Geschichte eines Menschen
von
raideninc
aus
Dortmund, Deutschland
am
27.01.2013
Nietzsche kannte in seiner Moralphilosophie ein Prinzip, das er u.a. "nachträgliche Vernünftigkeit" nannte. Gemeint ist, dass wir (moralische) Entscheidungen treffen, und uns im Nachhinein dafür eine Begründung zurecht legen - und da diese Begründung nachträglich ist, ist sie immer von der eigentlichen Entscheidung losgelöst, getrennt, fiktional. Unwahr.
Liane Dirks Schilderung des Lebens ihres Vaters kommt (fast) durchgehend ohne Begründungen aus, ohne "nachträgliche Vernünftigkeit", ohne Erklärungsmodelle.
Sie schildert das Leben, ohne es zu begründen. Denn seien wir ehrlich: Jede Begründung wäre nachträglich, fiktional, unwahr.
Was bleibt ist eine Biographie, die den Leser allein lässt. Allein mit Hoffnung, Zweifel, Schock, Abscheu, Mitleid, Trauer, Fragen - aber mit einem nicht: Unglauben.
Und allein gelassen bleibt es jedem selbst überlassen, seine eigenen Antworten zu finden. Und ist das nicht der Effekt eines jeden guten Buches?
Gerechtigkeit, Fairness, Buße - das alles ist nicht Teil von Liane Dirks Geschichte; es war nicht Teil von Günther Dirks Geschichte. Ohne Pathos, ohne emotionale Effekthascherei, aber in seiner Wirkung doch mit einer klaren Wertung.
Die Autorin liest selbst. Sowas kann man eigentlich gar nicht bewerten. Wer, wenn nicht die Autorin, kann schon sagen, wie etwas gelesen werden soll? Eindringlich ist es geworden. Persönlich. Es geht unter die Haut, je weiter die Lesung voran schreitet.
Wer Verteufelung sucht, ließt/hört lieber ein anderes Buch; dieses kommt durchweg ohne sie aus - braucht sie gar nicht - und zeichnet dennoch ein klares Bild: Von manchen Erfahrungen kommt man Zeit seines Lebens nicht los. Aber es hilft, den Missetäter zu beerdigen. Und manchmal, ein Buch darüber zu schreiben.
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