Glanz und elend der Raabe-Welt
von
Matthias
aus
Berlin, Deutschland
am
22.09.2012
Siegfried Jacobsohn bemerkte mal in seiner erbarumgslosen Art - Deutschland hätte zwischen 1848 und 1871 nicht ein einziges Werk von weltliterarischem Rang hervorgebracht - eigentlich erstaunlich bei einem Literaturvolk. Hört man sich Raabes Roman aus den 1860er an, versteht man sofort, warum sich das Ausland damals gähnend abwandte. Zum einen ist Raabe ein blendender Stilist und beschreibt seine Figuren - irreführenderweise Kleinstädter und nicht Dörfler - mit kauzigen, oft sogar genialem humor. Daziwschen stecken wie Mandeln im Kuchen großartige Aphorismen.
ABER - bei alldem bleibt doch - anders als bei vielen franzöischen, russischen oder englischen Werken der Zeit - ein maues Gefühl der Betulichkeit, des muffigen Spießertums zurück, und auch Raabe ist nicht gefeit vor den geschmäcklerischen Entgleisungen dieser finsteren Epoche. Die Beschreibung der Frauen erregt Brechreiz, diese Diminuitive ! Die "Köpfchen" "Herzchen" und "Löckchen" ! Diese tugendhafte Unschuld! Da gibt es -neben wirklich großartigen und sehr lustigen Passagen - auch jede Menge angestaubten Mist, gegen den sogar Fontane hochmodern wirkt.
Rainer Unglaub verstärkt sowohl die schönen wie die peinlichen Züge - seine einschmeichelnde, manchmal etwas feierliche Art trägt nicht grade dazu bei, die zeitgebundenen Spießigkeiten abzuschwächen - andererseits transportiert er den schrulligen Humor genau richtig. Kurz - eine Achterbahnfahrt der Gefühle.
4 von
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