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Radix

Halle (Saale)
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Der Altkanzler als Mädchenmörder?

Gesamt
4 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
4 out of 5 stars

Rezensiert am: 05.07.2016

Fehlt nur noch die charakteristisch-dröhnende Lache und die „Gerd-Show“ wäre perfekt. Der Hauptverdächtige klingt in diesem Hörbuch ein wenig nach Gerhard Schröder – denn Sprecher Michael Schwarzmaier hat hörbar mehr drauf als die bayrische Sprachfärbung.

Aber Entwarnung: Als mutmaßlicher Mädchenmörder wird in Andreas Föhrs Krimi „Eisenberg“ nicht der viermal verheiratete Altkanzler verhaftet, sondern ein obdachloser Ex-Professor aus Göttingen. Die Trennung von seiner Frau hatte den Physiker einst aus der Bahn geworfen. Jetzt wird seine DNA auf der Leiche einer übel zugerichteten toten Studentin gefunden. Klare Sache. Ein Fall für Strafverteidigerin Rachel Eisenberg.

„Eisenberg“ ist Gerichtskrimi und ein klein wenig auch Psychothriller. Es geht ums Verlassen und verlassen Werden. Staranwältin Eisenberg etwa wurde von ihrem Mann wegen einer Jüngeren sitzen gelassen und stürzt sich nun in den publicityträchtigen Fall. Dabei erlebt sie eine Überraschung, sie kennt den Beschuldigten. Er war vor der Ehe ihre große Liebe – bevor sie ihn verlassen hatte.

Mit solchen überraschenden Wendungen sorgt Föhr immer wieder für Spannung. Eine Achterbahnfahrt für die Anwältin. Allerdings bemüht der Autor für diesen Plot mehr als einmal den Zufall. Außerdem lässt er die eine oder andere Frage unbeantwortet, die sich der aufmerksame Hörer unterwegs so stellt. Nicht alle angebotenen Erklärungen sind wirklich schlüssig. Die zunächst erzählte Parallelhandlung ist als Vorgeschichte lange nicht erkennbar. Die Figurenzeichnung bleibt bisweilen genretypisch eher comichaft oberflächlich: So trifft Eisenberg beispielsweise auf voreingenommene Ermittler, einen arroganten Oberstaatsanwalt und die herrische Richterin …

Wer sich von solchen Pingeligkeiten nicht stören lässt, bekommt in "Eisenberg" einen soliden Krimi: einige witzige Einfälle, mit einem Schuss Münchner Schickeria, nicht übermäßig blutig und brutal. Gut zu hören, insgesamt vier Sterne. Nicht alle Szenen und Figuren sind für die Handlung von Belang. Sie dienen offensichtlich dazu, hier Föhrs neue Krimireihe zu begründen. Und warum auch nicht? Rachel Eisenberg und Co. haben Potenzial für weitere Spannung.

Wenn der amerikanische Traum zerbröselt

Gesamt
4 out of 5 stars
Sprecher
4 out of 5 stars
Geschichte
4 out of 5 stars

Rezensiert am: 10.04.2016

Ein weiteres Hörbuch aus Harlan Cobens – inoffizieller Vorschlag – „Suburbia“-Reihe: Es geht darum, wie das Verbrechen in eine vermeintlich intakte Vorstadtwelt eindringt und sich ein Durchschnittsbürger als Held wider Willen mit aller Kraft dagegen stemmt.

Diesmal verschlägt es den Hörer ins fiktive Cedarfield im Speckgürtel von New York: gepflegte Vorgärten, nette Häuser, darin perfekte Familien mit erfolgreichen Vätern, schönen Müttern, Kindern im Sportverein auf dem Weg zu Stipendium und Elite-College sowie putzigen Hunden. Nüchtern, geradezu lakonisch offenbart Coben die Abgründe hinter den Fassaden in seinem gekonnt dichten, detailreichen und bisweilen sarkastischen Stil.

Adam Price ist ein solcher Vorzeige-Vorstand-Vater. Eines Tages enthüllt ihm ein Fremder, dass Adam von seiner Frau belogen und hintergangen wurde. Zur Rede gestellt verschwindet sie daraufhin spurlos. Adam will um seine Ehe kämpfen und macht sich auf die Suche. Spannung entsteht hier vor allem durch immer neue, überraschende Wendungen auf dem Weg zum Showdown. Coben ist ein Meister des Surprise, auch wenn er manche Frage, die einem beim Zuhören so beschleicht, erst recht spät beantwortet – die eine oder andere auch gar nicht.

Spannung entsteht ebenfalls durch Parallelhandlungen, in denen die Zuhörer den Fremden bei weiteren Enthüllungen begleiten und deren Folgen hautnah miterleben. Wer an einem Thriller Blut, Tod und Gewalt schätzt, muss lange warten. Und wer die Beschreibung abgefeimter Brutalität mag, dürfte sogar enttäuscht werden. Bei „Ich schweige für Dich“ liegt der Schwerpunkt auf Figuren, Motiven und Hintergründen.

Cobens Erzählkunst lässt sie plastisch werden: den Anwalt der Entrechteten, den moralinsauren Weltverbesserer, Everybody’s Darling von nebenan, die gefallene Vorstadt-Schönheit, den scheinheilig-religiösen Erfolgsunternehmer, den guten wie der bösen Cop – nur eine Auswahl … Klar, für US-Serienfans sind das alte Bekannte. Aber Coben findet eine spannende Mixtur und beschreibt die Grautöne. Kein Held ist strahlend weiß und kein Schurke tiefschwarz.

Am Ende werden sogar die Zuhörer zu Komplizen gemacht – zumindest jene unter ihnen, die zu Adam halten. Die Moral von der Geschichte: Wenn’s ans Eingemachte geht, biegt sich jeder seine Wahrheit zurecht. Und ein wenig warnt Coben auch vor allzu arglosem Umgang mit Internet und sozialen Medien.

Detlef Bierstedt bewältigt die Aufgabe routiniert. Seine Stimme verfügt über genug Nuancen, um die Figuren lebendig werden zu lassen: gelungenes Kopfkino. Vereinzelt überzieht er für meinen Geschmack bei der Modulation ein wenig. Aber Sprecherleistung ist immer Ansichtssache.

Fazit: kein typischer Coben in Sinne von „kennt man einen, kennt man alle“. „Ich schweige für Dich“ ist ein Thriller, der einen fesselnden Plot und weniger harte Action bietet. Facettenreich – mit kleineren Ungereimtheiten – erzählt und im Großen und Ganzen solide gelesen.

Wem Hintergründe gleichgültig sind, wird Längen bemängeln. Aber wer sich für die US-Gesellschaft interessiert, bekommt eine Milieustudie mitgeliefert. Der amerikanische Traum der weißen Mittelschicht zerbröselt, daraus entstehen nicht nur Spannung(en) und Kriminalität – es könnte auch erklären, warum ein Trompeter mit sehr einfachen Melodien momentan so erfolgreich ist (Stand April 2016).

1 von 1 Hörern fanden diese Rezension hilfreich

Gleichzeitig Politthriller und Zeitreise

Gesamt
4 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
4 out of 5 stars

Rezensiert am: 26.03.2016

Michael Dobbs führt den Leser in „House of Cards“ zurück in das London der 1990er Jahre. Ja, die Vorlage für den gleichnamigen Netflix-Welterfolg dürfte für dessen Kenner vor allem für die Suche nach Parallelen und Unterschieden spannend sein.

Ansonsten ist dieses Buch eher für jene Krimifans hörenswert, die sich für das britische Regierungssystem interessieren, Spaß an ein wenig Mediensatire über das Vor-Internet-Zeitalter haben und Intrigen oder Verschwörungstheorien mögen. Die Psychologie bleibt hier eher an der Oberfläche, die Handlung enthält wenig Gewalt, zurückhaltende Sexszenen, zunächst nur politischen Mord – und erst gegen Ende auch Tote.

1989 noch vor dem Rücktritt der „Eisernen Lady“ Maggie Thatcher als britische Premierministerin geschrieben, handelt „House of Cards“ von der Nach-Thatcher-Zeit – war bei Veröffentlichung also eine Zukunftsvision. Der Protagonist Francis Urquhart, „Whip“ (so etwas wie der Fraktionschef) der Konservativen, wird nach einer knapp gewonnen Unterhauswahl bei der Regierungsbildung übergangen und rächt sich an Thatchers fiktiven Nachfolger. Er bedient sich dazu eines drogenabhängigen Parteifunktionärs und einer ehrgeizigen politischen Journalistin, die diese Verschwörung gleichzeitig aufdecken will.

Dobbs lässt sich Zeit mit der Entwicklung der Handlung. Die Spannung entsteht aus der Beschreibung der Winkelzüge Urquharts und der Frage, ob und wann ihm jemand auf die Schliche kommt und das Kartenhaus in sich zusammenfällt. Und genau hier liegt gleichzeitig eine Schwäche des Plots: Der Intrigant scheint ein wenig von der Naivität seiner Gegenspieler zu profitieren – obwohl er sich doch eigentlich im politischen Haifischbecken Westminster befindet ...

Die Figurenzeichnung erinnert wie in manch anderem Thriller eher an einen Comic: Die Personen agieren ganz im Hier und Jetzt, die Hintergründe – zum Beispiel ein Vater-Sohn-Konflikt – sind eher plakativ als hintergründig.

Einen besonderen Reiz bezieht "House of Dards" aus Dobbs‘ britischem Humor. So stehen am Beginn jedes Kapitels Weisheiten Urquharts. Einmal erklärt er, dass der Begriff Politik (englisch: politics) aus dem Griechischen kommt: „poli“ bedeutet „viel“ und ein Tic sei eine Nervenstörung. Grandios.

Am besten sind Hörbücher immer dann, wenn der Sprecher nicht auffällt, etwa weil er die Akzentuierung übertreibt. Deshalb Lob für Erich Räuker, seine Stimme passt und er liest „House of Cards“ sehr ordentlich vor.

Fazit: Dieses Hörbuch ist als Thriller kein Muss, bietet aber einen intelligenten Blick auf Politik und Medien – insgesamt vier Sterne. Der Autor hat übrigens noch zwei Fortsetzungen geschrieben. Mal sehen, ob Audible die auch als Hörbucher anbieten wird (Stand: Ende März 2016).

7 von 7 Hörern fanden diese Rezension hilfreich