PROFIL

Thomas Weigel

Heidelberg
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So tragisch ...

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
5 out of 5 stars

Rezensiert am: 07.04.2019

Ich bin Jahrgang 1970, ein Kind der Achtziger, habe mich aber schon früh musikalisch emanzipiert. Ich entdeckte Abba, dann Elvis, dann Joan Baez, dann Bob Dylan und alles was sich daraus ergab. Aber immer war ich auch offen für anderes, hörte schon mit 14 Duke Ellington, ging mit 17 auf ein Liza-Minnelli-Konzert, schätzte aber auch Georg Kreisler und und und. Nur die Carpenters entgingen mir. Die großen Hits liefen im Radio, waren aber kaum anzuhören, so steril, überproduziert, zuckersüß. Ich machte einen Bogen um das Geschwisterpaar. Mit 20 kaufte ich mir „Live at the Palladium“, weil ich „Jambalaya“ las, Hank Williams. Einmal reingehört und angewidert weggelegt.
Dann, vor einigen Jahren, hörte ich eines der ruhigeren Carpenterstücke und war fasziniert von Karens Stimme. Ich forschte nach und erfuhr mehr über das tragische Leben von Karen, die 1983 mit 32 Jahren an Anorexie starb. Die Stimme ließ mich nicht los …
Zum Buch: die kontrollierende Carpenterfamilie war das Problem, das zu Karens frühem Tod führte. Deshalb gab es vor diesem Buch nur einen Versuch, die Tragödie ernsthaft aufzuarbeiten, ausgerechnet als Kurzfilm mit Knetfiguren. Von der Familie juristisch bekämpft und deshalb heute nur noch in den Tiefen des Internets zu finden. Eine offizielle Filmbiographie verschwieg die wesentlichen Details. Randy L. Schmidt redete mit Richard Carpenter, wollte aber keine Zensur und erstellte sein Buch deshalb ohne Hilfe der Familie. Das war gut.
Es ergibt sich folgendes Bild: die Familie, vor allem die Mutter Agnes, war extrem kontrollierend und vergötterte den klavierspielenden Sohn Richard, der als Musiktalent gefördert wurde. Karen war pummelig und lief nebenher. Dennoch zeigte Karen ein noch ausgeprägteres Talent als ihr Bruder: sie brachte sich im Handumdrehen selbst das Schlagzeugspielen bei und sang so schön und sicher, dass sie die Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Bruder gründete mit der Schwester immer neue Bands, bis schließlich das Duo „The Carpenters“ die Easy-Listening-Welt eroberte mit glattgebügelten, durcharrangierten Coversongs und extra für sie geschriebenen Hits.
Karens Persönlichkeit: ich bin fasziniert von ihrem Talent und ihrer Stimme und wünschte, sie hätte einen Weg wie Linda Ronstadt gefunden, mit der sie viel gemeinsam hat. Leider scheint sie ein sehr flacher Charakter gewesen zu sein, der zufrieden war damit, überall fernzusehen (vor allem „I Love Lucy“) und den Bruder anzuhimmeln und sich nach einer eigenen Familie zu sehnen. Deshalb heiratete sie auch für wenige Monate einen Mann, der offensichtlich nur hinter ihrem Geld her war.
Karens tragische Krankheit: der Liebesentzug durch die Familie und die Bevorzugung des Bruders hatten pathologische Züge und trieben sie unweigerlich in ihre eigene Krankheit, die Anorexia Nervosa, die es Patienten ermöglicht, die Kontrolle über ihr Leben zu übernehmen. Schon mit Anfang 20 hörte sie auf, normal zu essen, war immer wieder kurz vor dem Tod und in Kliniken, aber sie schaffte es immer wieder, sich und andere zu täuschen, nahm Unmengen an Abführ- und Schilddrüsenmedikamenten und starb kurz nach einer vermeintlich erfolgreichen mehrmonatigen Therapie in New York.
Die Familie: Agnes vergötterte ihren Sohn, die Familie zog wegen seiner Karriere von Connecticut nach Kalifornien. Eine Szene beim Therapeuten in New York (die im ansonsten glatt gebügelten Biopic tatsächlich wiedergegeben ist): der Therapeut sagt: Sie müssen ihrer Tochter und Schwester sagen, dass Sie sie lieben. Richard ringt sich durch, aber Agnes schafft es nicht, ihrer Tochter zu sagen, dass sie sie liebt.
Die Kunst: Bis 1980 war Karen zufrieden damit, sich künstlerisch unterzuordnen. Sie lehnte auch alle Duettangebote ab, da sie das als Verrat am Bruder empfunden hätte. Es gibt nur Fernsehspecialduette, z.B. mit John Denver, aber die sind künstlerisch im Carpenter-Kitschstil. Doch dann, 1980, als Richard wegen seiner eigenen Quaalude-Sucht ausgeknockt ist, wagt sie es, mit Phil Ramone und der Band von Billy Joel und mit künstlerischer Beratung von Paul Simon ein richtig gutes Soloalbum aufzunehmen. Leider ein paar Disconummern drunter, war halt 1980, aber ein ernstzunehmendes Album. Alle waren begeistert bis auf die Familie, auch der Entdecker der Carpenters, Herb Alpert, gab sich unbeeindruckt. Das Album wurde ad acta gelegt und erst 1996 veröffentlicht, 13 Jahre nach Karens Tod. Bitte kaufen und anhören. Im Netz kursieren auch alternative Mixe von Carpenternummern ohne Richards Geklimper und Streicher. Was hätte aus dieser Frau alles werden können, ohne Richard und Agnes …
Ihre Stimme, neben der von Sandy Denny, die auch zu früh (mit 31, Karen war 32) starb, gehört zu den besten Frauenstimmen aller Zeiten.

Ein fundierter, ganz anderer Ansatz

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
5 out of 5 stars

Rezensiert am: 14.06.2016

Wow, kann ich nur sagen. Im Jahr 2014 und nach der zweibändigen definitiven Elvisbiographie von Peter Guralnick, was kann da noch neues kommen? Nun viel. Guralnick hat so ziemlich alles erzählt, was man aus Elvis‘ Sicht und aus der Sicht der Menschen, die direkt mit ihm zu tun hatten, sagen konnte. Deshalb wagt Williamson, selbst Jahrgang 1929 (sechs Jahre älter als Elvis) und emeritierter Geschichtsprofessor der University of North Carolina, einen ganz anderen Blick: nämlich den auf die Kultur, in der Elvis groß wurde. Das heißt, Williamson fragt sich: ist es Zufall, dass Elvis in Memphis und dem Süden die Elvismania auslöste? Nein, ist es nicht. Die Teenagermädchen hatten keine Väter (die waren im Krieg gewesen und zum Teil nicht zurückgekommen), dafür aber baptistische Sexualmoral, unterdrückte Bedürfnisse. Deshalb sahen sie Elvis als Ventil für ihre sexuelle Frustration. Für mich völlig schockierend zu erfahren: so funktionierte Religion im Süden. Die allseits beliebten Gospelquartette schickten codierte sexuelle Signale – enge Kleider, zum „Himmel“ weisende Zeigefinger und empfingen hinterher die weiblichen Fans zur „Konzertnachbesprechung“. Und zur Kirche ging man nur, wenn man auf dem Land wohnte. Als die Presleys nach Memphis ziehen, ist es mit der Religiosität vorbei.
Warum war die Mutter, Gladys, so dominant? Weil Vernon, der Vater, schwach war und fünfzehn Monate im Gefängnis. Da kommen dann aber Längen auf: Williamson spinnt Geschichten, wie wohl ein Tag im Gefängnis für Vernon ausgesehen hat, angstvoll, als schöner Mann vergewaltigt zu werden. Wie der kleine Elvis mit der Mutter zu Besuch kam und auf der Rückfahrt auf Mamas Schoß einschlief. Interessant einzelne Details: Vernon kam auf Bewährung frei, musste sich aber den Autoritäten gegenüber unterwürfig verhalten, ein Verhalten, das Elvis zeitlebens zeigte. Ach ja, Vernon verprügelte die alkoholkranke Gladys regelmäßig.
Sehr interessant: Williamson zeichnet sehr anschauliche Bilder der Gesellschaftsstruktur des Südens. Als die Presleys in Memphis endlich eine Sozialwohnung in den Lauderdale Courts bekommen, leben sie in einer Rassengetrennten Nachbarschaft. Williamson erklärt schön, wie das Zusammenleben zwischen Schwarz und Weiß funktionierte. Und er hat Zugang zu den Akten des Sozialamtes, wo Familie Presley ausführlich beurteilt wird.
Williamson erzählt Elvis‘ Leben nicht chronologisch, sondern thematisch (girls, young girls, finances, Las Vegas …) und er ordnet diese Themen ein, bewertet sie. Priscilla ist für Williamson Elvis‘ feminines Alter Ego – er selbst schminkt sich weiblich, sie wird passend zu ihm geschminkt, Haare schwarz, Augen betont. Letztlich war sie ein Mutterersatz – er selbst färbte sich die Haare ja, um auszusehen wie Mama Gladys. Er erzählt unappetitliche Details (außer um Lisa-Marie zu zeugen, schlief Elvis nie mit Priscilla, sondern sie musste Doktorspielchen mit ihm machen oder, noch schlimmer, mit anderen Frauen für Sexfilmchen posieren, die er filmte). Wir erfahren interessante Details: Elvis ging nie wählen, er legte nie Geld an. Er war nie zum Essen bei anderen Menschen, weil er Angst hatte, als ungebildeter einfacher Junge die Dinnergespräche nicht zu bestehen (hier hätte der Bericht vom Besuch der Beatles in Bel Air gepasst – weil Elvis nur mit Frauen reden konnte, spielten die Beatles mit den Bodyguards von Elvis Billiard). Er lebte in seiner eigenen Welt, bestehend aus: Familie (die in diversen Wohnwägen auf dem Gelände von Graceland lebte), Boys (die Memphis Mafia, seine bezahlten Freunde) und junge Mädchen (jung heißt möglichst 14 und jungfräulich). Ältere machten ihm Angst.
Dass Elvis ein Tyrann war, der sich für Fehlverhalten (z.B. Schießunfälle mit Personenschaden) nicht persönlich entschuldigen konnte, nur, indem er Autos als Geschenk schickte, wusste ich bereits von Guralnick. Er war paranoid: keine der Frauen, die ihm zu Diensten waren (immer noch nur Doktorspielchen), durfte andere Männer anschauen. Sogar den eigenen Vater verdächtigte Elvis des Betrugs.
Elvis‘ Tod kommt gleich am Anfang sehr ausführlich – während Guralnick sich um die Hinterbliebenen kümmert, geht es bei Williamson um den Tod und die Todesursache, die Autopsie, die Ergebnisse. Dass Elvis letztlich an Tabletten starb, ist unbestritten, ob es dann die Codeinallergie war (falsche Tabletten geschluckt) oder der Mann auf dem Klo für seinen verstopften Darm zu sehr drückte, ist dann fast egal.
Ein Ereignis kommt immer wieder: der Auftritt 1954 in der Overton Shell, als Elvis zum ersten Mal bezahlt wurde und feststellte, welche Wirkung er auf Frauen hatte. Das ist der Bezugspunkt für Williamsons Analysen.
In der zweiten Hälfte des Buches verliert Williamson seine große Analyse aus den Augen und hakt nur noch einzelne Themen ab: Guns, Badges, Death Threat etc. Da steht dann zum Beispiel, dass Elvis auch Polizisten mit Autos bestach, um echte Dienstmarken zu bekommen.
Fazit: ein trostloseres Leben ist kaum vorstellbar.

1 von 1 Hörern fanden diese Rezension hilfreich

Die Bildzeitung unter den Biographien

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
4 out of 5 stars
Geschichte
4 out of 5 stars

Rezensiert am: 05.12.2015

Ich habe die Biographie 2001 gelesen, als sie rauskam und jetzt, 2015, habe ich die aktualisierte Version als Hörbuch gekauft und gehört. Howard Sounes' Biographie ist auf jeden Fall eine wichtige im Kanon der Dylanbios, aber sicher nicht die definitive. Das bleibt vermutlich die von Clinton Heylin. Heylin ist ein echter Musikkenner, der versucht, Dylan musikalisch einzuordnen. Sounes ist mehr der Sensationsjournalist. Wer einfach mal die Dylanchronologie auf die Reihe bekommen will, ist mit Sounes gut bedient. Man wird an der Hand genommen und einmal durch das Leben Dylans hindurchgeführt. Man weiß, wann Dylan wo war und was er getan hat.
Wo ist das Problem? Nun, Sounes versucht nicht, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Man könnte sagen: die wichtigen Daten übernimmt er aus anderen Büchern, gibt sie kurz wieder und füllt dann seine Seiten mit dem, was er selbst recherchiert und in Interviews herausgefunden hat. Das ist manchmal sehr interessant (Sounes hat als erster Dylans zweite Ehe 1986 bis 1991 und die daraus erwachsene Tochter Desiree aufgedeckt), manchmal aber peinlich unwichtig. Jeder, der irgendeine belanglose Episode zu erzählen hat, kommt ausführlich zu Wort. Man erfährt, dass Dylan bei Shoppingtrips Sonderangebote bevorzugt. Der juristische Kampf gegen eine Stalkerin der 90er Jahre wird minutiös geschildert. Man erfährt, in welchen Phasen Dylans Haus in Point Dume gewachsen ist und was die Behörden dazu sagten. Man erfährt auch, dass Dylan ein ordentlicher Womanizer vor dem Herrn war und mit jeder Backgroundsängerin was hatte, meistens mehrere Freundinnen gleichzeitig.
Was fehlt? Die Musik. Es werden zwar Sessions und Alben und Songs aufgezählt, aber so knapp, dass eigentlich alles fehlt. Die Namen der Musiker, die Bedeutung der Songs, der Alben, die Musik eben. Sounes pickt einfach zwei Songs pro Album heraus und paraphrasiert sie in schöner indirekter Rede. Paraphrasierung ist keine Interpretation oder gar Einordnung. Beispiel "Senor" (meine Übersetzung): "In Senor beschwört er den Senor, eine Messiasartige, rätselhafte Figur, ihm den Weg zu weisen, voller Angst vor dem Ort, an dem er sich befindet." Soviel hab ich auch verstanden.
Fazit: Bei Sounes holt man sich das Gerüst, bei Heylin die Einordnung, dann passt das. Wenn man noch tiefer in die Songstruktur eintauchen will, gibt's auch noch Paul Williams. Eine Biografie reicht eh nicht.

1 von 1 Hörern fanden diese Rezension hilfreich