Aschenbrödel für Erwachsene
von
Matthias
aus
Berlin, Deutschland
am
17.01.2013
Als Vielleser und -hörer, der in drei Jahrhunderten nach Futter stöbert, treibt mich seit einiger Zeit eine Frage um - warum erscheint mir oft die von Lehrern und Literaturprrofessoren zu Tode gehetzte Lektüre von Schmökern der Marlitt, Dumas, Gerstäcker und anderen weniger angestaubt als Klassiker von Storm und Fontane? Sind wir oberflächlicher geworden? Oder sind Liebe und Abenteuer bei ihnen doch doch zeit- und schnörkelloser gestaltet, als man uns in der Schule weismachen wollte?
Marlitts Bestseller aus den 1860er Jahren jedenfalls hab ich durchlitten und genossen wie lange keinen modernen Roman mehr. Klar - irgendwann erkennt man, dass Fe, unterdrücktes Adoptivmädchen bei (pseudo)christlichen Kleinstadtspießern, nichts andres ist als ein originell ausgeschmückes Aschenbrödel. Aber was macht die Marlitt daraus! Was für herrlich böse Menschen zeichnet sie da - was für eine gar nicht triviale Prosa ist das und wie gradios versteht es die Autorin, die Klischees nicht wie Klischees aussehen zu lassen! Und wie fesseld ist die Geschichte auch für heutige Ohren noch erzählt!
Die "Mamsell" entstand als Fortsetzungsroman für die populäre Zeitschrift "Die Gartenlaube" - und über alles Schmunzeln dieser frühen Form von Regenbogenpresse wird vergessen, wie leidenschaftlich das Blatt - anders als heutige Massenblätter - damal für echte Toleranz und freie Meinugsäußerung eingetreten ist. Dieser Geist durchweht auch den Roman, (lustig - die alte Mamsell liest natürlich auch die Gartenlaube, das ist wie ein spiegelbild im spiegelbild) dieses Feuer, die Gerechtigkeitsliebe fehlt mir manchmal bei den zurückhaltenden Granden Storm, Raabe, Fontane & co. Diese Art Literatur gehört auch zum deutschen Kulturerbe, und es ist schön, dass ein Verlag wie Rattenreiter vorurteilslos einen wirklich gut geschriebenen Schmöker wieder zugänglich macht.
Und noch dazu genial gelesen von Gabriele Blum! Ich hoffe auf weitere Marlitt-Bücher mit ihr!
25 von
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Viel Charme aus vergangenen Zeiten
von
Dragonfly
aus
Deutschland
am
26.03.2013
Das Geheimnis der alten Mamsell ist zum Teil Kritik an einer Gesellschaft, die wir uns heute gar nicht mehr vorstellen können. Es geht um Standesdünkel und Vorurteile, die es zu überwinden gilt, aber auch um Eitelkeit und emotionale Grausamkeit unter dem Deckmantel von Frömmigkeit.
Dennoch gelingt es der willensstarken Protagonistin sich unter diesen Umständen zu emanzipieren und ihr Glück zu finden, denn wir haben es auch mit einer beinahe poetisch romantischen Liebesgeschichte zu tun. Und trotz des leicht angestaubten Flairs ist die Geschichte alles andere als langweilig. Das Sprachniveau ist hier hervorragend und Gabriele Blum liest in einer Weise, dass es richtig Spaß macht zuzuhören.
8 von
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