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querbeet

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Es hat sich ausgemonstert!

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
5 out of 5 stars

Rezensiert am: 24.11.2017

Ein würdiger, sehr spannender Abschluss der Hörspiel-Trilogie. Ivar Leon Menger ruht sich nicht auf den Vorgänger-Teilen aus, sondern schraubt noch mal an der Erzählstruktur, pusht seine Charaktere und zieht den Spannungsbogen an. Mehr Tote, mehr Monster treiben dem Abschlussteil die Gemütlichkeit fast gänzlich aus, aber das funktioniert. Wenn man sucht, findet man Kleinigkeiten zum Kritisieren. Aber mal ehrlich: Die gesamte „Monster 1983“-Trilogie mit ihrem 80er-Charme und dem unterhaltsamen Monster-Mystery-Mix war eine derart gute Idee, mit so viel Herzblut der Autoren und in bester Hörspielqualität umgesetzt – wer WILL das wirklich kritisieren? Bleibt zu hoffen, dass Ivar Leon Menger noch mehr so geniale Einfälle hat.

Endlich zurück in Harmony Bay!

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
5 out of 5 stars

Rezensiert am: 13.11.2016

Staffel 2 von MONSTER 1983 nimmt die ganzen wunderbaren Zutaten aus Staffel 1 – Figuren, Sprecher, Atmosphäre, Musik, das Monster, viele Fragen – und knüpft nahtlos daran an. Die vielen offenen Fragen aus Staffel 1 werden fast ausnahmslos und sehr gewissenhaft beantwortet. Dafür tauchen ein paar wenige, aber wichtige neue auf. Das Sprecherensemble macht wieder einen ausnahmslos großartigen Job, die Hörspielatmosphäre ist hochwertig, die Musik bleibt im Ohr, und das Ganze ist so unterhaltsam, dass die knapp 10 Stunden viel zu schnell vorbei gehen.

Wenn man hier etwas kritisieren will, dann muss man schon mit der Pinzette ran. Mit anderen Worten: Eine richtig runde, wohlige Hörspielangelegenheit mit sachtem Gruselfaktor. Perfekter konnte man Halloween dieses Jahr wirklich nicht verbringen.

Grandios. Klar. Einfach.

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
4 out of 5 stars

Rezensiert am: 12.06.2016

EIN GANZES LEBEN ist eins von diesen kleinen Büchern, in die man viel hineinlesen kann. Man kann es aber auch lassen, und genau diese sture, nicht hinterfragende Einstellung, die die Hauptfigur Andreas Egger durch ein einfaches Leben trägt, als (Nicht-)Botschaft dieser Erzählung verstehen. Um dann die karge, klare und schöne Sprache Seethalers zu genießen und ein langes Bergleben staunend vor sich vorübergleiten zu lassen. Ulrich Matthes‘ großartige, unaufgeregte und dennoch vereinnahmende Lesung verleiht der kurzen Erzählung unglaubliches Gewicht.

Starker Bösewicht, schwacher Fall

Gesamt
3 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
3 out of 5 stars

Rezensiert am: 16.05.2016

Der bisher schwächste Fall für Kommissar Zorn und seinen inzwischen zum Chef beförderten Sidekick Schröder. Dafür allerdings ein Bösewicht, der über lange Zeit in einem Kammerspiel mit seinem Opfer morbide Freude bereitet. Dabei geht es ungewöhnlich unblutig aber nichtsdestotrotz schon mal schaurig zu.

Die Freundschaft zwischen Zorn und Schröder wird diesmal durch ein Stimmungstief auf Seiten Zorns und durch die verschobene Hierarchie auf die Probe gestellt, und der Humor muss deshalb mal zur Seite treten.

Ein Glanzstück ist und bleibt die Performance von David Nathan. Dass der bei seiner derzeitigen Vielbeschäftigung als Deutschlands wohl beliebtester Sprecher nicht auch nur eine Sekunde abgeschliffen oder runtergespult rüberkommt, erstaunt mich immer wieder aufs Neue. Auch hier.

Ich werde Zorn & Schröder treu bleiben, aber fürs nächste Mal muss Ludwig sich in Sachen Krimihandlung wieder mehr einfallen lassen. Und ich frage mich, in welche Richtung er Zorn und Schröder sich jetzt noch entwickeln lassen kann. Das wird nicht einfach.

Reise in die Vergangenheit

Gesamt
4 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
3 out of 5 stars

Rezensiert am: 13.05.2016

Die gewohnten Stärken und Schwächen der Cormoran Strike-Reihe (Ausführlichkeit, Länge, tolle Figuren, Detektivarbeit nach alter Schule) paaren sich diesmal mit ungewohnter Blutigkeit (abgetrennte Körperteile) und verstörenden Momenten. Über Strike und Robin erfahren wir interessante Dinge aus der Vergangenheit, und weiterhin beobachten wir neugierig, wie sich seine Beziehung zu ihr entwickelt. Währenddessen regt ihr Verlobter weiterhin einfach nur auf. Hat sich irgendwo in Deutschland eigentlich schon ein Anti-Matthew Club gegründet, dem man beitreten kann?

Der Sprecher, Robert Glenister, ist spitzenklasse. Tolle geschliffene Erzählstimme, in der wörtlichen Rede überzeugende lokale englische Dialekte. Cormoran Strike hört sich aus seinem Munde genauso erdig und breitschultrig an, wie ich ihn mir vorstelle.

Die Koma Cops und die Sache mit der Rache

Gesamt
4 out of 5 stars
Sprecher
4 out of 5 stars
Geschichte
4 out of 5 stars

Rezensiert am: 02.06.2015

Zum Sprecher:

Ohne Martin Keßler’s knochentrockenen Erzählton kann ich mir kein Paul Cleave Hörbuch mehr vorstellen. Der lakonische Plauderton, in dem Keßler die brutalsten Szenen schildert, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, macht viel vom unterkühlten ‘Charme’ dieser Thriller aus. Allerdings ist Keßler ein Sprecher, der wenig Variation in der Stimme hat. Für männliche Figuren hat er genau eine Stimme, und für weibliche genau eine andere. Das hört sich cool an, und die Frauenstimmen sind glaubhaft, aber man muss schon gehörig aufpassen, wer gerade spricht. Das Verwechslungspotenzial ist hoch. Was, wenn zwei so ähnliche Typen wie Tate und Schroder zusammen vorkommen, manchmal schwierig ist.

Fazit:

Noch ein kaltschnäuziger Thriller von Paul Cleave zum Thema ‘Selbstjustiz’. Diesmal ohne den durchgeknallten Joe, dafür mit beiden Christchurch-Cops in derselben Geschichte: Theodore Tate und Carl Schroder. Und mit einem alten Bekannten als Killer. Die Emotionen schlagen hoch, die Sorge um mehrere Figuren ist bedrückend. Der Plot ist – bis auf eine eher nervende Ermittlung in der Ermittlung – eiskalt unterhaltsam. Der Schluss allerdings ist vorhersehbar, und ein arg konstruierter Zufall nimmt dem Showdown etwas die Würze. Und bewahrt Paul Cleave davor, eine endgültige Entscheidung zu treffen, die ich gerne gesehen hätte.

Gaiman's wundervoller Kosmos

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
4 out of 5 stars

Rezensiert am: 20.03.2015

Neil Gaiman's dritte Anthologie voller Kurzgeschichten und Freiform-Gedichte, die die ganze Breite und Tiefe seines Kosmos präsentieren. Dazu ein Vorwort, dass mindestens ebenso spannend ist. Bizarr, düster, komisch, fantasievoll, wärmend und originell - für jeden ist etwas dabei, wenn man bereit ist, die Grenzen der Realität in alle Richtungen ein bisschen zu überschreiten, ohne sie aus den Augen zu verlieren.

Für mich gleichwertig mit SMOKE AND MIRRORS, der ersten und bisher besten Sammlung, und von Neil Gaiman höchstpersönlich ebenso leichtfüßig wie intensiv vorgetragen.

Ein echter Spätzünder

Gesamt
4 out of 5 stars
Sprecher
4 out of 5 stars
Geschichte
3 out of 5 stars

Rezensiert am: 09.11.2014

Was hat Ihnen das Hörerlebnis von Zorn: Wie sie töten besonders unterhaltsam gemacht?

Die Männerfreundschaft zwischen Zorn und Schröder entwickelt sich auch in Teil 4 der Serie weiter. Aus dem grellen Slapstick ist leiser Humor geworden, und auch, wenn der Fall an sich diesmal recht simpel ist und spät in Fahrt kommt, kommt doch noch Spannung auf. Man hängt an diesen Kerlen und möchte, dass sie da unbeschadet rauskommen.

Würden Sie sich jetzt auch für ein anderes Hörbuch von Stephan Ludwig interessieren? Warum oder warum nicht?

Ja, sicher. Der Mann kann denkwürdige Charaktere erschaffen und gut unterhalten. Das kann ich mir sogar in einem ganz anderen Genre gut vorstellen, z.B. einem Roman.

Wie hat Ihnen David Nathan als Sprecher gefallen? Warum?

David Nathan war wie immer fehlerlos, ein Voll-Profi. Allerdings kann er seine Stärken aufgrund der relativen Ereignislosigkeit und fehlenden Komplexität der 1. Hälfte des Hörbuchs erst in der 2. richtig ausspielen. Da kommen mehr Spannung und Emotionen rein, und Nathan kann hier seine Stärken besser ausspielen.

Hätten Sie das Hörbuch am liebsten in einem Rutsch durchgehört?

Dieses ja. Es ist vom Thema her relativ 'leicht', und man braucht keine Pausen, um sich zu sortieren. Das perfekte Hörbuch für eine lange Autofahrt, z.B. in den Urlaub.

Was wäre für andere Hörer sonst noch hilfreich zu wissen, um das Hörbuch richtig einschätzen zu können?

Es ist diesmal kein Whodunit, also nichts für Hörer, die einen intelligenten Thriller zum Mitraten möchten. Das hier ist eher wie ein guter 'Tatort', mit einem schlichten Fall und einem sympathischen Gespann à la Schimanski & Thanner.
Die Zorn-Reihe hat weniger mit Brillianz oder Tiefgang zu tun, als viel mehr mit Typen und guter Unterhaltung.

Vorsicht: Zu witzig für's Autofahren!

Gesamt
5 out of 5 stars
Sprecher
5 out of 5 stars
Geschichte
4 out of 5 stars

Rezensiert am: 12.07.2014

Crystal's in überschaubare Kapitel verpackte Anekdoten über unvermeidliche Alterserscheinungen und wie man sich damit arrangiert sind derart witzig, dass ich dieses Hörbuch nach den ersten Versuchen lieber nicht mehr mit ins Auto nehme. Ich muss so heftig lachen, dass mir die Tränen kommen,und zwar ständig. Crystal's Humor ist originell, charmant, dabei absolut bodenständig und unverblümt. Es wirkt auch nie gekünstelt. Man glaubt ihm jedes Wort, und das macht für mich bei einem Komiker den großen Unterschied. Unter seinen Witzen über das Alter stecken natürlich auch traurige Wahrheiten. Es ist nicht lustig, immer vergesslicher zu werden, körperlich abzubauen und das Ende des Lebens immer näher rücken zu sehen. Aber Crystal stellt sich dieser Herausforderung mit Bravour, Selbstironie und Akzeptanz statt Resignation.

Zwischen den Comedy-Kapiteln berichtet Crystal chronologisch über sein Leben und seine Karriere, von der Kindheit bis heute. Diese Kapitel sind unterhaltsam, und Crystal's Weg kreuzt sich mit einer Menge berühmter Persönlichkeiten aus Showbusiness und Sport. Der Spaßfaktor ist in diesen Abschnitten weniger vorhanden, aber immer noch da. Wer gerne Autobiographien liest, wird sich auch hier nicht langweilen. Ich persönlich kann manchmal mit der Verklärung und Glorifizierung der eigenen Höhepunkte nicht so viel anfangen. Das ist vielleicht auch eine eher amerikanische Mentalitätssache.

Emotional nehmen mich dann aber die Schlusskapitel doch noch sehr mit. Als Crystal davon spricht, wie die Kinder aus dem Haus gehen, und wie er seine erste Tochter zum Altar führt, fange ich an zu heulen. Das hat mir mir selbst, aber genauso viel mit Crystal's hoch glaubwürdiger Vortragsart zu tun. Ein Komiker, der auch ernsthafte Töne so authentisch anschlagen kann, ist etwas Besonderes.

Eine Runde Sache also.

Fairerweise möchte ich erwähnen, dass die Live-Kapitel viel lustiger sind als die im Studio aufgenommenen, aber nur ca. ein Viertel des Hörbuchs ausmachen. Das bestätigt natürlich nur Crystal's umwerfendes Talent, vor Publikum aufzutreten.

Der Humor ist manchmal auch derbe. Wenn Crystal z.B. Sex mit 25 und Sex mit 65 vergleicht, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Ich finde das erfrischend ehrlich und lache mich schlapp. Manch einer mag es zu profan finden.

Man muss übrigens nicht selbst 65 sein, um 'Still' foolin' 'em' zu mögen. Wer die 35 schon überschritten hat und sich mit ersten Fältchen und grauen Haaren rumplagt, wird das Hörbuch mögen. Als Grundregel sollte man sich zumindest an die 8oer noch erinnern können. Sonst kann man mit den vielen Promi-Namen aus 'alter Zeit' nichts anfangen, und die autobiographischen Kapitel werden dann langweilig.

Zum Sprecher:

Billy Crystal ist ein begnadeter Entertainer. Wenn er in den Live-Kapiteln nur den Mund aufmacht, liegen die Leute schon vor Lachen am Boden. Und man selbst mit ihnen. Er hat perfektes Timing für dramatische Pausen, für Lautstärke, für patzige Hysterie und dann auch wieder für die nachdenklichen Töne. Unerwartet bringt er mich mehrfach fürchterlich zur Rührung.
Das ist mal so ein Fall, wo ich es für unmöglich halte, eine übersetzte Hörbuchversion mit einem anderen Sprecher zu fabrizieren. Es ist Billy Crystal's Buch, und das kann auch nur er so vorlesen.

The Rosie Project Titelbild

Schöne Geschichte, einseitige Autismus-Klischees

Gesamt
4 out of 5 stars
Sprecher
4 out of 5 stars
Geschichte
3 out of 5 stars

Rezensiert am: 11.06.2014

Es ist Monate her, dass ich The Rosie Project zuende gehört habe. Und ich habe mit mir gerungen, ob ich überhaupt eine Rezension dazu schreiben soll. Ob ich das kann. Ob ich genug trennen kann zwischen persönlicher Erfahrung und einer fiktiven Geschichte, um auch nur annähernd objektiv zu sein. Nun, der Abstand ist inzwischen groß genug, um ein paar Worte zu diesem Hörbuch zu sagen.

Seht ihr, The Rosie Project ist eine unterhaltsame Liebesgeschichte. Es geht um diesen Genetik-Professor, der mithilfe eines Fragebogens eine Frau finden will. Der dann tatsächlich eine Frau findet, die aber völlig ungeeignet und am Ende doch die einzig Richtige ist. Es kommt ein spannender, teils kontroverser 'supporting cast' vor, allen voran Don's bester Freund, ein herzlicher Psychologie-Professor, der nicht merkt, wie sehr seine Ehefrau unter dem Prinzip der 'offenen Ehe' leidet, Don aber ständig über Beziehungen berät. Es kommt zu einem Haufen witziger Momente, und Don ist ein derart skurriler aber grundsympathischer Kerl, dass man ihn ins Herz schließt und sehr mit ihm mitfiebert. Und Rosie ist ein bunter, freigeistiger Wirbelwind von Frau, wie man sie nur mögen kann.

Das Problem ist, dass die erzählende Hauptperson, Don Tillmann, sich irgendwo auf dem autistischen Spektrum befindet. Es wird absichtlich nicht ausgesprochen, aber offensichtlich hat er ein undiagnostiziertes Asperger-Syndrom, über das er selbst so gekonnt einen treffenden Vortrag hält. Mein Problem damit ist nun, dass ich mich mit diesem Thema gut auskenne. Etwas zu gut. Tatsächlich bin ich Mutter eines halbwüchsigen 'Aspie' und kenne noch etliche weitere Exemplare dieser besonderen Spezies.

Und da beginnen meine Schwierigkeiten mit Don, mit Rosie und mit der ganzen Geschichte: Ich vergleiche zu sehr. Ich weiß zuviel. Und andererseits weiß gerade ich, dass kein Aspie ist wie der andere, und dass jeder Vergleich genau deshalb wieder hinkt. Und bei alledem verliere ich aus den Augen, dass The Rosie Project eigentlich kein Buch über das Asperger-Syndrom ist, sondern eine humorvolle, liebenswürdige Geschichte über zwei Menschen, die sich trotz aller Gegensätze finden und lieben.

Denn das ist es: Humorvoll. Man lacht viel, wenn Don aufgrund seiner Veranlagung immer wieder in Fettnäpfchen tritt und in seltsame Situationen gerät. Man lacht schönerweise dabei nicht über ihn, sondern über die Situation an sich und was geschieht. Da beweist Simsion genügend Fingerspitzengefühl und stellt Don nicht als unfreiwilligen Clown dar. Es hilft natürlich auch, dass wir die Geschichte durch Don's Augen sehen und seine Perspektive annehmen. Das hilft zu verstehen und hält uns sogar oft einen Spiegel vor. Don's wortwörtliche Logik stellt sich mehr als einmal als klarer und eigentlich 'normaler' heraus als die aller anderen. Zudem lösen sich diese Situationen fast durchweg positiv auf, bringen die Geschichte weiter und Don und Rosie ein Stück einander näher.

Es macht Spaß, den beiden auf ihrem Weg in eine Liebesbeziehung durch einige Auf und Abs zuzuschauen. Nirgendwo gibt es in der Geschichte Längen, dafür fast durchweg sympathische Hauptfiguren und einen Erzähler, dessen Weltsicht, Sprache und Erlebnishorizont genauso ungewöhnlich wie interessant sind. Und nach allem, was ich weiß und bisher erlebt habe, ist Don's leicht autistisches Wesen durchaus authentisch dargestellt: Seine Überkorrektheit, sein Kleben an Routinen und Ritualen, das wortwörtliche Verstehen von Ironie oder Idiomen, sein ausgeprägtes und starkes logisches Denken im Gegensatz zu seiner Naivität gegenüber Zwischenmenschlichem - das ist alles nicht nur lehrbuchmäßig sondern kommt auch tatsächlich im wahren Leben so vor.

ABER. Da haben wir's. Das große ABER. Don ist eben nur eine Sorte von Aspie. Und dazu noch ein ziemlich klischeehafter: Der hochintelligente, zahlenversessene, liebenswerte Freak. Dieser Typ wird in Literatur und Film gerne dargestellt, stellt in Wirklichkeit aber nur einen kleinen Prozentsatz von Asperger-Autisten dar. (Im Interview unten erzählt Simsion, dass 'Don' größtenteils auf der Beobachtung seiner akademischen Kollegen und Bekannten beruht und weniger auf recherchierten Fakten). Ja, es stimmt: Viele von ihnen haben Inselbegabungen und sogenannte 'Spezialinteressen', aber die meisten haben eine Durchschnittsintelligenz, und nicht wenige von ihnen landen aufgrund ihrer vielfältigen Schwierigkeiten nicht an Universitäten, sondern auf Förderschulen und in Arbeitslosigkeit.

Und selbst die hochintelligenten Aspies, die aufgrund ihres guten 'Durchkommens' im Leben dann meist gar nicht diagnostiziert werden, kennen die andere Seite der Medaille, die so gar nichts mit lustig oder romantisch zu tun hat. Es ist die Seite, die in The Rosie Project ein paar Mal angedeutet, aber leicht übersehen wird: Es sind die Missverständnisse, die sich eben nicht in Lacher auflösen, sondern in Tränen. Es ist Einsamkeit, weil Freundschaft und Beziehungen trotz allen Willens für Aspies ein Buch mit sieben Siegeln sind. Es ist Überforderung, wenn zu viel Neues passiert und die Ängste davor zu groß werden, um sie zu überwinden. Es ist der Schmerz, anders zu sein als die anderen und das immer wieder zu spüren zu kriegen. Und es sind die Konflikte mit dem Umfeld, mit der Familie, die für alle Beteiligten eine extreme Dauerbelastung sind.

Ich könnte hier noch ewig weitermachen, verkneife mir das aber. Es geht hier ja nicht um mich, sondern um Simsion's Roman. Ich will hier auch gar nicht gegen sein wirklich schönes Buch wettern. Zumal er zwischendurch eben immer mal wieder andeutet, dass auch Don schwierige Zeiten hinter sich hat. Dass die Beziehung zu Don's Familie problematisch war. Dass es in Don's Jugend dunkle Kapitel mit viel Kummer gegeben haben muss. Dass er und Rosie sich wirklich anstrengen müssen, um einen Weg miteinander zu finden, den sie gehen können. Nicht alles ist eitel Sonnenschein.

Ich möchte eigentlich einfach nur loswerden, dass man beim Lesen dieses Buches vorsichtig damit sein muss, sich ein Bild über autistisch veranlangte Menschen wie Don zu machen. Dazu ist es einfach zu einseitig dargestellt und klammert die problematischen Aspekte zu sehr aus. Dazu macht Simsion es sich am Schluss auch zu einfach: Dass Don sich einfach so ändert, nur für Rosie, ist nicht realistisch und gefällt mir auch nur bedingt.

Letztlich kommt es darauf an, was man von diesem Buch erwartet. Wenn man The Rosie Project als exzentrisch-humorvolle Liebesgeschichte lesen möchte, dann ist das kein Problem und sehr empfehlenswert. Absolut nett geschrieben, hoch unterhaltsam und mit einem Happy End, aus dem kein Kitsch trieft.

Wenn man aber etwas über Menschen mit Asperger-Syndrom lernen möchte, dann ist The Rosie Project nur ein Einstieg in ein hoch komplexes, schwieriges Thema, das hier etwas zu sehr verniedlicht wird. Im wahren Leben ist Autismus (und zwar in jeder Form) alles Mögliche, aber sehr selten lustig - außer man hat eine Menge Galgenhumor.

(Wer dieses Thema übrigens mit mir weiter diskutieren oder Literatur- und Filmtipps haben möchte, kann das gerne tun, hier in den Kommentaren oder über das Kontaktformular per Email. )

Zum Sprecher:

Dan O'Grady hört sich an, als würde er ein wissenschaftliches Experiment kommentieren. Und das passt. In seiner Stimme schwingen Logik und eine fast kindliche Neugierde mit, wobei Gefühle der verdeckte Subtext bleiben. Die Stimmlage bleibt relativ beschwingt, in Don's Stressphasen klingt eine gewisse Unruhe mit, aber die emotionalen Ausschläge sind gering. Das passt zu Don's akademisch-empirischem Wesen sehr gut und setzt den Text passend in gesprochene Worte um.

Ob die Erzählweise zu einem Aspie passt? Nun, auch da gibt es ein riesiges Spektrum. Aus meiner Erfahrung hören sich Asperger-Autisten oft ein wenig 'flach' an in der Betonung. Dazu kommt ein gewisser 'Vortragston' selbst im normalen Gespräch. Häufig klingen sie ein wenig altklug, was auch an der oft überkorrekten Sprache liegt und der Tendenz, im Bereich ihrer Spezialinteressen geradezu lexikalisch zu klingen.

Was Don angeht, passt das also. Es gibt aber genauso Aspies, die sehr emotional klingen, die sich weniger geschliffen ausdrücken, und auch solche, deren Stimme auffällig monoton ist. Man kann das also nicht über einen Kamm scheren. O'Grady orientiert sich offenbar an dem, was ihm die Ich-Erzählung als 'Sprachcharakter' vorgibt, und das macht er gut.

Wichtig zu wissen für Nicht-Muttersprachler: So wie Simsion, kommt O'Grady aus 'down under' (oder tut zumindest so). Australisches Englisch ist für Ungeübte nicht leicht zu verstehen, und selbst wenn 'Don' ausgesprochen deutlich und sauber spricht, muss man sich da schon reinhören und diesen Akkzent auch mögen. Sonst gibt es Verständnisprobleme, und das Hörbuch geht einem schnell auf die Nerven.

Fazit:

Eine nette, flott zu lesende Liebesgeschichte, gesehen durch die Augen eines liebenswerten, skurrilen Wissenschaftlers, der eine leichte Form von Autismus hat. Die Geschichte an sich funktioniert, wird nie langweilig und bietet viele Gelegenheiten zum Schmunzeln. Die Figuren sind sympathisch (auch wenn man sich über Don's dauer-fremdgehenden besten Freund gut streiten kann), allerdings allesamt ziemlich klischeehaft.

Das größte Klischee ist dabei die Hauptfigur selbst: Obwohl es nie ausgesprochen wird, hat Don eindeutig eine Autismus-Spektrum-Störung, vermutlich in Form eines Asperger-Syndroms. Es geht in dem Buch zwar nicht zentral um Autismus. Aber auf Don's besonderen Sicht- und Verhaltensweisen baut sich die ganze Geschichte eben auf. Und leider stellt Simsion Don's Problematik zu einseitig und verniedlicht dar. Das muss man wissen, wenn man The Rosie Project liest oder hört, sonst macht man sich ein falsches Bild.

Als leicht dahinfliegendes Sommer-Hörbuch wunderbar geeignet. Als Wissensquelle über Autismus nur bedingt.