr ihn diese eine große Liebe geprägt hat - über Resignation und Melancholie fand er letztlich seinen Frieden in einer großen Gleichgültigkeit.

Erzählt wird aus der Perspektive Pauls, wobei der Autor immer wieder wechselt zwischen 'Ich', 'Du' und 'Er' als Erzähler und damit auch eine wachsende Distanzierung vom Geschehen und den Gefühlen zum Ausdruck bringt. Die geschilderten Erinnerungen werden nicht chronologisch vorgebracht, sondern springen in den Zeiten. Dennoch setzt sich zusehends das Bild einer großen Liebe zusammen, die letztlich den Widrigkeiten des Lebens nicht gewachsen ist.


"Manchmal stellt er sich eine Frage über das Leben: Welche Erinnerungen sind wahrer, die glücklichen oder die unglücklichen?"


Gespickt wird die Erzählung um Paul und sein Leben mit philosophischen Anklängen über das Wesen der Liebe. Immer wieder fügt Julian Barnes Zitate über die Liebe ein - jedoch ohne Nennung der Urheber, da die Worte für sich stehen sollen. Gerade der letzte Abschnitt des Romans befasst sich schwerpunktmäßig mit solchen Lebensweisheiten, was mir in der Häufung jedoch ein wenig zu viel war, da dadurch Längen entstanden, die das Lesen etwas zäh gestalteten. Die sprachliche Versiertheit Barnes jedoch war für mich von vorne bis hinten ein Genuss.

Frank Arnold erfüllt seine Aufgabe als Sprecher der ungekürzten Hörbuchausgeabe (8 Stunden und 49 Minuten) auf angehme Weise. Ruhig und unaufgeregt folgt er dem langsamen Fluss der Erzählung, und vor allem die genannten Lebensweisheiten gewinnen dadurch an Prägnanz.

Kein Wohlfühlroman, aber eine leise, feine Erzählung, durchzogen von einem Hauch von Melancholie, gewürzt mit einem bittersüßen Humor und dazu angetan, das eigene Leben ein wenig Revue passieren zu lassen. Gibt es tatsächlich stets nur die einzige Geschichte?


© Parden

18 Leute fanden das hilfreich

Flocke und Schnurri Titelbild

Der Mondkristall...

Gesamt
4 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
4 out of 5 stars

Rezensiert am: 26.11.2017

In dem kleinen Dorf Luna wohnen die magischsten Katzen der Welt. Dort lebt auch der junge Kater Schnurri mit seiner Mutter Farina, die gleichzeitig die Dorfälteste ist und für alle Katzen Lunas eine große Rolle spielt. Schnurri ist derzeit etwas unzufrieden, denn immer noch ist er nur ein Zauberlehrling, der zwar einen schönen Zaubererumhang tragen darf, jedoch noch keinen Zaubererhut. Hätte er doch nur die letzte Prüfung an der Zaubererschule nicht versemmelt!

Und so darf er auch immer noch nicht an dem Ritual teilnehmen, das einmal im Monat stattfindet und so wichtig für das Dorf ist. Durch die Gemeinschaft der fähigsten Zaubererkatzen, zu denen auch Schnurris Mutter gehört, wird bei dem Ritual der mächtige Mondkristall aufgeladen, so dass die Schutzbarriere um das Dorf herum erneuert werden kann. Diese ist unbedingt erforderlich zum Schutz vor der bösen Hexe Morbia, die schon seit langem versucht, den Mondkristall in ihre Hände zu bekommen, um noch mächtiger zu werden.

Unzufrieden wie Schnurri ist, beschließt er, seiner Mutter zu beweisen, dass er trotz der verpatzten Prüfung gut genug ist. Heimlich übt er in einer Scheune einige Zaubertricks, doch plötzlich geschieht ihm ein Missgeschick. Aus Versehen zaubert er eine kleine Sattelrobbe herbei, die sich tüchtig erschreckt. Flocke heißt die kleine Robbe, die Schnurri bittet, sie schnellstmöglich nach Kaltland zurück zu zaubern - denn dort kommt sie eigentlich her. In seiner Not holt Schnurri schließlich den Mondkristall, denn mit dem mächtigen Stein wird es ihm doch wohl gelingen, den versehentlichen Zauber wieder rückgängig zu machen? Doch Schnurri bedenkt dabei nicht, dass er dadurch die Schutzbarriere um das Dorf zerstört. Und Morbia lässt in der Tat nicht lange auf sich warten...

Nachdem ich zu Halloween Band zwei der Reihe gelesen habe - Flocke und Schnurri: Verhextes Halloween - habe ich mich sehr gefreut, als ich die Möglichkeit erhielt, nun auch den ersten Band kennenzulernen. Und das als Hörbuch! Hier fehlen zwar die Bilder, die gerade bei Kinderbüchern eine schöne Untermalung des Textes sind, aber die Stimme von Andrea Frohn macht das allemal wieder wett. Sie haucht der für Kinder wirklich spannenden Geschichte Leben ein, verhilft jeder Figur zu einer eigenen Stimme und lässt durchblicken, mit wieviel Vergnügen sie selbst bei der Sache war. Die piepsigen Mäuse überzeugen da beispielsweise ebenso wie die eher rauere Stimme der kleinen Sattelrobbe Flocke - hier fand ich vor allem das typsiche Robbenheulen (-grunzen?) sehr gelungen.

1 Stunde 32 Minuten dauert das kindgerechte Hörvergnügen. Neben der bebilderten Printausgabe kann das Hörbuch gut bestehen und vermittelt Kindern neben der spannenden Geschichte auch lustige Szenen und die Erkenntnis, wie wichtig Freundschaft und Gemeinschaft gerade auch in schwierigen Zeiten sind.

Ein wirklich nettes Kinderbuch. Empfehlenswert!


© Parden

Von Naturgesetzen und menschlichen Beziehungen...

Gesamt
4 out of 5 stars
Sprecher
4 out of 5 stars
Geschichte
4 out of 5 stars

Rezensiert am: 10.10.2014

Auf diesen 1809 erschienenen Roman von Johann Wolfgang von Goethe bin ich aufmerksam geworden, nachdem ich im vergangenen Jahr "Vogelweide" von Uwe Timm gelesen habe und bei Besprechungen zu diesem Buch immer wieder auf die Parallelen zu Goethes 'Wahlverwandtschaften' gestoßen wurde.
Dieses Hörbuch in vollständiger Lesung mit Udo Wachtveitl erschien mir das geeignetes Medium, mich diesem Werk anzunähern...


Eduard und Charlotte konnten erst über Umwege und in fortgeschrittenem Alter ein Ehepaar werden, nachdem ihre vorherigen Ehepartner beide verstorben waren. Ihre Ehe beruht inzwischen vor allem auf einer tiefen Freundschaft, weniger auf einer großen Leidenschaft. Nun leben sie gutsituiert in einem Schloss mit großem Anwesen und
verbringen viel Zeit mit der sorgfältigen und durchdachten
Landschaftsgestaltung.
Da kommt es geradezu gelegen, als ein befreundeter Hauptmann beschließt, sie bis zu seiner nächsten Anstellung mit seiner Anwesenheit zu beehren, ist er doch sehr versiert darin, Landschaften zu vermessen.

Die Tage vergehen arbeitsreich und zufriedenstellend, und abends sitzt man stets noch lange gemütlich beisammen, bei geistreichen Gesprächen und dem gemeinsamen Lesen von Büchern.
An solch einem Abend kommt das Gespräch auch auf die 'Wahlverwandtschaften.' Als sie zu dritt beisammen sitzen, schneidet der Hauptmann das Thema
Naturwissenschaften an und erläutert, was man in der Chemie als
Wahlverwandtschaften bezeichnet. Der Begriff bezieht sich auf zwei
chemische Verbindungen, die sich auflösen, wenn sie zusammengebracht
werden und sich dann über Kreuz neu verbinden.



"Denken Sie sich ein A, das mit einem B innig verbunden ist, durch viele
Mittel und durch manche Gewalt nicht von ihm zu trennen; denken Sie sich
ein C, das sich eben so zu einem D verhält; bringen Sie nun die beiden
Paare in Berührung: A wird sich zu D, C zu B werfen, ohne dass man sagen
kann, wer das andere zuerst verlassen, wer sich mit dem andern zuerst
wieder verbunden habe."



Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass diese Naturgesetze nun auch auf die zwischenmenschlichen Beziehungen Anwendung finden sollen. Denn gleich darauf zieht auch Ottilie ins Schloss, ein Mündel Charlottes, die ihr in allerlei Haushaltsdingen zur Hand gehen soll. Es kommt, wie es kommen muss: Eduard nähert sich Ottilie an, und auch der Hauptmann und Charlotte kommen sich zusehends näher.

Vor allem Eduard ist von der Idee der 'Wahlverwandtschaften' überzeugt und glaubt, sie auf zwischenmenschliche Beziehungen übertragen zu können. Dabei bedenkt er jedoch nicht das enge Korsett der gesellschaftlichen Normen, die zu jener Zeit vorherrschten. Natur vs. Normen, Emotionalität vs. Vernunft - der Stoff, aus dem Tragödien geschrieben werden. Und so mutet das Ende denn auch an wie der Tradition einer griechichschen Tragödie verpflichtet...


Obwohl der Roman nun schon über 200 Jahre alt ist, fand ich ihn faszinierend. Die Geschichte an sich verlief sehr ruhig und war doch voller innerer Dramatik, und was Goethe 'nebenher' an Ausgestaltung anmerkt, bietet ein Füllhorn an Informationen, um sich wahrhaftig ein Bild machen zu können. Obgleich Zeit und Raum der Handlung nicht näher bezeichnet werden, ist die Geschichte natürlich im Rahmen der damaligen Zeit anzusiedeln.

Architektur, Literatur, das damalige Verständnis der Naturwissenschaften, Kirche und Obrigkeit, Stände, Kleiderordnung, Speisen und Tränke, Raumschmuck, Landschaftsgestaltung - alles kommt hier zur Sprache und bietet einen umfassenden Einblick in die gesellschaftlichen Zustände zur Zeit Goethes. Interessant fand ich auch die Anmerkung, dass vieles von dem, was Goethe hier an zwischenmenschlichen Verwirrungen skizzierte, ihm durchaus nicht fremd war.


Udo Wachtveitl liest den vollständigen Roman sehr ruhig und getragen, aber keineswegs langweilig, sondern dem langsamen Lesefluss angemessen.

Für mich ein interessanter Ausflug in vergangene Zeiten - und sicher nicht mein letzter!


© Parden

Hielt leider nicht, was ich mir davon versprach...

Gesamt
3 out of 5 stars
Sprecher
3 out of 5 stars
Geschichte
3 out of 5 stars

Rezensiert am: 17.09.2014

Im Schutz der Nacht zieht eine amerikanische Familie in ein Haus im malerischen Cholong-sur-Avre in der Normandie ein. Das Familienoberhaupt, Fred Blake, erzählt allen, er schreibe ein Buch. Seine Frau Maggie engagiert sich karitativ und ihre beiden Kinder gehen auf das örtliche Gymnasium. Auf den ersten Blick eine ganz normale Familie.
Aber Fred heißt in Wahrheit Giovanni Manzoni und war einer der ganz großen Mafia-Bosse in den USA, bis ihn das FBI erst ins Zeugenschutzprogramm, dann nach Frankreich verfrachtete. Doch da er sich nicht gut darauf versteht, sich unauffällig zu verhalten, ist in der neuen Heimat Ärger vorprogrammiert.

Die Geschichte entwickelt sich sehr gemächlich, so dass man nach und nach die einzelnen Familienmitglieder kennenlernen kann und ihre jeweils sehr spezielle Art und Weise, mit der besonderen Situation umzugehen. Dazu gehören irgendwie auch einige FBI-Agenten, die undercover in das Haus gegenüber eingezogen sind und nun alle Aktivitäten der Familie überwachen, und zwar Tag und Nacht. Zu der Familie gehört auch der Hund 'Malavita', der erstaunlicherweise aber kaum in Erscheinung tritt und meist nur als schlafendes Relikt im Heizungskeller sein Dasein fristet. Lediglich am Ende kommt 'Malavita' eine entscheidende Rolle zu, aber mehr wird hier natürlich nicht verraten.
Auch wenn die Blakes sich bemühen, keine Aufmerksamkeit zu erregen, liegt es doch in ihrem Naturell, dass genau dies immer wieder passiert. Tonino Benacquista beschriebt die Charaktere sehr facettenreich, so dass sich der Leser/Hörer wirklich ein gutes Bild machen kann. Allerdings erzählt der Autor zu fast jeder Person, die die Geschichte auch nur ansatzweise streift, zumindest ein wenig an Hintergrund, was für mich bei der Vielzahl doch zeitweise zu Langatmigkeit führte und mich teilweise auch den Überblick verlieren ließ. Durch Auszüge aus Giovanni Manzonis Memoiren erfährt man außerdem so einiges über die Vorgeschichte das Mafia-Bosses.

'Intelligent, witzig, temporeich und voll schwarzen Humors' habe ich in einer Beschreibung zu dem Buch gelesen. Leider ließ der Roman diese Attribute für mich nur wenig erkennen, was ich sehr bedauerlich finde. An Tempo ließ es der Roman in meinen Augen komplett vermissen, und über einzelne Schmunzler hinaus sprach mich der Humor jetzt auch nicht so sehr an.
Vielleicht liegt das in dem Fall tatsächlich auch an der gehörten Version. Der Sprecher (Gordon Piedesack) hat große Ähnlichkeit mit der Stimme von Christian Brückner, der u.a. die Synchronstimme von Robert De Niro darstellt - auch z.B. in dem Film 'Malavita'. Und diese Stimme kann nicht witzig vorlesen, sondern nur getragen und cool, und das hat Piedesack vollkommen verkörpert. Zusammen mit der Gemächlichkeit der Geschichte war mir das eben häufig leider zu langatmig und träge. Schade. Im Filmausschnitt redet de Niro außerdem oft doppelt so schnell und m.E. auch besser betont - etwas mehr Pepp hätte dem Hörbuch im Vortrag einfach gut getan.

Für mich hielt das Hörbuch daher leider nicht, was ich mir davon versprochen hatte. Aber als Verfilmung kann ich mir die Geschichte sehr gut vorstellen - und werde sie mir sicherlich auch bald einmal anschauen.


© Parden

Vielleicht ist dies das wahre Leben...

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
4 out of 5 stars

Rezensiert am: 18.05.2014

Konrad Lang lebt nunmehr seit sechzig Jahren von den Zuwendungen und Aufträgen der Schweizer Industriellen-Familie Koch, in Kindheit und Jugend eng verbunden mit dem Sohn der Familie, Thomas, gleich alt wie er. Aber auch als Erwachsener, wenn Thomas nach ihm verlangte, war Konrad stets zur Stelle.
In mittlerweile fortgeschrittenem Alter hütet Konrad eine Villa der Familie im Ausland während deren Abwesenheit - doch durch einen unglücklichen Umstand brennt das Anwesen komplett nieder. Konrad ist sich keiner Schuld bewusst, auch nicht als er der Brandstiftung angeklagt wird. Schließlich verzichtet Familie Koch auf eine Anklage und holt Konrad Lang in die Schweiz zurück.

Dort mehren sich allmählich die Probleme mit Konrads Kurzzeitgedächtnis, doch kann er diese zunächst kaschieren. Als er sie nicht länger verbergen kann, ergeben medizinische Untersuchungen eine klare Diagnose: Alzheimer. Elvira Koch, der betagten Mutter von Thomas, Haupt der Industriellen-Familie und unumschränkte Alleinherrscherin, kommt der zunehmende geistige Abbau Konrads sehr gelegen - bis sich herausstellt, dass durch den Verlust des Kurzzeitgedächtnisses seine Erinnerungen an frühere Zeiten immer stärker werden.
Elvira fürchtet, dass durch die zunehmenden Kindheitserinnerungen Korads Dinge aus der Vergangenheit wieder zutage kommen, die sie lieber für immer verschwiegen wissen will. Aus gutem Grund...

In seinem ersten Roman Small World präsentiert Martin Suter eine gelunge Mischung aus verwickeltem Familiendrama, medizinisch einfühlsamer Fallstudie über die Alzheimer-Erkrankung und nicht zuletzt einem Krimi. Kann so ein Buch fesseln?
Für mich ist die Antwort ganz klar: es kann! Zunächst schwebt lange die Frage im Raum: worauf will Suter eigentlich hinaus? Stück für Stück offenbart er Konrads Leben - anfangs spielt es in der Gegenwart, und erst als die Alzheimer-Erkrankung immer schlimmer wird, verschiebt es sich in die Vergangenheit. Die Spannung entsteht nicht so sehr durch die Krimi-Handlung, die ist eher nebensächlich. Es ist die Art, wie Suter schreibt - nüchtern, präzise, sehr gut recherchiert und trotzdem schön und leise, mit Bedacht und einer Prise Melancholie. Es ist die Art, wie sich Suter Gesellschaftsproblemen (medizinkritisch) nähert, immer auf der Suche nach unserer wahren Identität: "Vielleicht ist dies das wahre Leben...", lässt er so auch einen Arzt angesichts des schwer erkrankten Konrad Lang sinnieren.

Wie der Autor das Anschwellen des Vergessens beschreibt und später dann das Aufkeimen alter, längst verschüttet geglaubter Erinnerungen, das ist anrührend tragisch und unwiderstehlich humorvoll gleichzeitig, dabei unglaublich authentsich. Wenn sich das Ende nähert, ahnt man, was geschehen ist, welches das gut gehütete Familiengeheimnis ist, was aber überhaupt nicht stört, weil Suter seine Geschichte mit einem Augenzwinkern serviert. Teilweise lakonisch, teilweise amüsant, vor allem sezierend, wozu Menschen fähig sind.
Einzig das, was am Ende mit Konrad Lang geschieht, führte bei mir zu einem leichten Kopfschütteln. Wunschdenken kann man hier nur attestieren, zumindest derzeit - andererseits setzt Suter damit aber auch ein Hoffnungszeichen.

Obwohl es sich bei dem Hörbuch um eine gekürzte Fassung handelt, hat es mir ausgesprochen gut gefallen. Hervorragend wurde es gelesen von Dietmar Mues, gut betont und dem Schreibstil angemessen, m.E. die Idealbesetzung für diesen Roman.
Ein wirklich empfehlenswertes Hörbuch, sprachlich gelungen und mit einem überzeugenden Plot, einfühlsam und spannend und dabei die Untiefen menschlichen Lebens auslotend. Für mich ein wirkliches Hörvergnügen...

DIE WG MIT DEM KOMMUNISTISCHEN KÄNGURU...

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
5 out of 5 stars

Rezensiert am: 06.04.2014

Auch ich habe zugegriffen, weil es das Hörbuch nun ungekürzt gibt! Die gekürzte Fassung war schon witzig, aber in voller Länge fand ich es nun noch besser!

Ein Känguru als Mitbewohner klingt etwas bekloppt, und das ist es wohl auch. Doch die Dialoge zwischen Kling und dem ziemlich dreisten Beuteltier, das sich innerhalb weniger Tage in seinem Leben breit macht, sind einfach grandios. Albern, aber durchaus gesellschaftskritisch, vollkommen durchgeknallt, aber zum Schreien komisch.
Marc-Uwe Kling spielt mit einem kommunistischen Känguru Monopoly, schaut einen Blockbuster, entwirft Handytöne, nascht Schnapspralinen, philosophiert, besucht schwindsüchtige Psychiater oder eine Yuppie-Party - da kommt schon mancher Lacher zustande. Skurril auch die Geschichte, als die beiden einen Flug von Berlin Schönefeld nach Berlin Tempelhof nehmen, weil der 1 Euro billiger als die S-Bahn ist...

Gerade weil es sich hier um eine Live-Lesung handelt, kommt der Humor der Story, der Witz des Autors und Vortragenden perfekt rüber. Die Zuhörer, Geräusche und Lachen sind zwar zu hören, übertönen aber nie Klings Vortrag. Vielmehr wird man mitgerissen vom Gelächter und hat mehr Spaß als bei einer Studioaufnahme.
Wer Kabarett und den dementsprechenden Humor mag, liegt hier genau richtig. Und das Hören stelle ich mir in dem Fall durchaus amüsanter vor als das reine Lesen... Zumal es sich hier um eine vollständige Fassung handelt, man also im Vergleich zum Buch nichts verpasst.

Bitte mehr davon!


© Parden